Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.10.2018

602_Gewaltfreie Blattsammlung

Wenn ich Zeit habe und es draußen ein bisschen frisch ist und die Blätter fallen und es nach Herbst duftet, dann erfreue ich mich an einer Tätigkeit, die mir als Talent quasi in die Wiege gelegt wurde. Wenn ich also dazu komme, dann mache ich im Herbst gerne: Gar nichts. Das ist ein schönes, aber anstrengendes Hobby. Schön, weil es mich inspiriert und entspannt, anstrengend, weil es keine Lobby in meiner Umgebung hat. Wenn ich nichts tue, werde ich von allen Seiten dazu angehalten, mich irgendwie zu betätigen. Man geht davon aus, dass ich darunter leide oder mich langweile, wenn ich untätig bin. Das ist zwar überhaupt nicht der Fall, trifft aber auf immensen Widerstand.
Ich liege also auf der Couch und sehe scheinbar ins Nichts, in Wahrheit aber ins Universum meiner Gedanken, als Sara neben mir auftaucht und mir erklärt, ich könne meinem Leben einen Sinn geben und das Kellerregal reparieren oder Blätter zusammenrechen. Stimmt, das wäre sinnvoll, aber nicht sehr nachhaltig, denn morgen sind da wieder Blätter. Und übermorgen ebenfalls. Ich ziehe es vor, die Blätter erst dann aufzusammeln, wenn alle Bäume keine mehr haben, die sie hämisch abwerfen können. Normalerweise schütte ich das ganze Laub Ende November über den Zaun auf das Grundstück der Dattelmanns. Oder ich kümmere mich im Frühjahr darum, bis dahin sind nämlich viele Blätter von ganz alleine abgehauen.
Aber diesmal gehen meine Erklärungen bei Sara ins Leere, denn seit kurzem wendet sie gewaltfreie Kommunikation an. Das ist gerade in unserem Bekanntenkreis sehr en Vogue, alle machen das. Es geht darum, seine Bedürfnisse klar zu äußern, aber ohne das Gegenüber abzuwerten oder unter Druck zu setzen. Sara sagt also nicht mehr wie früher, ich solle endlich mal das Laub rechen, sondern: „Ich wünsche mir so sehr von Dir, dass Du das Laub rechst“. Dagegen kann man beim besten Willen nichts ausrichten. Also ziehe ich meine Gärtnerausrüstung (hässlicher Pullover, schlimme Mütze, schreckliche Hose) an und latsche in den Garten, wo das Laub genau das macht, was ich jetzt machen wollte, nämlich faul rumliegen. Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, Mietminderung geltend zu machen, weil dieses Zeug jedes Jahr ab Oktober den Rasen quasi unbenutzbar macht und die Bäume zudem monatelang völlig kahl rumstehen. Und für diesen deprimierenden Anblick zahle ich auch noch einen horrenden Mietzins.
Jedenfalls reche ich missgelaunt vor mich hin, da steht plötzlich Dattelmann am Zaun. Das ist unser Nachbar. Er ist auch Leiter des Straßenvereins, den er ins Leben gerufen hat, um seine Nachbarschaft bei Grillfesten und Adventstees zu unterjochen. Und er ist Elternsprecher an der Schule. Und Nervensäge. Jedenfalls erklärt er mir ebenso ungefragt wie wortreich, dass er diese lästige Sache mit dem Laub an seine Kinder delegiert habe. Die müssten jedes einzelne Blatt nicht nur aufheben, sondern auch zählen und katalogisieren. Das mache ja sonst niemand. Da hat er wahrscheinlich Recht. Niemand auf der ganzen Welt macht das.
Ich frage ihn, ob seine Kinder für meine Bäume eventuell auch ein Archiv anlegen möchten, denn das sei ja eine sehr packende Tätigkeit. Aber Dattelmann zeigt mir einen Vogel und sagt: „Du hast doch selber Kinder. Engagier doch die.“ Da hat er natürlich Recht. Ich lasse den Rechen fallen und gehe ins Haus, wo unser Sohn gerade dabei ist, unsere Bildbände nach nackten Frauen zu scannen. Er brauche das für den Kunstunterricht, behauptet er. Dann frage ich ihn in gewaltfreier Kommunikation, ob er so nett sein könne, das Laub einzusammeln und es über den Zaun ins Blätter-Archiv der Familie Dattelmann zu werfen. Nick steht diesem Ansinnen eher ablehnend gegenüber und teilt mir gewaltfrei mit, dass ich mich gerne gehackt legen könne. Eine ähnliche Auskunft erhalte ich von Carla. Sie findet es zivilisatorisch überholt, das Laub von Mutter Erde zu trennen und sieht sich als Rechtebewahrerin aller Blätter, die schließlich nicht darum gebeten hätten, eingesammelt zu werden. Damit hat sie Recht, finde ich. Eine Einstellung, die man sich durchaus zu eigen machen kann. Das plane ich mal für kommende Gelegenheiten. Also ab morgen. Heute muss ich noch fünf Säcke Laub vollkriegen. Ich darf Sara nicht enttäuschen, sie wünscht es sich ja so sehr.