Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.05.2016

476_Unfassbare News

Sie wer­den nicht glau­ben, was Sie gleich lesen. Von mir für Sie aus­ge­macht: Die drei größ­ten Seu­chen der Gegen­wart. Num­mer drei wird Ihnen den Atem ver­schla­gen. Und damit sind wir schon bei Seu­che Num­mer eins: Jenen schwach­sin­ni­gen Ansa­gen, mit denen im Inter­net Arti­kel ange­prie­sen wer­den, die sich beim Lesen anschlie­ßend als reine Zeit­ver­schwen­dung her­aus­stel­len. Man spricht von Click­bait­ing, wenn bei­spiels­weise ange­kün­digt wird, dass Seu­che Num­mer drei einem den Atem ver­schlägt.
Klas­si­sche Kon­di­tio­nie­rung nennt man das und es funk­tio­niert bei Hun­den sehr gut, bei Men­schen offen­bar auch. Jeden­falls für eine Weile. Nach vie­len Ent­täu­schun­gen wird jedoch auch dem Dümms­ten klar, dass mit Super­la­ti­ven ange­klin­gelte Arti­kel zu mei­den sind. Ich zähle zu die­sen Dümms­ten und kli­cke nichts mehr an, was mir wie die Ent­de­ckung des Bern­stein­zim­mers ange­kün­digt wird, dann aber ledig­lich die neue Kra­watte von Sami Khe­dira ent­hält. Der nächste Absatz die­ser Kolumne wird Sie übri­gens kom­plett fer­tig­ma­chen.
Gut, das war jetzt dick auf­ge­tra­gen, aber immer­hin mich macht es kom­plett fer­tig, dass diese Über­trei­bungs­me­cha­nik inzwi­schen von den sozia­len Netz­wer­ken in die Sprach­kul­tur mei­ner Kin­der über­ge­schwappt ist. Ges­tern erklärte mir mein Sohn, ich werde stau­nen, was er mir nun sagen werde. Und zwar: Gleich komme „Family Guy“ im Fern­se­hen. Ich staunte kein biss­chen, denn „Family Guy“ kommt andau­ernd im Fern­se­hen und er muss es andau­ernd anse­hen. Seine große Schwes­ter zeigte mir ein paar Fotos von einem Lager­feuer mit Freun­den und teilte mit, das zwölfte Bild sei der Ham­mer. Es zeigte ihren Freund Luca, der angeb­lich fünf Mar­sh­mel­lows gleich­zei­tig im Mund hatte, was aber genauso aus­sah als habe er ein­fach nur viel Luft in den Backen. Ent­schie­den bri­san­ter fand ich Bild 19, auf dem zu sehen war, wie fünf Kna­ben ver­such­ten, eine bren­nende Wiese aus zu pin­keln.
Und damit zu Seu­che Num­mer zwei, die Ihnen den Boden unter den Füßen weg­zie­hen wird. Seu­che Num­mer zwei heißt „Whats­App.“ Alle mir bekann­ten Men­schen haben die­sen tosen­den Mes­sen­ger­dienst instal­liert. Nach­rich­ten kün­di­gen sich durch ein Geräusch an, das in etwa so klingt wie der ver­geb­li­che Ver­such einer Stu­ben­fliege, sich aus einem Glas Pflau­men­mus zu befreien, unge­fähr so: „Wwwh wwwh.“ Dazu vibriert das Tele­fon mit einer Dring­lich­keit, als sei soeben der Hei­land erschie­nen und bestelle drei Bier.
Whats­App hat Face­book bei uns längst den Rang abge­lau­fen, was ich irgend­wie selt­sam finde, denn im Grunde genom­men ist das ja nur SMS in etwas schi­cker. Unsere Toch­ter ist Teil von unge­fähr zwan­zig Grup­pen mit ver­schie­de­nen Inter­es­sen, die sich unun­ter­bro­chen dar­über aus­tau­schen, wer einen Feu­er­lö­scher zum Grill­abend auf der Wiese mit­bringt (offen­bar nie­mand) oder wer mit ins Kino kommt und wer den süßen Typen von der S-Bahn-Haltestelle kennt. Carla erscheint es völ­lig unvor­stell­bar, dass sich Jugend­li­che in den acht­zi­ger Jah­ren ein­fach Vor­mit­tags in der Schule für Nach­mit­tags ver­ab­re­de­ten, dann pünkt­lich auf­tauch­ten, Zeit mit­ein­an­der ver­brach­ten und wie­der nach Hause gin­gen; und zwar ohne zwi­schen­durch noch 200 Nach­rich­ten aus­zu­tau­schen. Meine Jugend kommt ihr absurd vor, aber sie fin­det es völ­lig nor­mal, mit ihrer Freun­din Emma zu whats­Ap­pen – und zwar wäh­rend diese neben ihr auf dem Bett sitzt.
Manch­mal möchte ich ihr Handy gerne mit einem gro­ßen Ham­mer zer­schmet­tern, dann ist Schluss mit „wwwh-wwwh.“ Neu­lich war es fast soweit. Mein Ver­such, mit Carla einen gemüt­li­chen Film­abend zu ver­brin­gen und „Das Fens­ter zum Hof“ anzu­se­hen, wurde durch stän­di­ges Vibrie­ren und Tip­pen tor­pe­diert, weil ihr Freund Maxim den Film eben­falls ansah und sich die bei­den wäh­rend­des­sen über Whats­App dar­über aus­tausch­ten, dass – wwwh wwwh – Grace Kelly ein hei­ßes Gerät und – wwwh wwwh – der Nach­bar mit der Brille ganz schön eklig sei. Carla sah nur unge­fähr ein Vier­tel des Films, fand ihn aber gran­dios, weil sie wäh­rend­des­sen auch noch die IMDB-Wertung las und den Wikipedia-Eintrag. Und damit end­lich zu Seu­che Num­mer drei. Seu­che Num­mer drei gibt es gar nicht. Die habe ich nur ange­kün­digt, damit Sie bis zum Ende dabei­blei­ben. Das ver­schlägt Ihnen den Atem. Oder?