Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.12.2016

504_Spazierganglabor

Wäh­rend an Werk­ta­gen bei Puber­tie­ren ein ste­ter Wech­sel von einer­seits gera­dezu kata­to­ni­scher Zocker­starre und ande­rer­seits rast­lo­sem Sport­trei­ben zu ver­zeich­nen ist, wird der Sonn­tag im Wesent­li­chen dadurch gefüllt, dass Puber­tiere lange schla­fen, um dann etwas aus­zu­ru­hen und auf der Couch zu chil­len. Zwi­schen­durch sind sie emp­fäng­lich für Nah­rung, nicht jedoch für Gesprä­che oder kör­per­li­che Betä­ti­gun­gen. Das fin­det der Ver­suchs­lei­ter prin­zi­pi­ell in Ord­nung, denn die Puber­tiere sind auf diese Weise wehr­los sei­nen Vor­trä­gen aus­ge­lie­fert, in denen er das Nichts­tun gei­ßelt und sei­nen Puber­tie­ren erzählt, dass es zu Zei­ten sei­nes eige­nen Urgroß­va­ters so etwas wie Sonn­tag für Kin­der gar nicht gege­ben habe, weil sie erst in die Kir­che, dann in die Sonn­tags­schule und schließ­lich in den Gar­ten muss­ten, um dicke Boh­nen aus­zu­ma­chen. Die Puber­tiere igno­rie­ren ihn und wid­men sich brum­men­den, zischen­den und pie­pen­den Vor­gän­gen an ihren Mobil­ge­rä­ten.
Der Ver­suchs­lei­ter hat Lust auf ein Expe­ri­ment und erin­nert sich an den Satz des Kaba­ret­tis­ten Hanns-Dieter Hüsch, dass es in jeder Fami­lie Spa­zier­gang­ge­ber und Spa­zier­gang­neh­mer gebe. Der Ver­suchs­lei­ter möchte das über­prü­fen und begibt sich in die Rolle des Spa­zier­gang­ge­bers. Als sol­cher setzt er sich zu den Puber­tie­ren und spricht: „So, liebe Kin­der, jetzt machen wir mal einen schö­nen lan­gen Sonn­tags­spa­zier­gang.“ Dann schreibt er mit, was die Puber­tiere ant­wor­ten, näm­lich: „Dig­ger, es ist neb­lig, mich kriegt nix von der Couch, es ist fast dun­kel, da habe ich angst, ich muss noch die gol­dene Lanze nach Ascha­roth brin­gen und meine Skills ver­bes­sern.“ Alles Aus­re­den, notiert der Ver­suchs­lei­ter und führt ins Feld, dass Kin­der regel­mä­ßig gelüf­tet wer­den müss­ten, weil sie sonst bei einem etwai­gen Not­ver­kauf nicht genug brin­gen wür­den.
Das männ­li­che Puber­tier Nick behaup­tet, Spa­zie­ren gehen sei eine totale Oppa-Tätigkeit. Nie­mand unter vier­zig gehe spa­zie­ren und er mache über­haupt nur lange Wege, wenn diese zu einem sinn­vol­len Ziel füh­ren. „Unser Zuhause ist das Ziel“, sagt der Ver­suchs­lei­ter, aber das weib­li­che Puber­tier winkt ab und stellt fest, dann sei ja alles gut, denn dann sei sie bereits am Ziel. Und außer­dem ginge sie nicht mit, weil sie ges­tern auf der Suche nach einem Paar Turn­schuhe bereits zwölf Kilo­me­ter durch die Stadt gelatscht sei.
Nun pro­biert der Ver­suchs­lei­ter eine andere Tak­tik und gibt als Ziel ein Wirts­haus an, in wel­chem Kuchen geges­sen wer­den kann. Das männ­li­che Puber­tier bemerkt ober­schlau, dass wenn das Wirts­haus das Ziel sei, man ja anschlie­ßend mit dem Taxi nach Hause fah­ren könne. Der Ver­suchs­lei­ter wird sauer und bringt sämt­li­che Jacken ins Wohn­zim­mer, wor­auf er als Skla­ven­trei­ber, Dik­ta­tor, Alpha-Kevin und Frisch­luft­nazi bezeich­net wird.
Auf den ers­ten hun­dert Metern bleibt die Gruppe noch dicht zusam­men, was auch an der Kon­ver­sa­tion lie­gen könnte, denn der Ver­suchs­lei­ter und seine Gat­tin spre­chen über Weih­nachts­ge­schenke. Der Ver­suchs­lei­ter wünscht sich einen schö­nen Was­ser­ko­cher, weil er den alten apo­ka­lyp­tisch häss­lich fin­det. Von jenem behaup­tet die Gat­tin jedoch, er sei nicht häss­lich, son­dern mar­kant und dar­über hin­aus ein Geschenk ihrer Mut­ter. Der Ver­suchs­lei­ter hofft, dass das ultrab­ru­tal scheuß­li­che Teil ein­fach stirbt.
Als die Spra­che auf Donald Trump kommt, lässt das männ­li­che Puber­tier abrei­ßen und trö­delt, es muss mehr­fach auf ihn gewar­tet wer­den. Bei der Kon­ver­sa­tion über die SPD-Kanzlerkandidatur kommt das weib­li­che Puber­tier kom­plett zum Still­stand und beklagt, dass die The­men für sie echt zu low seien. Das Ziel „Wirts­haus“ wird nach einem Sitz­streik der Puber­tiere auf der Straße einen Kilo­me­ter vor des­sen errei­chen in „Zuhause“ abge­än­dert. Ins­ge­samt stoppt der Ver­suchs­lei­ter eine Spa­zier­gang­dauer von 31 Minu­ten und vier­zehn Sekun­den, was er gut, aber aus­bau­fä­hig fin­det. Aus lau­ter Begeis­te­rung schlägt er eine schöne Tee­plau­der­stunde vor und bit­tet sei­nen Sohn, das Tee­was­ser auf­zu­set­zen. Das männ­li­che Puber­tier lässt wenige Augen­bli­cke spä­ter den Was­ser­ko­cher fal­len, der durch den Ver­lust des Grif­fes irre­pa­ra­bel beschä­digt wird. Der Ver­suchs­lei­ter steckt sei­nem Sohn dafür spä­ter heim­lich fünf Euro zu. Auf diese Weise haben beide etwas von dem Spa­zier­gang gehabt.