Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.07.2007

14_Schlafen

Nick wollte nicht schlafen. Will er nie. Erst recht nicht, wenn sein Opa da ist. Das ist mein Schwiegervater Antonio Marcipane. Er befindet sich zu Besuch, denn seine Frau Ursula fuhr für eine Woche mit ihren Freundinnen auf Kegeltour. Sie war kaum aus der Tür, da rief er bei uns an und beschwerte sich darüber, in der heikelsten Phase seines Lebens von seiner Frau im Stich gelassen worden zu sein.
„Was denn für eine heikle Phase?“, fragte ich ihn am Telefon.
„Bin ni mehr soo gut in Schusse,“ antwortete er tonlos.
„Was soll das heißen? Bist Du krank?“
„Ni direkte krank, aber wiesolli sage, bin auf ein Art desperat.“
Er klagte über Schlafstörungen und Kopfschmerzen, ausgelöst durch die Einsamkeit.
„Was denn für eine Einsamkeit?“
„Weißte Du nickte, mein Frau hatte sie mick einfack verlassene!“
„Antonio, das war heute Morgen um zehn. Jetzt ist es zehn nach zwölf. Ich glaube kaum, dass Du seitdem Gelegenheit zum Schlafen hattest.“
Ich hörte, wie er die Augen verdrehte.
„Was weißte Duu schonn fur der Einsamekeite von alte Leut’?“
Wenige Augenblicke später hatte er ein Taxi bestellt und fuhr auf meine Einladung hin zum Bahnhof. Abends gegen acht holte ich ihn ab. Er war ausgezeichnet gelaunt, denn er hatte einen Geschäftsmann aus Wiesbaden und eine ältere Dame aus Fürth kennen gelernt und ausführlich über seine Lebensgeschichte informiert.
Die Kinder wollten unbedingt warten, bis der Opa da war, also durften sie länger aufbleiben. Sie begrüßten ihn stürmisch und er sang für sie ein neapolitanisches Lied, von dem ich vermute, dass es schweinischen Textinhalts ist. Aber beweisen kann ich es nicht.
„So, und jetzt geht’s in Bett,“ sagte Sara nach ein paar Minuten.
„Nein, Käsebauch!“, schrie Nick.
„Niemals,“ schrie Carla.
„Doch,“ sagte ich mit der milden Strenge, auf die ich mir einiges zugute halte, obwohl sie stets folgenlos bleibt. Ich erziele erziehungstechnisch die Wirkung einer Mischung aus Elliott, dem Schmunzelmonster und dem schwulen Nachtclubbesitzer aus „Käfig voller Narren.“
„Warum in Bett, es ist tage’ell,“ sagte Antonio und machte den Jesus, stellte sich also vor mich, legte den Kopf schief und zeigte die Handinnenflächen vor, als wolle er ein Sakrament empfangen. Ich fügte mich, obwohl ich Dinge weiß, die Opas nicht wissen: Dass Kinder am nächsten Morgen unausstehlich sind, wenn sie zu wenig Schlaf hatten, besonders meine. Dass es unmöglich sein würde, Nick in den Kindergarten zu bringen und dass er morgen unter Berufung auf die heutige Ausnahme bis Mitternacht aufbleiben würde. Und dass wir um viertel nach Sechs aufstehen MÜSSEN.
Antonio spielte mit seinem Enkel „Autowaschanlage,“ indem er ihn zwischen zwei Sofakisten zusammendrückte. Er sang ihm italienische Lieder vor, er fütterte ihn mit Parmesan und Eis. Er machte lustige Furzgeräusche und brachte den Kindern „Scopa“ bei, ein Kartenspiel. Zwischendurch sagte ich: „Jetzt ist es aber Zeit,“ und alle um mich herum sahen mich an wie die Spaßbremse vom TÜV, die einen Fiat 500 des Baujahres 1971 ohne Bodenblech partout nicht auf die Straße lässt. Um 23:15 schlief Nick auf dem Schoß seines Opas ein.
„Siehste, meine liebe Jung. Schlaf ohne der Autorità und Gebrull. Soo iste die Natur.“
Antonio klang wie ein Waldorf-Pädagoge. Er fügte hinzu, dass Müdigkeit von selber käme, jedoch nicht automatisch um 19.30 Uhr. Diese Ansicht habe ich auch mal vertreten, damals, als ich noch keine Kinder hatte.
„Und? Was hast Du morgen vor?“, fragte ich Antonio, der sich streckte und mit seinem angeleckten Zeigefinger die letzten Käsekrümel aufpickte.
„Mus erst einmaler riktige auschlafe. Brauki viel Schlaf – nack der ganze Stress ierbeidir.“