Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.03.2017

519_Pausenbrotforschung

Eine Umfrage unter den Eltern in der Umgebung des Pubertierlabors hat ergeben, dass es sehr unterschiedliche Gebräuche bei der Herstellung von Pausenbroten gibt. Der Versuchsleiter hat sich eingehend damit befasst, weil die Beobachtungsobjekte Carla und Nick beständig an der Beschaffenheit ihrer Pausenbrote herumnörgeln, welche ihnen mit Liebe und unter Zuhilfenahme von hochwertigen Lebensmitteln schultäglich zubereitet werden.
Nach der eingehenden Verhaltensforschung im Umfeld des Labors kommt der Versuchsleiter zu dem Schluss, dass seine Probanden es sehr gut haben. Anderswo gibt es entweder gar keine Brote mehr, weil man die Kinder für zu alt hält. Oder es gibt immer dasselbe, was den Kindern langfristig ein Gefühl von Ausgeliefertsein vermittelt und zu einer Art Pausenbrothospitalismus führt, der sich in gleichgültigem Mümmeln ausdrückt. Hinzu kommt fehlende Geschmacksbildung: Wer immer nur Analog-Edamer isst, wird die Qualität eines reifen Stilton oder Roquefort nicht schätzen lernen.
Der Versuchsleiter und seine Gattin setzen daher seit Jahren auf Qualität und zaubern Tag um Tag kleine Pausenkunstwerke. Mehrstöckige Brote mit Putenbrust und Ei zum Beispiel. Oder ein architektonisch fragiles Gebilde aus angetoastetem Schwarzbrot, Senf, zwei Sorten Käse und Tomaten, zusammengehalten von einem Zahnstocher. Dazu gibt es geteiltes Obst und manchmal sogar entkernte Trauben. Auch Müsli wurde schon mitgegeben oder Rührei im Brötchen mit Schnittlauch und Speckwürfelchen. Was man alles macht, damit die Kinder später keine Banken überfallen und sich dabei auf ihre traurige Kindheit berufen.
Denoch wird das Speisenangebot des Öfteren harsch kritisiert. So bezeichnete Nick ein halbes Brötchen mit Zwiebelmett als Bauarbeitermarmelade. Den Honig auf seinem Rosinenbrot nannte er „verdammte Bienenscheiße,“ die Fenchelsalami beschimpfte er als „Mafiagurke“. Trotz der zum Teil heftigen Anfeindungen seiner Pausenbrotpolitik hat der Versuchsleiter bisher angenommen, dass seine Ware in fatalistischem Hungerwahn letztlich immer verzehrt wurde. Dies hat sich jedoch als unzutreffend herausgestellt. In der vergangenen Woche entleert er die Sporttasche des männlichen Pubertiers und entdeckt darin eine Plastikdose mit einem in Verwesung befindlichen Butterbrot sowie geschälten Möhren und Tomaten, die sich im Zuge ihrer Kompostierung bereits zu einem graugrünen Gemüse vereint haben.
Dies führt zu einem längeren Gespräch mit beiden Pubertieren, in dessen Verlauf sie zugeben, bereits sei Monaten die Kreationen des Versuchsleiters nicht mehr zu essen. Der beleidigte Versuchsleiter erwägt daraufhin kurzzeitig, den Kindern einfach morgens jeweils drei Euro in die Hand zu drücken, damit sie sich irgendwas kaufen. Allerdings führt dieses Verfahren bekanntermaßen zu rauschhaften Ernährungsgewohnheiten bei Pubertieren. Beispielgebend hierfür ist die Familie Baumann in der Nachbarschaft. Dort erhalten die Kinder Essensgeld statt Pausenbrote. Die Kinder leben im Wesentlichen von PomBär und Spezi, die von einem ruchlosen Kioskmann unweit der Schule verkauft werden. Der Kerl fährt einen goldenen Mercedes.
Nachdem der Versuchsleiter die Auszahlung von Essensgeld verworfen hat, fragt er seine Beobachtungsobjekte, was sie sich zukünftig wünschen und zu seiner Verwunderung erbitten sie dringend die Beibehaltung der bisherigen aufwändigen Praxis. Diese verleiht ihnen nämlich einen enorm hohen sozialen Status innerhalb der Peer Group. Es stellt sich heraus, dass Carla und Nick täglich die Wunderwerke ihres Vaters gegen banale Käsestullen, Bananen und Teewurstbrötchen von ihren Freunden eintauschen. Carlas Sitznachbar Felix schätzt besonders die Roastbeef-Tomaten-Variationen. Nicks Kumpel Finn freut sich regelmäßig über das Gorgonzola-Birnen-Rucola Sandwich. Es scheint so, als sei der Versuchsleiter im gesamten Freundeskreis ausgesprochen bekannt und beliebt. Der überaus geschmeichelte Versuchsleiter wird das Verfahren bis auf weiteres beibehalten, denn er mag es, von jungen Menschen geschätzt zu werden. Auch wenn sie nicht seine Kinder sind.