Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.07.2017

535_Erste Etappe

Als Zuschauer der Tour de France fand ich schon immer seltsam, dass diese bunten Menschen eine Bergstraße doppelt so schnell hinauf fahren wie ich hinunter. Viele Teilnehmer der letzten Jahre waren Apotheken auf Rädern. Sie hätten als Medikamenten-Kuriere arbeiten sollen, nicht als Radsportler. Nach dem großen Doping-Skandal um Lance Armstrong war für mich die Tour de France dann endgültig abgehakt.
Nun verleiteten mich aber in der vergangenen Woche zwei Umstände dazu, doch einzuschalten: Erstens führte die erste Tour-Etappe durch Düsseldorf, was mich rührte, weil meine erste Lebens-Etappe ebenfalls durch Düsseldorf geführt hat. Und dann hatte ich zweitens einen riesigen Stapel Wäsche zu bügeln, was bei mir von langweiligen TV-Programmen untermalt wird. Ich fand die Tour de France ideal zum Bügeln.
Der Kommentator sorgte dann dafür, dass man beim nicht Hinsehen gar nicht merkte, dass da ein Radrennen lief. Er kommentierte alles Mögliche, bloß keinen Sport. Das musste er auch, weil das Rennen über weite Strecken aussah wie der Radelausflug der freiwilligen Feuerwehr Mettmann. Zunächst ging es gemütlich durch die City, dann wurde angehalten und ein Orchester spielte. Anschließend wurden Erfrischungen gereicht, bevor die Herren weiterfuhren. Weiter hinten hielten welche an und pinkelten, was man in Düsseldorf im öffentlichen Raum, besonders in der Altstadt, gewohnt ist. Man sah die Teilnehmer auch Brötchen auswickeln oder sich unterhalten. Toller Sport.
Dazu passt, dass die Regeln völlig undurchschaubar sind. Man denkt, Alle fahren gemeinsam los und wer als Erster ankommt, hat gewonnen. Das ist aber nicht so, denn die allermeisten Fahrer haben keine Chance auf den Sieg und werden auch nicht dafür bezahlt, sondern offensichtlich dafür, dass es mit ihnen nicht so leer ist auf der Straße. Dann gibt es jene, die nur auf Bergen gut sind und jene, die nur sprinten können und einige, die lediglich als fahrende Windschatten für die Stars arbeiten. Der Kommentator erzählt derweil, dass Schloss Benrath mit Betonung auf „Ben“ ausgesprochen werde, und nicht auf „Rath“. Eigentlich genau wie Rennrad, aber das sagte er leider nicht.
Es gibt zwischendurch Einzelwertungen, die mit Punkten belohnt werden. Was man mit den Punkten macht, habe ich nicht verstanden. Oder es hat niemand gesagt. Jedenfalls gibt es die erste Bergwertung der Tour im deutschen Mittelgebirge, nämlich in Grafenberg, einem brisanten Düsseldorfer Stadtteil mit einem Hügel, einem Golfplatz, einer psychiatrischen Fachklinik und einer Straßenbahnlinie, die sogar bis Neuss Hauptbahnhof fährt.
Ich absolviere ebenfalls meine erste Bergwertung bei der Plättung einer hochkomplexen Bluse meiner Tochter. Eigentlich bin ich ein Routinier. Wenn ich richtig Dampf mache, ist ein Hemd in vier Minuten fertig, wobei ich Doping in Form von Sprühstärke ablehne. Ein Hemd muss alleine mit dem Gerät und reiner Muskelkraft geplättet werden, sonst ist die Etappe ungültig. Da unterscheide ich mich nicht von einem moralisch festen Radsportler. Solche fahren nun durch Derendorf, wobei im Bild „Niederkassel“ eingeblendet wird. Lügenpresse. Anschließend geht es durch Meerbusch und der Kommentator vergisst zu erwähnen, dass das Gemeindegebiet zwischen 1794 und 1814 zu Frankreich gehörte, was den imperialistischen Charakter der Veranstaltung rechtfertigen würde.
Jeans sind meine Flachetappen, ich bügle zumindest den unteren Teil jedes Hosenbeins sowie T-Shirts und Unterhosen, denn es gibt kein erhebenderes Gefühl, als das Betreten einer frisch gebügelten Unterhose. Das ist, wie im Fahrtwind die Jacke des Radtrikots zu öffnen. Schließlich fahren die Tour-Sportler noch durch Düsseldorf-Heerdt, was außer ihnen niemand freiwillig machen würde und dann sind sie weg, Richtung Belgien. Ich habe meine Bügeletappe absolviert und räume auf. Ich bin im Zeitbügeln leider unter meinen Möglichkeiten geblieben, am Ende hatte ich schwere Beine und einen Hungerast, aber es kommt wieder ein Sonntag, an dem ich angreifen kann. Ich danke meinen Sponsoren, den Ausrüstern und den vielen, vielen Zuschauern, die mich so frenetisch angefeuert haben.