Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.06.2016

481_Generation Lahm

Gerade habe ich wie­der gele­sen, dass die Jugend von heute so schreck­lich ange­passt sei. Das stand im SPIEGEL, und zwar im Rah­men der Bericht­er­stat­tung über den Fuß­ball­spie­ler Julian Drax­ler. Und dass er gerne Grieß­brei esse. Als ver­rate die Vor­liebe für Grieß­brei anti­re­vo­lu­tio­näre Per­sön­lich­keits­merk­male. Womög­lich hätte es dem SPIEGEL bes­ser gefal­len, wenn Julian Drax­ler mor­gens ein Tüt­chen Schrau­ben kauen würde. Aber er scheint ein net­ter Typ zu sein und sehr ange­passt. Und da muss man ich doch mal fra­gen: Warum auch nicht? Die Gene­ra­tion Drax­ler nimmt sich nun ein­mal nicht Ste­fan Effen­berg zum Vor­bild son­dern Phil­ipp Lahm. Und der mochte ver­mut­lich auch schon Grieß­brei und ist damit Welt­meis­ter gewor­den.
Die Jam­me­rei über die poli­ti­sche oder kul­tu­relle Harm­lo­sig­keit unse­res Nach­wuch­ses geht mir jeden­falls auf den Keks. Ich mag es nicht, wenn stän­dig behaup­tet wird, unsere Kin­der seien so schreck­lich unin­ter­es­sant. In Wahr­heit waren wir genauso unin­ter­es­sant. Warum sollte man auch mit 18 Jah­ren wahn­sin­nig inspi­rie­rend für seine Umwelt sein. Umge­kehrt wird ein Schuh dar­aus: Die Umwelt und die Älte­ren sol­len gefäl­ligst inter­es­sant sein, damit die Jün­ge­ren von ihnen ler­nen wol­len.
Ich komme auch des­we­gen gerade dar­auf, weil ich mich län­ger mit dem acht­zehn­jäh­ri­gen Flo­rian unter­hal­ten habe. Das war auf einer Party. Da hatte eine Fami­lie sämt­li­che ihrer Freunde und alle Freunde ihres Soh­nes ein­ge­la­den, um des­sen bestan­dene Abitur­prü­fung zu fei­ern. Es war ein schö­nes Fest. Jeder brachte etwas zu Essen mit, es wurde getanzt. Es gab kühle Getränke. Und irgend­wann saß ich eben neben Flo­ran. Er war in sei­nem Abitur-Jahrgang so etwas wie ein klei­ner Star der Thea­ter­gruppe, hatte drei Jahre lang dort die Haupt­rol­len gespielt und auch im Kunst­un­ter­richt geglänzt. Auf meine Frage, was er nun aus sei­ner künst­le­ri­schen Bega­bung zu machen gedenke, ant­wor­tete er: „Nichts.“
Er habe sich umge­se­hen und im Inter­net recher­chiert. Schau­spie­ler und Künst­ler ver­dien­ten prak­tisch kein Geld. Das Risiko, seine Fami­lie damit spä­ter nicht ernäh­ren zu kön­nen, sei ihm zu groß. Und daher habe er beschlos­sen, Jura zu stu­die­ren. Ich hätte ihm sagen kön­nen, dass er unbe­dingt sei­nem Talent nach­spü­ren solle, mehr noch: Dass er die Ver­pflich­tung habe, das Geschenk sei­ner Bega­bung der Gesell­schaft zur Ver­fü­gung zu stel­len. Dass es zu viele schlechte Juris­ten und zu wenig gute Schau­spie­ler gebe. Und dass es nicht darum gehe, irgend­wen zu ernäh­ren, son­dern her­aus­zu­fin­den, was man im Leben am bes­ten könne und es nicht zu ver­schwen­den. Und dann lag mir noch auf der Zunge, dass das mal wie­der typisch sei für seine blöde ange­passte Gene­ra­tion.
Aber zum Glück hielt ich meine Klappe. Denn als ich dar­über nach­dachte, fiel mir ein, wie das in mei­nem Abitur­jahr­gang war: Der wun­der­bare Fuß­bal­ler Ralf absol­vierte eine Bank­lehre. Die zeich­ne­ri­sche Natur­be­ga­bung Mela­nie stu­dierte BWL, der Schau­spie­ler Marc Medi­zin und der hoch­mu­si­ka­li­sche Fried­rich ver­schwand in einem Theo­lo­gie­stu­dium und wurde schließ­lich Reli­gi­ons­leh­rer an einer Real­schule in Essen. Kei­ner von denen, die damals bei uns krea­tiv die Welt aus den Angeln hätte heben kön­nen, hat es sich getraut. Kein Ein­zi­ger und keine Ein­zige. Und immer hieß es: Ich lerne jetzt erst ein­mal etwas Ver­nünf­ti­ges, dann kann ich hin­ter­her immer noch Musik machen. Oder: Ich stu­diere bis zum Diplom, dann habe ich auf jeden Fall etwas in der Tasche für spä­ter. Ich fand nicht, dass es mir zustand, Flo­rian Vor­würfe zu machen. Also sagte ich zu ihm: „Na klar. Jura. Ich ver­stehe. Dann kannst Du ja spä­ter in einem Lai­en­thea­ter immer noch Schau­spie­ler sein. Das macht ja auch Spaß.“ Er nickte und wir pros­te­ten uns zu.
Dann kam meine Toch­ter vor­bei. Sie will spä­ter schrei­ben und ich hoffe, dass sie sich das traut und kein Jura­stu­dium beginnt. Aber die Zukunfts­sor­gen kann ich ihr nicht neh­men. Sie lachte mich an und wollte mit mir tan­zen. Es lief keine poli­ti­sche Auf­bruchs­mu­sik, die Revo­lu­tion fand nicht statt an die­sem Abend. Wir tanz­ten zu Jus­tin Tim­ber­lake und es fühlte sich rich­tig an.