Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Hoteltester … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.06.2007

10_Meine Kosenamen

Das schöne am Elternsein ist, dass man jede noch so kleine Entwicklung seiner Kinder unmittelbar erfährt, jedenfalls wenn man will. Ständig passiert ja so viel Neues, es ist wundervoll. Man möchte juchzen und seufzen und das Wunder des Lebens preisen. Außer im Moment.
Nick ist in einer Entwicklungsstufe, an die ich mich später sicher gerne erinnere, weil sie vorbei ist. Ich nenne sie die „Stinkepo-Phase,“ die Bestandteil des sich hinziehenden Prozesses des Spracherwerbs zu sein scheint. Jeder Berliner Rapper ist gegen meinen Sohn ein Schöngeist. Morgens, wenn Nick über meine Schienbeine zu mir ins Bett trampelt, ruft er freudig: „Hallooo, Du Schlammsau.“ Ich bin aber keine Schlammsau, ich bin ein Vater. Und das sage ich ihm auch. Dann antwortet er: „Ja, gerne, Herr Zwiebelarsch.“ Unnötig zu sagen, dass auch Sara nicht Sara heißt, sondern „Stinkefuß,“ „Pupsmama“ und „Gurkenpo.“ Die meisten seiner Wortschöpfungen gründeln in Körperöffnungen und Ausscheidungsvorgängen. Das ist nicht schön.
Warum kann er nicht Kosenamen erfinden, die man gerne hört? Warum bin ich nicht „Apfelpapa“ oder „Blumenmann?“ Das sei normal, sagte die Kindergärtnerin, als ich sie darauf ansprach. Sie selbst hieße zurzeit Kacka-Christl. Mir egal. Ich will nicht Pimmelsack geheißen werden, und schon gar nicht von einem Vierjährigen. Also beschloss ich, dem Verhalten meines Sohnes mutig entgegenzutreten und notfalls Strafen für Schimpfwörter zu verhängen. Leider fehlt es mir dafür jedoch an Autorität. Im Bestrafen bin ich nicht besonders gut. Abgesehen davon hat mir mal eine Psychologin erklärt, dass kleine Kinder mit Strafen überhaupt nichts anfangen können. Das soll man sich sparen. Es bringt nichts und das Einhalten von Sanktionen ist für Eltern schwieriger als für Kinder, besonders wenn es um Fernsehverbote geht. Möchte man die zum Beispiel am Sonntagmorgen um acht einhalten? Nein? Na bitte. Ich nahm mir vor, mit Augenmaß vorzugehen.
„Ab sofort keine Worte mehr, die irgendwie mit pupsen, Pipi machen oder Kacke oder stinken zu tun haben. Verstanden?“
„Jawoll, Herr Furzgeneral.“
„Du kannst Papa zu mir sagen.“
„Das ist aber nicht so lustig, Käsebauch.“
„Pass auf: Mama und ich möchten nicht so genannt werden. Wenn Du damit nicht aufhörst, bekommst Du eine Woche lang kein Eis.“
Es war ein heißer Tag. Eiswetter. Ich liebe es, mit ihm am Kiosk ein Eis zu essen. Wir sitzen dann nebeneinander auf der Bank und er erzählt mir unglaubliche Geschichten aus dem Kindergarten. Die meisten handeln von Würmern.
Nick fing sofort an zu heulen. „Kein Eis? Eine Woche?“
Er weiß ja gar nicht, wie lange eine Woche dauert. Eine Woche ist für Nick dasselbe wie zwanzig Minuten oder vier Jahre. Er lief zu Sara und beschwerte sich. Ich lief hinterher.
„Das ist ein Scheißpapa,“ brüllte er.
„Patsch. Das war’s. Eine Woche kein Eis.“
Nick weinte fürchterlich. Tränen nässten sein T-Shirt ein. Er schluchzte, fing vor lauter Kummer zu stottern an, als er mich davon überzeugen wollte, ein braver Junge zu sein. Ich nahm ihn auf den Arm, bis er sich wieder beruhigt hatte. Dann fragte er: „Ist die Woche schon rum?“ Und ich antwortete: „Ja. Gerade so.“ Dann gingen wir zum Kiosk. Er aß ein Spongebob-Eis und berichtete von einem gewaltigen Popel, den er am Abend zuvor in seiner Nase entdeckt hatte.
Ich glaube, ich habe dennoch einen Teilerfolg errungen. Heute Morgen latschte Nick über meine Schienbeine, ließ sich fallen, blies mir ins Gesicht und sagte: „Hallo, mein alter Kumpel.“ Keine Leibesöffnungen, keine Körpersäfte, keine Gerüche. Ich war wirklich und ehrlich gerührt. Vielleicht haben wir die Stinkepo-Phase überstanden.