Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Basstölpel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.06.2019

633_Geschäfte mit dem Griesgram

Was tun gegen schlechte Stimmung zuhause? Sehr schwierig, zumal ich ganz oft die Ursache für die schlechte Stimmung bin. Jedenfalls wenn man den 16jährigen Griesgram fragt, mit dem ich zusammenwohne. Für Nick bin ich eine ständige Herausforderung, denn ich bitte ihn, das Altpapier wegzubringen oder alle leeren Joghurtbecher aus dem Wohnzimmer zu entfernen. Oder ich frage ihn, wie es ihm geht.
Gerade diese Höflichkeitskonvention bringt ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruchs, denn er hat dann das Gefühl, ich wolle ihn zum Reden zwingen. Nichts verabscheut er mehr. Nick ist, insbesondere was seine Befindlichkeiten betrifft ungefähr so auskunftsbereit wie ein Hering. Versuchen Sie mal, mit einem Hering ins Gespräch zu kommen. Die geringe Hinstimmung unseres Sohnes zu Small Talk verunsichert mich, aber ich lasse mich nicht abwimmeln.
An Christi Himmelfahrt startete ich eine Charmeoffensive und lobte ihn ausgiebig dafür, dass er bereits gegen 14 Uhr aufstand. Ich bot ihm Vatertagsaktivitäten an, aber er erklärte nur dumpf, seine Laune sei im Keller. Die Gründe dafür konnte ich ihm trickreich entlocken, indem ich Angebote machte. Cappuccino. Croissants. Mit Schokolade. Nach etwa zwanzig Minuten hatte er mich stichwortartig über die aktuellen Ursachen seines Missmutes in Kenntnis gesetzt. Hier die vier wesentlichen Gramgründe: Erstens: Ich. Niemand habe ihm vorher gesagt, dass er ständig mit seinem Alten quatschen müsste. Wenn er das ganz am Anfang schon gewusst hätte, wäre er dringeblieben. Er verstehe auch nicht, warum ich mich so sehr für ihn interessiere. Ich solle mir ein Beispiel an Finns Vater nehmen, der seit vier Jahren nicht mehr in dessen Zimmer gewesen sei.
Gramgrund Nummer zwei: Die Prüfungen an seiner Schule. Bereits seit Wochen befinden sich Nick und seine Freunde in einer Art Entlassungsproduktivität, um Versetzungen und Schulabschlüsse zu erreichen. Das sei ohnehin schon eine Zumutung, aber angesichts des unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs völlig sinnlos. Nie sei Bildung mehr überschätzt worden als im Moment. Als dritten Grund für seine ausbaufähige Stimmung nannte Nick seinen wenig erbaulichen Bartwuchs. Er züchtet an so etwas ähnlichem wie einem Kinnbart herum und dies nur deswegen, weil woanders nichts wächst. Die Tatsache, das seine eigene Mutter dieses Bärtlein auch noch als putzig bezeichnet hatte, trug dann ebensowenig zu seiner Erheiterung bei wie mein Vorschlag, gemeinsam den Vatertag zu nutzen, um aus Wollresten einen Vollbart für ihn zu knüpfen.
Und schließlich war da noch viertens seine Verbitterung darüber, dass er konfessionslos sei. Überall ringsum fänden wieder Konfirmationen statt und ihm entgingen wertvolle Geschenke sowie finanzielle Zuwendungen durch diverse Altverwandte. Das sei ungerecht und vertiefe den Generationenkonflikt. Ich schlug ihm vor, selbst nach Lösungen für seine andauernde Insolvenz zu suchen und dachte dabei an Schülerjobs wie Prospekte verteilen oder Hunde ausführen.
Nick verschwand in seinem Zimmer und kehrte nach einer Stunde in die Küche zurück, um mir eine Preisliste zu präsentieren. Er verkündete, dass er zukünftig sämtliche ihm zugemutete Frondienste nur noch gegen Bares erledigen würde. Die Entsorgung von Altpapier schlägt demzufolge mit fünf Euro zu buche, Müll kostet sieben Euro. Sein Zimmer räumt er pikobello auf, wenn ich ihm zehn Euro zahle, Staubsaugen pro Raum vier Euro. Einkäufe erledigt er für zwölf Euro, bügeln pro Teil für fünf Euro, gilt auch für Socken. Ich finde meinen Sohn ziemlich teuer, wenn man bedenkt, dass die Qualität seiner Arbeit hier und da sehr zu wünschen übriglässt.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir seine Dienste leisten kann. Im Grunde geht das nur, wenn ich meinerseits Rechnungen stelle. Ich habe damit begonnen und ihm eine Kostennote für das Deluxe-Frühstück aus Cappuccino und Schoko-Croissant überreicht. 22 Euro kostet das bei mir. Wir können es mit seinen Tätigkeiten verrechnen.