Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.07.2007

12_Laufenten

Unser Privatzoo vergrößert sich ständig. Es gibt bereits eine Katze, zwei Hunde und zwei Wellensittiche bei uns. Meine Tochter bedauert, dass nicht noch ein Pferd bei uns einzieht, aber dafür fehlt der Platz. Und zumindest bei mir die erforderliche Affinität für Einhufer jeglicher Art.
Für mich sind Pferde schlanke Kühe ohne Euter und Hörnchen. Unmöglich vorstellbar, einen Huf auszukratzen, mich von einem Araber trösten zu lassen oder sogar auf seinem Rücken zu sitzen. Stallgeruch finde ich störend und Reiten im Fernsehen doof. Man sollte die Tiere in Ruhe und in der Hoffnung, dass sie eines Tages Milch zu geben in der Lage sind, auf satten Weiden grasen lassen und nicht über Hindernisse scheuchen. Man sollte ihnen keine adligen Namen geben. Und beizeiten sollte man sie essen.
Jawohl. Ich könnte mir vorstellen, ein Pferd zu essen. In traditionellen Sauerbratenrezepten wird dringend darauf hingewiesen, dass zur Herstellung eines anständigen Sauerbratens ein Pferd benötigt wird, am besten sogar ein Fohlen. Als ich den Wunsch meiner Tochter nach einem Pony mit dem Wort: „Lecker“ quittierte, schrie sie „Tierquäler“ und rannte in ihr mit Wendy-Postern eingerichtetes Zimmer. Es bereitete mir einige Mühe, Carla davon zu überzeugen, dass ich nur einen Spaß gemacht hatte. Sie rang mir das Versprechen ab, nie wieder so über Pferde zu sprechen. Ich versprach es ihr und weihte sie in mein kleines Geheimnis ein. In Wirklichkeit nämlich machte ich solche Scherze nur, weil ich, na ja, weil ich: Angst vor Pferden habe. Da lachte sie mich an, dann lachte sie mich aus. Und alles war wieder gut.
Wir haben uns also gegen ein Pferd, aber für zwei indische Laufenten entschieden. Sie wurden angeschafft wegen der sechs Millionen Untermieter, mit denen wir den Garten teilen. Den Schnecken. Mit und ohne Haus. Früher mochte ich Schnecken. Ich ließ sie ihr Gepäck über meine Hand schleppen, ich sah ihnen beim mühsamen Überqueren der Gartenliege zu, störte mich auch nicht am Schleim auf meiner im Rasen abgelegten Zeitung. Alles war dufte mit mir und den Schnecken. Dann fraßen sie den Salat.
Zunächst versuchten wir die Bierfalle. Wir vergruben Halblitergläser mit Andechser Urbock Dunkel vor dem Salatbeet und die Schnecken plumpsten der Reihe nach hinein, Oktoberfestbesuchern nicht unähnlich. Das war eine Sauerei. Wir zerschnitten die Schnecken mit einer Gartenschere; eine barbarische und sinnlose Methode. Wir streuten Schneckenkorn, der Kollegen aus weit entlegenen Gärten anlockte und grausam entstellte Leichen zeitigte. Und dann kauften wir zwei indische Laufenten.
Das sind sehr sympathische Tiere. Sie sehen aus wie gefiederte elsässische Rieslingflaschen und fressen nicht nur die Schnecken, sondern vor allem deren Eier. Kinder lieben Enten. Zuerst bekamen sie Namen. Nick schlug vor, sie Entenkacke und Pupsack zu nennen, wurde aber überstimmt. Wir entschieden uns für Doctor Burke und Doctor Shepherd, das sind Saras Lieblingsärzte aus „Grey’s Anatomy.“
Der erste Tag mit ihnen war wundervoll. Wir folgten ihnen überall hin. Sie fraßen Schnecken, quakten und kackten in den Rasen. Abends wollten wir sie in den Stall treiben, den wir ihnen haben bauen lassen, damit sie nicht der Fuchs holt. Aber Dr. Burke und Dr. Shepherd wollten nicht in den Stall. Sie liefen unter die Johannisbeeren und machten sich ganz klein. Wir riefen: „Dr. Burke, Dr. Shepherd in die Notaufnahme! Halloo!“ Schließlich versuchte ich, sie heiligendamm-mäßig mit dem Gartenschlauch aus ihrem Versteck zu spritzen. Sie quakten. Ich stocherte mit dem Rechenstiel. Sie quakten. Ich wartete. Gegen Mitternacht gelang es mir, sie mit entwürdigenden Lauten und Bewegungen in den Stall zu locken. In den Tagen darauf wiederholte sich die Prozedur. Sie haben sich inzwischen daran gewöhnt und laufen bei anbrechender Dunkelheit immer unter die Johannisbeeren. Ach hätte ich doch ein Pferd gekauft. Vielleicht kann man Pferde auf Schnecken abrichten.