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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.10.2017

549_Quaken und Quantensprünge

Wir Deutschen haben traditionell Schwierigkeiten damit, uns neuen Umständen anzupassen. Wir mögen am liebsten, was wir schon kennen und schon deshalb werden sich beispielsweise proteinreiche Kakerlaken-Menüs bei uns auf lange Sicht als Gaumenschmaus eher nicht durchsetzen. Auch wenn man durchaus der Meinung sein kann, dass eine gegrillte Schabe nicht ungustiöser ist als mit krauser Petersilie dekorierte Schweinskopfsülze. Doch diese hat zumindest in ländlichen Gebieten immer noch einen fabelhaften Ruf. Und obwohl ich das Zeug nicht ausstehen kann, verstehe ich das gut.
Denn auch ich habe Schwierigkeiten, mich auf Neuerungen einzustellen. Ich brauche ungefähr zwei Jahre, um einen neuen Tagesthemen-Moderator nicht mehr als neu zu empfinden. Wenn Sara sich entscheidet, statt Aronal lieber Elmex zu kaufen, gerät mein Leben aus den Fugen. Und wenn ich vor der Waschstraße warte, lese ich die Sicherheitshinweise jedes Mal auf Neue, weil ich nie weiß, ob man nun einen Gang einlegen und den Motor abstellen soll, oder im Leerlauf bei eingeschaltetem Motor durchrollt oder die Handbremse anzieht und den Schlüssel stecken lässt. Klar ist nur, dass die Antenne eingefahren werden muss. Es ist das einzige, was ich mir merken kann und dies, obwohl ich keine Antenne am Auto habe. Warum ich das trotzdem immer wieder aufmerksam durchlese? Vielleicht ändern sich diese Vorschriften und ich bin der einzige Autobesitzer, der es nicht mitbekommen hat. Damit könnte ich nicht leben. Aber noch schlimmer wäre es, wenn man plötzlich rückwärts in die Waschanlage müsste.
Nein. Am liebsten ist es mir, wenn sich gar nichts ändert. Da bin ich sehr Deutsch. Das gilt auch für die Nationalmannschaft. Warum spielt Löw nicht mehr mit Ballack, Klose und Kahn? Die waren doch gut!? Findet er auch, glaube ich. Selbst der Bundestrainer hat gewisse Schwierigkeiten mit Veränderungen und kann sich nur mit Mühe auf neue Spieler einstellen. Schon die Namen stellen harte Herausforderungen dar. Leroy Sané nannte er vor den letzten Länderspielen zum Beispiel hartnäckig „Sahne“. Und auch die Umstellungen in der Abwehr mit dem monströsen Süle sowie Mustafi und Can bereiteten nicht nur ihm, sondern auch Süle, Mustafi und Can größte Probleme, was Löw hinterher zu einem sehr schönen Satz inspirierte. Er sagte: „Wenn ich hinten schlecht einfädele, wird es harzig mit dem Spiel nach vorne.“
Apropos einfädeln und harzig. Beides trifft auch auf die Koalitionsgespräche zu, die demnächst von der Bundeskanzlerin eingefädelt und sicher ziemlich harzig werden. Auch hier gilt, dass man es mit veränderten Umständen zu tun bekommt. Man muss sich an neue Gesichter gewöhnen und irgendeine gemeinsame Sprachregelung finden. Gerade Letzteres kommt mir gerade ziemlich kompliziert vor. Die Kanzlerin erinnert mich dabei an einen brasilianischen Froschlurch namens Brachycephalus Pitanga. Der kann sehr schön quaken, erreicht jedoch seine Artgenossen damit nicht, weil diese wie er selber taub sind. Das erschwert die Partnersuche enorm und erinnert stark an das Verhältnis von Angela Merkel und Horst Seehofer, wo auch gegenseitig viel Gequake der natürlichen Partner auf taube Ohren stößt. Brachycephalus Pitanga ist jedoch im Gegensatz zur Kanzlerin letztlich nicht aufs Quaken angewiesen, weil er grellorange Haut hat, um Artgenossen im Wald aufzufallen. Angela Merkel hingegen muss in Ermangelung grelloranger Haut ausdauernd quaken, was immerhin artverwandte Amphibien wie Wolfgang Kubicki anlockt. Auf jeden Fall wird es ein bisschen dauern, bis man sich aneinander gewöhnt hat.
Auch bei uns zuhause ist jemand dabei, ich an Umstellungen zu gewöhnen. Carla wäscht jetzt selber. Es ist ein Quantensprung für uns alle, aber es läuft noch nicht ganz reibungslos. Zeigte mir unsere Tochter sehr stolz die erste von ihr persönlich aufgehängte Wäsche. Sie hatte dafür eigens die Klamotten aus der Waschmaschine gezogen und Stück für Stück auf den Wäscheständer drapiert. Dabei war ihr zwar nicht aufgefallen, dass sie trockene schmutzige Wäsche aus der Maschine geholt hatte. Aber ich finde, man sollte sie dafür nicht kritisieren. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne.