Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.12.2018

609_Freizeitspaß Überwachung

Es gehört eine gewisse Coolness dazu, bei den Kindern eine Freizeitplanung zu akzeptieren, die im Wesentlichen vorsieht, mit anderen Pubertieren irgendwo zu sein, dort irgendwas zu machen und irgendwann nach Hause zu kommen. Mir fehlt zur Vorstellung dieser Aktivitäten positives Bildmaterial. Ich stelle mir sofort ein tiefes Abrutschen in Elend und Kriminalität vor, wenn Nick verkündet, er wolle abends mit Finn und den Anderen aus seinem Freundeskreis chillen. Dabei weiß ich eigentlich, dass sie sich Filmchen zeigen, Bierpong spielen, klebriges Zeug trinken und sich über Lehrer oder Mode unterhalten. Vielleicht wird geraucht. Trotzdem hätte ich gerne Überwachungskameras installiert. Nicht umsonst führe ich zuhause den Titel „Eure Gluckheit.“
Bis zum letzten Wochenende dachte ich, ich sei ein krasser Fall. Aber dann erfuhr ich, was Annas Eltern treiben, um sie zu kontrollieren. Ich kenne Dietmar und Elke nicht wirklich. Wenn sie Anna bei uns abholen, bleiben sie im Auto und schicken ihr eine SMS, dass sie rauskommen soll. In der Schule habe ich noch nie mit ihnen gesprochen, fand aber Dietmars Vorschlag, das Gelände mit einem unter Strom stehenden Weidezaun zu umbauen, etwas merkwürdig. Und ich weiß, dass Anna sich auf die Sekunde genau an zeitliche Regeln halten muss. Das sollen alle Kinder, aber wenn Nick nicht pünktlich zuhause ist, dann gönne ich ihm die Verspätung seiner S-Bahn. Ich prüfe das nicht nach. Anna hingegen muss einen Beleg liefern. Eine Unterschrift vom Fahrer. Ein Foto von der Gleisanzeige, auf der die Verspätung angezeigt wird. Zeugenaussagen von Fremden.
Am vergangenen Wochenende wollte Nick mit Freunden bei uns ein wenig feiern. Mit übernachten. Anna durfte nur unter der Bedingung mit, dass sie stündlich ein Foto schickte, auf dem ihr Aufenthaltsort klar ersichtlich sein musste. Außerdem habe sie um Mitternacht im Bett zu sein. Alleine. Man wünsche auch davon ein Foto. Die Pubertiere waren empört. Und was dann geschah, fand ich einfach zu lustig, um nicht mitzumachen. Wir verbrachten den ganzen Abend damit, Fotos für Dietmar und Elke zu inszenieren. Um 18 Uhr schickten wir ein Selfie von Anna an unserem Esstisch. Man sieht darauf auch Pizza und im Anschnitt eine Flasche Bier, kaum zu erkennen. Gegen 19 Uhr sendete Anna ihren Eltern ein Foto von ihrer Unterwäsche vor unserer Waschmaschine. Darunter textete sie: „Alles vollgekleckert. Jungs sind echt Schweine.“ Wir rechneten damit, dass Dietmars Auto Sekunden später vor dem Haus stand, aber nichts geschah. Also gaben wir uns viel Mühe mit dem dritten Bild, dass wir um exakt 20 Uhr verschickten. Es zeigte zwei lange Linien Puderzucker auf unserer Küchenanrichte. Dazu hatten wir gedichtet: „Komisches Zeug in der Küche gefunden. Mach Dir keine Sorgen, wir sind super drauf.“
Doch auch auf diese Sentenz erfolgte keine Antwort. Wir mussten mutiger werden und bauten im Wohnzimmer eine geschmackvolle Szenerie auf, in welcher wir Anna beim Stangentanz fotografierten. Es dauerte fast eine Viertelstunde, die Hände, die die Stange hielten, aus dem Bild zu retuschieren. Daher schickten wir das Foto mit der Bildunterschrift: „Dance, dance, dance, Baby“ erst um zwanzig nach neun. Dann gingen wir raus. Ich stellte mich als Statist für das Motiv „Junge Frau fragt verzweifelt nach dem Weg“ zur Verfügung. Man konnte mich nicht erkennen, denn ich trug einen Hut, der mein Gesicht verdeckte. Schließlich fuhren wir zu einer Tankstelle und inszenierten dort das letzte Bild. Wir sprachen dafür im Verkaufsraum einen älteren Herrn an, der grimmig neben Anna stehen sollte. Darunter schrieb sie: „Ich weiß nicht, wo ich bin. Der Mann hat gesagt, er fährt mich mit seinem Laster nach Hause. Bis gleich.“
Dann gingen die Kinder ins Bett. Morgens um acht klingelte es an der Tür. Dietmar. Und die Polizei. Man suche nach Anna, ob ich eine Idee hätte? Ich weckte die Kinder und Dietmar führte seine Tochter ab. Sie darf nicht mehr zu uns. Dabei finde ich ja, dass er komplett versagt hat. Seine Frau und er waren am Abend eingeladen. Sein Akku war leer. Er sah die Bilder erst morgens, als er sein Handy wieder aufgeladen hatte. Ich meine, wer geht denn Abends aus und hat ein leeres Handy dabei? Wie sollen die Kinder ihn denn da erreichen? Das ist doch unverantwortlich, da muss man mal mit dem Jugendamt hin. Finde ich.