Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.07.2007

13_Mein Tamagotchi

Viele Männer haben irgendein doofes Jungsspielzeug: Kettensägen, Aufsitzmäher, Eisenbahnen. Ich habe mal von einem Typen gelesen, der eine riesige Satellitenschüssel besaß, mit welcher er Fernsehsender aus der ganzen Welt sammelte. Er sah sich deren Programme nicht an, sondern katalogisierte lediglich alles, was er mit seiner Schüssel einfing. Diese stand in seinem Reihenhausgärtchen und war so groß, dass man damit wahrscheinlich mühelos Telefongespräche in Ulan Bator abhören konnte. Auf dem Foto in der Zeitschrift stand der Mann neben seiner Schüssel und sah auf eine rührende Art geschieden aus.
Ich habe kein solches Hobby. Ich schnüffele nicht an Weinkorken, baue keine Flugzeuge und laufe auch nicht mit selbst gebauten Geräten durch die Nachbarschaft, um Energiequellen oder Bodenschätze aufzustöbern. Aber ich besitze eine Espressomaschine. Und das ist beinahe dasselbe.
Sara nennt sie „das Tamagotchi.“ So hießen vor zehn Jahren winzige grob gepixelte Computerwesen, die man ständig mit sich rumschleppen musste, um sie zu füttern und zu hegen. Wenn man sie vergaß, gingen sie ein. Wie meine Espressomaschine.
Ich wollte sie erst gar nicht haben. Ich war ganz zufrieden mit meiner alten Maschine, jedenfalls solange kein Besuch im Haus war. Es handelte sich dabei um ein antiquiertes Modell des Herstellers Pavoni. Es mag fünfzig oder sechzig Jahre alt gewesen sein und sah aus wie eine Stabgranate aus Messing. Man musste es an der Rückseite aufschrauben, dann passte Wasser für zwei Tässchen Espresso hinein. Der Kaffee schmeckte wunderbar, aber der Dampf dieses Maschinchens war so apokalyptisch, dass es nur „Das Atomkraftwerk“ genannt wurde. Leider musste man das Ding unter höchster Verbrennungsgefahr für jede weitere Tasse abermals öffnen, um Wasser nachzugießen. Bei sechs Gästen ein unfassbar zeitraubender und gefährlicher Prozess, der jede Konversation der vor Angst gelähmten Zuschauer verstummen ließ. Da ich mich entweder am Deckel verbrannte oder am Dampf verbrühte und mich folgerichtig zu einem mäßig engagierten Gastgeber entwickelte, schleppte Sara mich in ein Espressomaschinengeschäft. Dort saßen gelangweilte Italiener herum und warteten auf deutsche Kundschaft. Ich wette, die Verkäufer dort trinken ihren Kaffee am liebsten aus den kleinen Aluminiumkännchen, die es in jedem italienischen Haushalt gibt und die nicht mehr als acht Euro kosten.
Der ganze Laden sah aus wie eine Mischung aus einer Intensivstation und einer Spielothek: Überall blitzende und funkelnde Geräte mit Hebelchen, Knöpfen, Schaltern, Uhren und Schläuchen und Brühköpfen und verchromten Wasserkreisläufen. Willkommen in der Profiwelt des Espressomachens, wo den ganzen Tag Paolo Conte läuft und Grissinistäbchen geknabbert werden. Hoch die Tassen auf ein Leben in der Breitcordhose des mediterranen „l’arte di vivere.“ Wir kauften eine Maschine (eine ECM, falls das jemanden interessiert). Und eine Mahlmaschine. Und eine Schublade, einen Pulverfestdrücker, ein Milchschäumkännchen, eine hässliche Wasserfilterkanne mit neun Wasserfiltern, zwei Kilo Espressobohnen sowie Espressotässchen für zehn Gäste.
Seitdem überwache ich den Zustand des Tamagotchis. Natalya, unser Au Pair-Mädchen, hat es nämlich bereits einmal eingehen lassen. Da waren wir nicht da. Sie ließ das Tamagotchi zwei Tage eingeschaltet, überprüfte aber seinen Wasserstand nicht. Schließlich verabschiedete es sich ins durchgeschmortes-Heizstab-Nirvana und schmiss vorher alle Sicherungen raus. Ich schenke nun ständig sorgsam entkalktes Wasser nach. Ich spüle Brühköpfe aus und putze die milchsäurebakteriell fragwürdige Schaumdüse. Man kann das fast schon ein Hobby nennen. Aber ich bekomme auch etwas dafür. Nach zwei doppelten Espressi aus meinem Tamagotchi fühle ich mich wie Jan Ullrich mit Blutdoping. Aaaaaahh! Auf zur Bergetappe!