Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.04.2018

576_Kollegah-Schelte

Unser Sohn war viel zu müde, um sich mit mir über den ECHO und Kollegah zu unterhalten. Dieser Zustand hielt eine knappe Woche an, dann äußerte Nick sich dahingehend, dass ihm der Kram wurscht sei. Aber ich finde, es kann einem nicht egal sein, wenn frauenverachtende, antisemitische und gewaltverherrlichende Texte zum Pop-Mainstream werden. Ich setzte zu einem Monolog an, den Nick aushielt, weil er darauf warten musste, dass sein Toast raussprang. Diese zweieinhalb Minuten nutze ich häufig für Kurzansagen, denn sonst muss ich ihm beim Sprechen durch die halbe Bude hinterherrennen und das finde ich demütigend.
Er behauptete, es interessiere niemanden ernsthaft, was Menschen wie Kollegah, Haftbefehl oder Farid Bang sagten. Aber ich war nicht zufrieden. Mag sein, dass Nick und seine Jungs da nicht richtig zuhören. Aber es gibt Zwölfjährige, die jede Silbe davon auswendig lernen und Zeilen wie diese hier cool finden: „Ich bange deine Mama Doggystyle hinter der Bühne, rede dabei mit der Nutte nicht ein Wort.“ Die Zeile stammt aus dem Song „AK’s im Wandschrank“. Das Beste, was man über Kollegah hier sagen kann ist, dass er ziemlich schnell sprechen kann, weswegen man ihn zum Glück kaum versteht, wenn er rappt: „Drücke meinen Colt danach voll in Dein Bastardmaul, pulle den Guntrigger, schicke dann ‚ne Beileidskarte weg an Deine heulende Junkie-Braut.“
Nun gehe ich nicht unbedingt davon aus, dass der Mann wirklich vorhat, seine offenbar zahlreichen Feinde umzubringen. Aber die Gewalt ist schon ziemlich saftig und auf eine kindliche Weise grotesk, wenn es heißt: „Ey, ey, ich fick Dich mit der Pumpgun, goldverzierter Mörserlauf, Körperbau wie van Damme.“ Oder eben der berühmt gewordene steindumme Vergleich zwischen der definierten Bemuskelung des Rappers und dem Aussehen todgeweihter KZ-Insassen. Man möchte nicht, dass so ein Mist die Herzen der Kinder vergiftet, oder? Nur: Wenn wir das jetzt schlimm finden, dann hätten wir vielleicht viel früher mal richtig zuhören sollen. Einfach mal nachlesen, worum es da geht. Haben wir versäumt. Ich fürchte, wir sind unserer Fürsorgepflicht nicht richtig nachgekommen.
Dasselbe gilt für den seltsamen Ethikrat der ECHO-Jury. Er hätte entscheiden können, dass man solche Texte in Deutschland zwar nicht zensieren, aber gerechterweise auch nicht auszeichnen würde. Aber das ist nicht passiert. Vielleicht wollte er sich nicht mit der mächtigen Bertelsmann Music Group anlegen, der Plattenfirma von Kollegah. Oder die Jury fand, dass Provokationen nun einmal zur Popkultur gehören. Das ist ja auch richtig.
Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen einer künstlerischen Provokation und der groben Verletzung moralischer Standards. Sid Vicious von den Sex Pistols trug ein T-Shirt mit Hakenkreuz, um damit die bürgerlichen Erwachsenen zu ärgern, aber sicher nicht, weil er ein Nazi gewesen wäre. Die Band Rammstein pflegte über Jahre ein Faible für die Ästhetik von Leni Riefenstahl, weil das gut zu ihrer Musik passte. Und Campino, der als einziger Künstler bei der ECHO-Verleihung klar Stellung gegen Kollegah bezog, sang vor zwanzig Jahren: „Wir schießen zwei, drei, vier, fünf Bullen um, wenn es gar nicht anders geht.“ Das war jedoch nicht gewaltverherrlichend, sondern Teil einer Phantasie, die das Leben von Gesetzlosen beschrieb, zu denen der Sänger aber eindeutig nicht gehört. Kollegah hingegen ist offensichtlich eins mit seinem lyrischen Ich, und zwar in jedem seiner chauvinistischen und auch antijüdischen Texte. Es ist mir piepegal, dass dies den Regeln seines Genres entspricht. Die Zerstörung der so genannten jüdischen Weltverschwörung, die Kollegah schlecht verklausuliert im Song „Apokalypse“ beschreibt, ist für mich ein Topos aus der untersten Schublade des Antisemitismus.
Nick nahm meine Beweisführung genervt zur Kenntnis. Bevor er in sein Zimmer ging, sagte er, dass er den Mist eh schon lange nicht mehr höre. Das sei ihm alles viel zu blöd und musikalisch zu langweilig. Tür zu. Musik an. Es lief Kendrick Lamar. Der hat auch gerade einen Preis gewonnen. Den Pulitzer Preis. Das ist eine ganz andere Liga als Kollegah. Und eine ganz andere als der ECHO.