Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.07.2018

588_Aus, aus, aus

Meine WM-Bilanz in knappen Worten: War nich so dolle. Oder um es international zu formulieren: Fußball’s coming doch nicht home. Argentinien, Spanien, Deutschland, Portugal und Brasilen früh raus, Italien und Holland sogar noch früher als früh. Afrikaner wieder mal nicht so richtig durchgestartet.
Bei mir wird dieses Turnier keine großen Spuren hinterlassen. Die Hälfte habe ich schon vergessen. Das Beiwerk im Fernsehen fand ich diesmal auch eher mau. In der ARD trat einmal ein dicker Mann mit Brille auf und schimpfte justiziabel derbe auf Lothar Matthäus. Dabei hat Matthäus gar nicht mitgespielt. Genau wie Mario Basler, der ebenfalls im Fernsehen sprach und in bräsigem pfälzisch verkündete, dass Mesut Özils Körpersprache die von einem toten Frosch sei. Man kann nur vermuten, dass Basler das originell fand.
Überhaupt immer die älteren Angestellten. Während Oliver Kahn inzwischen recht variantenreich formuliert und dabei manchmal lächelt wie ein mittelalterlicher Folterknecht, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat, fand der Ex-Trainer und nun Supermarktleiter Holger Stanislawski im ZDF tatsächlich immer wieder zur exakt selben Formulierung, wenn er irgendwas erklären wollte. Dann sagte er nämlich: „Fliegen wir noch mal rein ins Stadion.“ Ob er das in seinem Supermarkt auch so macht, wenn jemand den Butterkäse sucht? „Fliegen wir doch mal rein in die Kühltheke. Ah, da ist der Butterkäse, gnädige Frau.“
Gab es auch etwas Neues bei dieser WM? Wenig, außer, dass der so genannte Tiki-Taka-Fußball an seine Grenzen stößt. Und damit eben auch die Lehre vom Vorteil durch Ballbesitz. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass man Teams bis zu 80 Prozent Ballbesitz gefahrlos zugestehen kann, solange sie nicht in den gegnerischen Strafraum gelangen. Und sonst? Ja, der Videobeweis ist auch neu und funktionierte reibungslos. Sehr gut würde mir gefallen, wenn ein Spaßvogel bei der Fifa auf die Idee käme, dem Schiri am Spielfeldrand ganz andere Szenen zu zeigen als die, über die er befinden muss. Zum Beispiel ein Basketball-Spiel. Oder Dinner for One. Oder ein Musikvideo von einer unbekannten Band. In diesem Zusammenhang eine kurze Abschweifung: Im Radio hörte ich ein Interview mit einer unbekannten Band und der Sänger sagte im Verlauf des Gesprächs den fantastischen Satz: „Unsere erste Platte hat dann leider nicht den Weg ins Internet gefunden.“ Kompletter kann Scheitern nicht sein. Da kann der DFB noch etwas lernen.
Aber zurück zum Fußball und diesem etwas traurigen Turnier. Man muss dabei auch mal das Gute sehen: Portugal gegen Spanien war ein hinreißendes Spiel, die Kroaten waren gut, die Engländer beinahe auch und die Belgier sind am Ende an einem französischen Felsen zerschellt. Die Franzosen stellten die bei weitem beste Mannschaft und sie brachten einen Superstar hervor: Mbappé. Das ist der Spieler, dessen Trikot sich die Kids am Ende kaufen werden und das freut mich sehr. Es bedeutet auch, dass die Zeit der Messis, der Ramos‘ und der Ronaldos und Müllers allmählich vorbei ist. Sie haben zehn oder zwölf Jahre lang die Bühne beherrscht, das war toll. Und jetzt spürt man, wie die nächste Generation am Netz rüttelt. Vielleicht ist das das Beste an dieser Weltmeisterschaft.
Und wer dann am Ende gewinnt, ist mir im Prinzip egal. Wobei ich eine leichte Tendenz zu Frankreich verspüre. Das hat aber nichts mit der bestürzenden Ähnlichkeit zwischen Luca Modric und Beatrix von Storch zu tun. Dafür kann der Mann ja nichts. Aber die Kroaten würden vermutlich durch sämtliche deutschen Innenstädte knattern und böllern und dabei fahnenschwenkend aus dem Beifahrerfenster hängen, was immer ein wenig zu revolutionär für deutsche Nachbarn aussieht. Dieser Anblick bliebe aus, wenn Frankreich gewönne, denn es gibt in Deutschlands Innenstädten nicht genug Franzosen für einen Autocorso. Ein Sieger steht übrigens bereits vor dem Abpfiff heute Abend fest: Die Amerikaner haben gewonnen. Zum ersten Mal stehen sich zwei Mannschaften im Finale gegenüber, die beide von Nike ausgerüstet worden sind. Bereits im Halbfinale spielten drei Mannschaften in Nike und nur eine in Adidas. Was für ein Triumph für die Amerikaner.