Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Hoteltester … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.11.2019

656_Das Kühlschrank-Komplott

Eigentlich neige ich nicht zu Verschwörungstheorien. Nicht hinter jedem Kondensstreifen steckt eine verbrecherische Organisation, der FC Bayern wird nicht von außerirdischen Reptiloiden geführt und Döner Kebab ist nicht dazu da, uns mit geheimen Inhaltsstoffen zum Islam konvertieren zu lassen. Das weiß ich alles und ich halte mich für einen Freund klarer Verhältnisse. Aber eines verstehe ich nicht. Die Sache ist nämlich die: Mein Kühlschrank stinkt. Und wie.
Natürlich habe ich Maßnahmen ergriffen, denn man mag nicht, dass der Kühlschrank müffelt wie sehr alter Käse, besonders wenn keiner drin ist. Das war schon so, als wir vor zehn Monaten eingezogen sind. Der Kühlschrank war sauber, aber er roch komisch. Zuerst haben Nick und ich uns nichts daraus gemacht. Mein Sohn und ich betreiben eine Jungs-WG und da sind Gerüche im Kühlschrank Pipifax. Hauptsache das Bier ist kalt. Uns also egal. Aber nach ein paar Monaten fing es doch an, mich zu stören, zumal wir nicht nur Bier im Kühlschrank aufbewahren, sondern auch Lebensmittel. Die nahmen zwar den Geruch nicht an, befanden sich aber in einer Art Müffel-Aura und das gefiel mir nicht.
Also räumte ich den Kühlschrank aus und reinigte jeden Quadratzentimeter seines Innenlebens. Ich zog die Lamellen von den Glasablagen, ich wischte die Dichtung ab, ich reinigte das Abflussloch und ich spülte alle beweglichen Teile. Dann baute ich alles wieder zusammen und schloss den Kühlschrank, ohne ihn mit Lebensmitteln zu befüllen. Eine Viertelstunde später öffnete ich ihn testweise und er stank wieder nach sehr altem Käse. Der saubere Kühlschrank.
Ich googelte und las jeden einzelnen Artikel über stinkende Kühlschränke. Dann reinigte ich meinen abermals, mit anderen Mitteln. Er sah aus wie neu, roch allerdings wie eine Allgäuer Käserei, die seit acht Generationen betrieben und nie gelüftet wird. Um unser Essen vor dem Mief zu schützen, verpackte ich es in Folie und Plastikdosen. Irgendwann sah das aus, als würde ich ein Hygiene-Labor betreiben. Nick hielt sich natürlich nicht an meine Einwickelgebote und nannte mich einen Kühlschrank-Taliban. Ich glaube, ich war tatsächlich auf dem besten Weg, mich in eine fundamentalistische Richtung zu entwickeln. Jedenfalls begann ich damit, Essen bereits vor Ablauf der Mindesthaltbarkeit zu entsorgen und schließlich ging ich dazu über, gar nichts mehr einzukaufen. Das ist ein probates Mittel gegen Kühlschrankgerüche, denn wenn man den Kühlschrank nicht öffnet, stinkt es auch nicht.
Ich persönlich kann auf Essen und gekühlte Getränke auch inzwischen sehr gut verzichten, man ist ja überrascht, wie wenig man braucht. Aber leider lässt sich dieser Lifestyle nicht konsequent durchhalten, denn manchmal bekommt man Besuch und der wünscht sich Milchkaffee. Oder Frühstück. Oder kalten Weißwein. Dann muss man bevorratet sein, sonst wirkt man schrullig. Wenn jemand etwas trinken möchte, kann man ja nicht sagen: „Tut mir leid, ich trinke nie etwas, weil mein Kühlschrank nach uralter Büffelmilch riecht.“
Das einzige, was man tun kann, ist zu verhindern, dass der Besuch selber an den Kühlschrank geht. Es ist so, als würde man immer vor der Wand stehen, hinter der man seine verschwundenen Vormieter eintapeziert hat. Neulich war Lara da, aber sie fragte gar nicht erst, ob sie etwas trinken könne, ging gleich zum Kühlschrank und öffnete ihn. Sie sagte: „Himmel, was hast Du denn da drin? Limburger aus der Hölle? Das ist ja furchtbar.“
Ich antwortete mit einer Theorie, die ich bisher für gewagt hielt, aber jetzt doch in Betracht ziehe. Es geht um dieses Abflussloch in der Rückwand. Wahrscheinlich reicht es bis ins Nachbarhaus, wo feindliche Spione sitzen, die heimlich den Geruch durch ein Röhrchen in den Kühlschrank pusten, sobald sie am Licht sehen, dass ich ihn geöffnet habe. Ich erklärte Lara meine These, dann schraubte ich die Birne aus dem Kühlschrank. Ich habe ihn seitdem nicht mehr geöffnet. Wenn ich ihn aufmache und es stinkt nicht mehr, dann stimmt meine Verschwörungstheorie und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Lara findet mich seltsam, glaube ich.