Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Allgemein — 14.10.2020

Die Klage der Nation

Das sind die beiden Tourplakate, die wir hoffnungsvoll haben drucken lassen. Für eine große Lesereise durch ganz Deutschland, vielleicht auch noch mit einem bisschen Österreich und Schweiz. An die sechzig Städte waren geplant, die Verträge unterschrieben, die Hotels teilweise schon gebucht. Und das Programm war auch fertig. Die Veranstalter, mein Booker und ich, wir haben uns richtig gefreut auf diese Tournee, die bis Anfang Mai gedauert hätte. Tja. Pustekuchen.
Es sind nur wenige Termine übrig geblieben. Für die meisten Veranstalter rechnet es sich nicht, unter den aktuellen Hygienebestimmungen Tickets zu verkaufen; auch nicht, wenn ich die Gage drastisch reduziere und die Reise– und Hotelkosten selber trage. Sie müssen ja dann immer noch Mitarbeiter an der Garderobe, am Einlass und an der Kasse bezahlen, dazu Licht- und Tontechniker, die Miete mit Nebenkosten, Catering, KSK-Gebühren, Gema, Steuern und was weiß ich nicht Alles. Dazu bräuchten sie deutlich höhere Einnahmen als jene, die sich gerade erzielen lassen. Und dann kommt noch etwas hinzu: Die meisten der fleißigen und engagierten Kulturschaffenden in Kleinkunstbühnen und Theatern haben eine Bühnenehre: Sie möchten schöne Veranstaltungen im Haus haben. Und es ist nicht schön, jede Besucherin und jeden Besucher einzeln zu ihren Plätzen zu begleiten und darauf zu achten, dass sich nicht jemand heimlich umsetzt oder irgendwelche Zettel falsch ausfüllt. Und dann dürfen die Betreiber noch nicht einmal Pausen machen und Getränke verkaufen. Keine Gastro. Auch dieser Umsatz bricht weg.

Ich habe kaum einen Veranstalter gesprochen, der gegen diese Regeln ist. Es wird wenig gejammert und viel versucht. Beides finde ich in Anbetracht der anrollenden Pleitewelle sehr ehrenwert. Zumal die Regeln ungerecht sind. Das betrifft auch Kinos. Dort wie im Theater auf der Bühne redet und singt und hustet eigentlich nur die Leinwand. Das Publikum schweigt in der Regel und sieht ausschließlich nach vorne. Dennoch gelten deutlich schärfere Vorschriften als in Zügen oder Flugzeugen. Dort wird inzwischen von den Betreibern weitgehend auf Mindestabstände gepfiffen, die Menschen essen, quatschen, singen und husten und sitzen so eng aneinander gedrückt wie eh und je.
Wäre der Lufthansa-Flug zwischen Hamburg und München eine Kulturveranstaltung, säßen die Verantwortlichen vermutlich längst im Gefängnis. Wegen konsequenter Nichteinhaltung der Corona-Regeln.

Nebenstehend sind im Tourplan alle Städte und Veranstaltungen aufgelistet, die es in diesem Jahr noch gibt. Natürlich unter Vorbehalt.Ich freue mich auf Euch, auf trotzdem lustige und aufregende Abende, wo immer wir uns begegnen.
Eine Bitte: falls Ihr Karten kauft und die Veranstaltung ausfällt oder verschoben wird: Gebt die Tickets nicht zurück. Ihr tragt auf diese Weise dazu bei, die Kultur in Eurer Stadt zu retten.

Gaudeamus igitur!