Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.09.2018

598_Perfide Paragraphen

Zu den größten Konflikten im Umgang mit Pubertieren führt jene monatliche und leistungslos bezogene Apanage, die man allgemein als Taschengeld bezeichnet. Sie wird monatlich überwiesen und im Jahresrhythmus angepasst. Der pädagogische Ansatz dabei ist sehr wichtig. Die Kinder sollen den Umgang mit Geld lernen und die Eltern sollen sich lockermachen, wenn ihre Pubertiere ihre ganze Knete in „Fortnite“-Skins oder süße Gummifrösche investieren. Das gehört dazu, ist nicht so schlimm.
Es gibt Kinder, die sehr vernünftig mit ihren Finanzen umgehen und zum Beispiel etwas sparen. Zu jener Sorte gehört unser Nick nicht. Er ist in der Regel am dritten Tag des Monats bankrott. Dann kommt der pubertäre Pleitier zu mir und wünscht einen Nachschuss, manchmal auch einen Vorschuss. Er berichtet dann eindringlich von zurückgezahlten Schulden am Monatsanfang und von verlorenen Wetten und enormen Preissteigerungen in der Fast-Food-Branche oder von Geld, das einfach so ohne sein Zutun verschwunden sei. Es sei ihm unerklärlich. Irgendwie schlaucht er sich immer bei mir durch.
Zuletzt hat er dafür eine perfide neue Technik entwickelt. Er saugt das Geld nicht mehr persönlich und per Bargeldübergabe bei mir ab, sondern schickt Notrufe per WhattsApp. Darin steht dann zum Beispiel, dass er gerade an der Kinokasse stehe und festgestellt habe, dass sein Geld alle sei. Seine Freunde befänden sich bereits im Saal, nur er stünde noch draußen und man könne das Problem lösen, indem man schnell einen Zehner überweise. Er kann sich eigentlich immer darauf verlassen, dass ich ihm in solchen Fällen helfe. Das Wort „Not“ öffnet bei mir sämtliche Schleusen, einschließlich die zum Tränenkanal.
Letzte Woche wollte ich ihn dann aber mal mit seinen eigenen Waffen schlagen. Denn Druck aufbauen kann ich auch. Ich saß also auf der Couch und prokrastinierte, anstatt zu bügeln. Da erschien folgende WhattsApp-Nachricht auf meinem Handy: „Papa! Notfall!! Sitze bei Hans-Im-Glück auf der Toilette. Brauche dringend Geld, um das Essen zu bezahlen. Kannst Du mir 40 E überweisen?“
Antwort von mir: „Nö“
Nick verzweifelt: „Bitte! Papa. Ich wollte Franziska einladen und jetzt ist meine Karte leer. Bitte überweis das, sonst wird’s so hart peinlich für mich. Willst Du das?“
Antwort von mir: „Mach mir ein Angebot.“
Nick empört: „Papa. Komm. Was für ein Angebot? Ich kann hier nicht ewig auf dem Klo sein. Ich muss raus und bezahlen.“
Antwort von mir: „Entweder Du bietest mir etwas an, oder Du musst mal nachschauen, ob die Toilette vielleicht ein Fenster hat. Toi toi toi.“
Nick humorlos: „Nicht komisch.“
Antwort von mir: „Du bekommst 40 Euro gegen zwei Stunden bügeln, einmal Staubsaugen und ein Sonntagsfrühstück.“
Nick erbost: „Papa, das ist unfair. Es ist ein Notfall!!! Da kann man nichts fordern.“
Antwort von mir: „Kein Problem. Ich frage mich gerade, ob Franziska überhaupt noch da ist. Vielleicht ist sie ja schon weg. Willst Du nicht mal nachsehen?“
Nick resigniert: „Also gut, Deal. Ich mache Alles. Bekomme ich jetzt das Geld?“
Ich überwies es ihm. Als Nick nach Hause kam, erklärte er unsere Vereinbarung jedoch im Triumphton für ganz und gar nichtig. Auf keinen Fall werde er einen der Frondienste absolvieren, die ich ihm aufgedrängt hätte. Dann legte mir mein Sohn auseinander, dass es sich hier um keinen bindenden Vertrag handele, da er unter Zwang zustande gekommen sei. Franziskas Vater sei Anwalt und habe ihm das genau erklärt. Nick behauptete, ich hätte eine Nötigung nach Paragraph 245 StGB begangen, vielleicht sogar eine Erpressung nach Paragraph 253, möglicherweise strafverschärfend als Teil einer Bande, denn er betrachte seine beiden Eltern als kriminelle Vereinigung. Stolz ging er in sein Zimmer. Ich staunte eine Viertelstunde, dann holte ich das Bügeleisen raus und machte die Wäsche.