Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.03.2019

622_Vorbildhafte Verspätung

Steile These zum Sonntag: Die Erziehung unserer Kinder wird massiv dadurch erschwert, dass die ganze Gesellschaft so unerzogen ist. Es mangelt vor allem an Vorbildern in der Politik. Aber selbst, wenn es welche gäbe, hätten sie es heute schwer, denn unsere Kinder interessieren sich ebenso wenig für Bundestagsabgeordnete wie für amerikanische Exportquoten oder die wirtschaftliche Redlichkeit südeuropäischer Staaten. Man kann von Glück sagen, wenn sie Portugal neben Spanien verorten und nicht neben Dänemark. Und Politiker sind ihnen inzwischen von Herzen piepegal.
In meiner Jugend waren natürliche Fressfeinde wie „Filbinger“, „Dregger“ oder „Strauß“ durch Wort und Bild berühmt und berüchtigt und sie trugen enorm zur politischen Willensbildung bei. Aber solche Kaliber gibt es heute nicht mehr. Wonneproppen wie Peter Altmeier oder Olaf „Billardkugel“ Scholz regen kein bisschen zu adoleszenten Abgrenzungsmaßnahmen an. Nicht einmal die AfD kann den Freundeskreis meiner Kinder zur Empörung anstiften, denn dafür ist sie ganz einfach zu albern und zu blöd.
Am ehesten hat Christian Lindner das Zeug zum Jugendschreck, aber er sieht erstens viel besser aus als Filbinger, Dregger und Strauß und wird schon deshalb keine Jungwählern für seine etwas dümmliche Aussage zu den Freitagsdemos der Schüler verlieren. Außerdem wählen die Jungwähler zweitens seine Partei sowieso nicht, da kann er sie ruhig beleidigen.
Wenn es also nicht die Politiker sind, die als Leitbilder, Vorbilder oder Schreckbilder die Entwicklung der nachfolgenden Generation vorantreiben, wer ist es dann? Es ist komischerweise das Verhalten von Unternehmen, also von mehr oder weniger riesigen amorphen Gebilden, die uns in unserer Jugend noch weitgehend wumpe waren. Wenn man aber jetzt in die Runde fragt, wer oder was einen Einfluss auf die Meinungsbildung hat, dann erfährt man, dass alles, was mit den Aktivitäten von Instagram, Youtube oder Snapchat oder irgendwelchen Spieleentwicklern zu tun hat, von den Jugendlichen viel ernster genommen wird als beispielsweise der Brexit oder das Wirken von Andreas Scheuer.
Die Unternehmen verändern die Wahrnehmung der Pubertiere für die wichtigen Themen des Lebens, die Politiker sind abgehängt. Zum Beispiel wird die Gerechtigkeitsdebatte momentan von Youtube bestimmt. Das Unternehmen hetzt seine junge Zielgruppe gegen das neue digitale Urheberrecht auf und macht das so geschickt, dass meine Kinder sich vehement gegen ihren eigenen Vater stellen, der als Urheber auf Einnahmen angewiesen ist, mit denen er den Internetzugang bezahlt, den sie brauchen, um Youtube-Videos anzuschauen.
Oder die schöne alte Konvention der Pünktlichkeit. Es ist fast unmöglich, sich mit unserer Tochter Carla zu verabreden. Sie wird bald 21, aber es gelingt ihr nicht, zu einem verabredeten Zeitpunkt irgendwo aufzutauchen. Im Kino zum Beispiel. Sie legt Wert auf die zutreffende Feststellung, dass ein Film, der um 20 Uhr beginnen soll, in Wahrheit immer erst um 20:17 Uhr anfängt. Warum sie dann aber erst um 20:32 Uhr im Kino auftaucht, bleibt auch nach längerer Debatte vollkommen schleierhaft, endet aber mit ihrem Befund, ich sei ganz schön spießig geworden.
Wer weiß, vielleicht hat sie diese Einstellung ja von der Bahn übernommen. Diese hat jetzt vorbildhaft für unser Kind ihren Pünktlichkeitsbegriff ein wenig überarbeitet. Bisher galten Züge als verspätet, wenn sie sechs Minuten zu spät losfuhren, was ja schon frech ist, denn wenn der Zug nach Fahrplan führe und man als Fahrgast sechs Minuten zu spät am Gleis einträfe, wäre der Zug ja weg und es würde einem beschieden, man sei eben unpünktlich gewesen. Egal. Jedenfalls misst die Bahn zukünftig nicht mehr die Pünktlichkeit ihrer Züge, sondern jene der Reisenden in den Zügen. Das Verfahren ermöglicht den Bahn-Tricksern, selbst eine viertelstündige Verspätung als Pünktlichkeit auszugeben. So ähnlich macht es Carla auch. Sie könnte als Bahn-Managerin Karriere machen, aber dafür ist ihr eigener Ärger über das Unternehmen zu groß.
Sie fand es neulich eine unfassbare Frechheit, als der Zug nach Berlin auf die Minute pünktlich losfuhr. „Auf nichts kann man sich mehr verlassen,“ schimpfte sie am leeren Bahnsteig und stapfte zum Flixbus. Wenigstens der hatte Verspätung.