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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.02.2019

617_Das Gruselkabinett des Dr. Söder

Der deutsche Politiker, so viel Grausamkeit muss mal sein, ist wahrhaft kein Fest fürs Auge. Ich glaube, das würde auch von den betroffenen Personen nicht bestritten. Sie bilden ja einen gesunden Querschnitt aus der Bevölkerung und diese sticht im internationalen Vergleich ebenfalls nicht unbedingt durch Stilbewusstsein hervor. Der Deutsche verbringt eindeutig zu viel Zeit am Grill und zu wenig mit der kritischen Würdigung seines Kleiderschrankes.
An dieser Stelle soll, das ist mir ganz wichtig, nicht über das phänotypische Aussehen unserer Volksvertreter gelästert werden. Niemand kann etwas für sein Gewicht oder seine Größe. Außerdem zeugt es von einem enormen Selbstbewusstsein unseres Landes, dass wir einen Außenminister um die Welt schicken, der so klein ist, dass man immer erst genau hinschauen muss, ob er auf dem Foto vom Staatsbesuch überhaupt drauf ist. Dafür gehört Heiko Maas aber zu jenem hundertstel Prozent im deutschen Politikbetrieb, das wirklich gut angezogen ist.
Außer ihm fällt mir da auf Anhieb nur noch Andreas Scheuer ein, der immerhin eine gute Entscheidung pro Tag fällt, nämlich die für seine Garderobe. Danach geht es bei ihm bergab und abends fragt er sich womöglich vor dem Spiegel selbst, was er wieder den ganzen Tag für Dummheiten angestellt hat. Dann seufzt er wahrscheinlich und denkt: „Was soll’s, wenigstens habe ich gut dabei ausgesehen.“
Die Politikerinnen nehme ich übrigens aus dieser Betrachtung heraus. Fast jede Frau ist nämlich besser angezogen als fast jeder Mann. Und bei Politikerinnen gilt dies doppelt. Kaum jemand hat seinen politischen Gestaltungswillen jemals so deutlich in seiner Kleidung manifestiert wie Claudia Roth, die seit Jahrzehnten als fröhliche Silvesterrakete durch den Bundestag düst und in ihrer Farbtupfigkeit kaum jemals wird ersetzt werden können. Oder Ursula von der Leyen, deren Gutsfrauen-Style vollkommen authentisch wirkt und nur noch durch eine Reitpeitsche ergänzt werden könnte. Aber ich glaube, Peitschen sind, ähnlich wie Handfeuerwaffen und Grillbesteck im deutschen Parlament nicht erlaubt.
Gegen die Frauen wirken die männlichen Abgeordneten allesamt wie Würstchen im Schlafrock. Eigentlich eine Zumutung. Die Anzüge des bayerischen Ministerpräsidenten Söder sind wie Kurzarmhemden im öffentlichen Dienst: Sie erfüllen ihren Zweck und sehen schon vor dem Frühstück durchgeschwitzt aus. Vielleicht stört es ihn nicht, weil der schlechtsitzende Anzug eine Art Einstellungsvoraussetzung für deutsche Minister darstellt. Als Söder sein Kabinett präsentierte, bestand es ausschließlich aus albern verkleideten Durchschnittstypen. Jacketts zu kurz, Hosen zu lang, Schuhe passten nicht, zu breite Schultern, hässliche Krawatten und Hemden zu eng. So kommentierte ein englischer Schneider genussvoll bei Twitter die Herrenriege. Die knappen Hemden sind übrigens gewollt, denn wenn man in ihnen ganz tief Luft holt, kann man den politischen Gegner mit seinen Hemdknöpfen abschießen.
Nun könnte man natürlich einwenden, dass es für den politischen Prozess egal sein müsste, wie man herumläuft. Dieser Gedanke erinnert an einen alten Bundeswehrwitz, in dem der Stabsunteroffizier die nachlässige Uniform des Rekruten bemängelt und dieser darauf frech antwortet: „Wollen Sie’n Killer oder’n Dressman?“ Ähnlich verhält es sich auch mit Berufspolitikern. Die müssen ja nicht unbedingt gut aussehen, solange sie dem Volke nach Kräften dienen und anständige Gesetze verabschieden.
Das ist schon richtig, ja. Wenn sie aber nicht einmal das machen, dann sollten sie sich wenigstens anständig anziehen. Als einer der wenigen Spitzenpolitiker hat dies der Altkanzler Gerhard Schröder erkannt, der in den Jahren seiner Regentschaft häufig mit festlichem Grusel als „Brioni-Kanzler“ bezeichnet wurde. Bezogen auf Kleidungsfragen bei SPD-Parteitagen sagte er im Interview mit dem SPIEGEL: „Gerade unsere Leute erwarten, dass wir vernünftig auftreten.“ Außerdem ist er dafür, den Kanzlerkandidaten seiner Partei bei einer Urwahl zu küren. Ich würde vorschlagen, dass bei dieser Gelegenheit auch über Krawatten und Anzüge abgestimmt werden darf. Zum Wohle des Volkes sozusagen.