Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.07.2016

484_Verkehrserziehung

Carla kam von der Fahr­stunde und war genervt. Die ande­ren Auto­fah­rer seien Dep­pen und Trot­tel und jede Fahrt bereite ihr tota­len Stress. Es sei näm­lich so, dass die meis­ten Män­ner Gri­mas­sen zögen, die man im Rück­spie­gel gut sehen könne. Sie über­hol­ten aggres­siv und schau­ten dann genervt zu ihr rüber. Sie fühle sich stän­dig unwohl im Auto. Das kann ich gut ver­ste­hen. Es muss irgendwo im Mann eine Art Spe­zi­al­gen geben, das die­ses Beneh­men gegen­über Fahr­an­fän­gern steu­ert und das dümmste zutage för­dert, näm­lich Igno­ranz, Rück­sichts­lo­sig­keit und Aggres­sion. Dabei ist es doch eigent­lich sehr in Ord­nung, wenn Anfän­ger hübsch lang­sam und defen­siv fah­ren. Man stelle sich bloß mal das Gegen­teil vor, das kann doch kei­ner wol­len.
Um ihr Selbst­ver­trauen zu stär­ken, fuhr ich mit Carla zum Bio­top für Fahr­schü­ler, dem so genann­ten Ver­kehrs­übungs­platz. Dort kann man keine Omis über­fah­ren oder Blech­schä­den ver­ur­sa­chen, es ist eine Ide­al­welt für sieb­zehn­jäh­rige Mäd­chen. Carla schlich über den Par­cours, wobei sie zunächst eine Minute lang an einem Stopp­schild anhielt, um anschlie­ßend den Motor abzu­wür­gen. Dann bog sie ver­kehrt­herum in den Kreis­ver­kehr ein, weil sie so etwas zuletzt auch bei der Tour de France gese­hen hatte. Immer­hin gelang es ihr mit einer ful­mi­nan­ten Voll­brem­sung, den Fron­tal­zu­sam­men­stoß mit einem hoch­bei­ni­gen Audi zu ver­hin­dern. Am Steuer saß ein Jüng­ling, der von sei­nem Vater ermu­tigt wurde, das Fens­ter her­un­ter­zu­fah­ren und meine Toch­ter wie von Sin­nen anzu­brül­len. Sein Vater hielt das offen­bar für eine sinn­volle Ver­kehrs­übung und tät­schelte wohl­wol­lend sei­nen Kopf.
Dann fuh­ren wir durch eine Stre­cke mit Pylo­nen, deren Sinn Carla dahin­ge­hend inter­pre­tierte, dass man mög­lichst viele von den Din­gern abräu­men müsse. Wie beim Bow­ling. Sie schaffte 16 von zwan­zig Stück und wollte, von die­sem nicht so schlech­ten Ergeb­nis ange­sta­chelt, gleich noch ein­mal durch­fah­ren, aber ich bestand dar­auf, dass wir Anfah­ren am Berg und Ein­par­ken üben müss­ten, weil das sehr gefragte Maß­nah­men sind, beson­ders in San Fran­cisco, Kitz­bü­hel und Wup­per­tal. Carla ent­le­digte sich die­ser Auf­ga­ben mit Bra­vour, auch wenn ich zuge­ben muss, dass 17maliges Kor­ri­gie­ren in einer Park­lü­cke von 12 Metern Breite durch­aus rekord­ver­däch­tig erscheint.
Dann kreuz­ten wir durch ein ange­deu­te­tes Wohn­ge­biet mit zahl­rei­chen Vorfahrt-Situationen. Carla ver­hielt sich umsich­tig wie eine Eule, drehte den Kopf vor­schrifts­mä­ßig um 190 Grad, dann wurde ihr die Vor­fahrt von dem jun­gen Lack­af­fen im Audi genom­men, der ein­fach durch­heizte und nicht ein­mal zur Kennt­nis nahm, dass wir von rechts kamen. Da war ich mit mei­ner Geduld am Ende. „Hin­ter­her“, brüllte ich, „Tempo!“ Carla gab Gummi. Wir ver­folg­ten den Kerl und sei­nen Vater. Ich dachte daran, die bei­den bei der nächs­ten Gele­gen­heit zu über­ho­len, aus­zu­brem­sen und den Racker aus dem Auto zu zie­hen, um ihm eine Back­pfeife zu ver­pas­sen. Und sei­nem Ollen auch. Lei­der saß ich nicht am Steuer und so gestal­tete sich die Ver­fol­gungs­jagd etwas zäh, zumal Carla das Tem­po­li­mit von 30 Km/h ach­tete und sogar deut­lich unter­schritt. Sie erklärte mir, dass ihr irgend­wie der Mut fehle.
Da erin­nerte ich sie an ein Spiel, von dem mir ihr Bru­der Nick erzählt hat. Es ist das Lieb­lings­spiel aller 13jährigen Jungs und es geht so: Einer sagt leise „Penis“, dann ist der zweite dran und sagt etwas lau­ter „Penis“, dann wie­der der erste, wie­der etwas lau­ter. Wer sich nicht mehr traut, hat ver­lo­ren. Nick und sein Kum­pel Finn spie­len das immer in der S-Bahn. Jeden­falls muss man auch mal ein Wag­nis ein­ge­hen, mutig sein, über Gren­zen kom­men. Sagte ich. Carla nickte ent­schlos­sen. Dann bog sie links ab, schlich sich an die nächste Kreu­zung heran und fuhr das Bei­fah­rer­fens­ter run­ter. Als der Audi von rechts nahte, ließ sie die Kupp­lung los, don­nerte scharf vor ihrem Wider­sa­cher über die Straße und brüllte aus Lei­bes­kräf­ten „Penis!“ Mir blieb fast das Herz ste­hen. Und den Män­nern im Audi auch.
Wir fuh­ren dann bald nach Hause. Beim Abend­es­sen erzählte Carla ihrer Mut­ter, der Nach­mit­tag mit ihrem Vater sei eine Anlei­tung zu weib­li­cher Selbst­er­tüch­ti­gung gegen das Pimmel-Patriarchat auf der Straße gewe­sen. Beide Frauen waren dann sehr stolz auf mich.