Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wagenheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.06.2018

584_WM-Boyköttchen

Konsequenz ist alles im Leben. Wer einmal zu einer Haltung gefunden hat, der muss auch zu ihr stehen. Und sich entsprechend verhalten. Sonst ist man unglaubwürdig und den Kindern kein gutes Beispiel. In den kommenden vier Wochen wird das mit der Haltung allerdings für mich sehr hart. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, insgesamt weniger Würstchen zu essen. Aber: Der Grillwurstdunst ist die Schäfchenwolke des Fußballfreundes. Ich kann unmöglich Weltmeisterschaft gucken ohne gleichzeitig entfesselt zu grillen. Und Bier zu trinken. Auch so eine Sache. Bier macht dick. Und zwar richtig. Man soll Bier meiden, wenn man so wie ich gerne noch Unterwäschemodel werden möchte.
Mache ich aber nicht, weil für mich zu einer Weltmeisterschaft nun einmal das Nuckeln an Bierflaschen dazugehört. Besucher der Wagner-Festspiele brauchen ein Programmheft, um sich damit Luft zu zufächeln. Freibadgäste müssen Eis essen, um damit Wespen anzulocken und ich benötige Bier zum Fußball. So einfach ist das und das ist auch eine Haltung, die man konsequent vertreten kann.
Zum Glück musste ich mich mit diesen Haltungsfragen aber gar nicht beschäftigen, denn ich hatte bereits vor Monaten im Familienverbund eine weitere Haltung postuliert, und zwar dass ich die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland boykottieren würde. Keine Wurst, kein Bier, denn: Russland sei ein Unrechtsstaat und man dürfe dem Polit-Marketing der ruchlosen Russen nicht auf den Leim gehen. Da müsse man eine Haltung entwickeln und die hieße: Njet! I na etom tocka!*
Unsere Tochter Carla lobte mich sehr. Sie kann Fußball nicht ausstehen Wenn es nach ihr ginge, würden in Fußballstadien nur Konzerte veranstaltet. Oder ganz leise Dinge wie Gühwürmchen-Wettfliegen oder Sudoku-Meisterschaften oder überhaupt nichts. Außerdem gefiel ihr der Gedanke, sich mit Italienern und Holländern zu solidarisieren, die auch nicht mitmachen. Sie versprach mir, für alle deutschen Spiele ein kulturelles Ersatzprogramm zu entwickeln, damit ich nicht so leiden müsse.
Und genau damit kam sie gestern um die Ecke. Da hatte ich meinen stolzen Boykott längst vergessen und schon mal für das Deutschland-Spiel mexikanische Wurst besorgt. Nach dem Motto „Wir grillen die Mexikaner,“ Ay, ay Caramba. Carla war außer sich. Nicht nur, dass ich meine Überzeugung wie eine beckleckerte Grillschürze abgelegt hatte. Ich hatte auch noch Würstchen gekauft und verhöhnte Lateinamerika. Das ging ihr zu weit. Sie erklärte, dass sie mich enterben werde, wenn ich nicht zu meinem Wort stünde. Sie habe unter großen Mühen eine Veranstaltung entdeckt, die parallel zu diesem Fußball-Quatsch stattfinde. Ich bekam einen Schweißausbruch. Ich weiß noch, wie ich einmal mit ihr in ein Theaterstück musste, in dem sich zwei nackte Frauen eine Stunde lang mit Mehl bewarfen. Die eine rief dabei „kikerikii“, die andere weinte. Später erklärte mir meine Tochter, es habe sich um eine parallele Visualisierung von Menstruation und Architekturkritik gehandelt.
Carla erklärte mir dann, es gebe in einem Wald bei Freising eine Darbietung von Petra Brümme-Schülleskorn, die abwechselnd ihren Gedichtzyklus „Aus dem Leben eines Lurchs“ und passende Lieder auf der Harfe spielen werde. Ich sagte, dass könne sie mir nicht antun. Aber Carla rief, dass man zu seinen Überzeugungen stehen müsse. Und es werde unsere Vater-Tochter-Beziehung vertiefen. Das glaube ich zwar gar nicht, aber egal. Wenn die deutsche Nationalhymne erklingt, bin ich also im Wald. Bei Harfenmusik und Lurch-Poesie. Und ich glaube, es ist manchmal auch ganz gut, wenn man seine Haltung zu den Dingen regelmäßig prüft. Russland ist womöglich eine lupenreine Demokratie und Putin ein friedlicher Wattebällchenjongleur. Ich werde das vor dem zweiten Spiel noch mal diskutieren. Und ich hoffe, Carla nimmt mir meinen Kurswechsel ab. Denn sonst muss ich während Deutschland gegen Schweden in den Keller eines Reihenhauses in München-Pasing. Dort gibt das Ehepaar Prüller einen Kurs in Minnetanz. Normalerweise ist das immer ausgebucht. Nur an diesem einen Abend gibt es noch Plätze. Und da will Carla unbedingt hin.
*Nein. Und damit Basta