Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.07.2007

15_Im Dialog mit der Blase

Letzten Mittwoch saß ich im Wartezimmer einer Praxis für Allgemeinmedizin und blätterte in „Auto, Motor und Sport,“ der Wortspielhölle des automobilen Journalismus. Ich hatte was an einem meiner Finger. Ich gucke bei der Arbeit häufig auf meine Hände, denn ich kann nicht richtig tippen. Und wenn dort etwas anders aussieht als sonst, werde ich nervös. Schon nach vier Wochen ging ich sofort zum Arzt. Die Frau auf dem Platz neben mir telefonierte. Das fand ich unhöflich und peinlich, aber was soll man machen: Wir sind Alle Plankton im Datenstrom des Medienzeitalters.
Sie war bereits untersucht worden und wartete noch auf irgendwelche Unterlagen. Um die Zeit zu überbrücken, rief sie eine Freundin an und quälte diese und mich mit ihrer Krankengeschichte. Als wurde ich nicht schon von der Wartezimmerkunst an den Wänden ästhetisch ausreichend gezüchtigt, berichtete sie detailliert von ihren Beschwerden. Immerhin:
Die Diagnose jedoch klang derart aufregend, dass ich einfach zuhören musste.
„Er sagt, es sei imperativer Harndrang.“
Ganz sicher fragte die Freundin am anderen Ende, was das hieße, denn sie fügte nach einer kurzen Pause hinzu: „Na, was soll das schon heißen? Wenn ich muss, dann muss ich. Und zwar sofort.“
Und die Freundin antwortete wohl: „Was sollst Du denn dagegen unternehmen?“ Darauf sagte meine Nachbarin einen Satz, den ich wohl bis an mein Lebensende nicht vergessen werde, weil er so wundervoll die Atmosphäre in dem Wartezimmer zum schwingen brachte. Mediziner sind die wahren Poeten unserer Gesellschaft. Sie sagte: „Er hat gemeint, ich soll mit meiner Blase in Dialog treten.“ Na so was! Im Dialog mit der Blase. Das taugt beinahe schon als Filmtitel.
Ich liebe Ärztesprache, kein Berufsstand bereitet mir in Punkto Fachterminologie mehr Freude als der des Mediziners. Damit meine ich aber nicht den Zyniker, der bei der Visite im Krankenhaus unanständige Witze auf Kosten der Patienten macht, bloß weil die sich nicht auskennen und eine „RZM“ für eine ernsthafte Erkrankung halten und nicht für das, was es tatsächlich im Geheimjargon der Stationsärzte bedeutet: „Rotierende Zentral-Meise.“
Jemand erzählte mir vor kurzem, er besäße „blinde Hämorrhoiden,“ was ihn entschieden weniger in Panik versetzte als die Vorstellung, dass es demnach auch sehende Hämorrhoiden geben müsste (es gibt sie aber zum Glück nicht).
Die Dame beendete ihr Telefonat mit den Worten „Ich muss jetzt ganz schnell aufhören,“ drückte auf ihr Telefon und sauste aus dem Wartezimmer, was ich sehr ulkig fand.
Ich erzählte wenig später dem Arzt von der Frau und malte ihm aus, wie so ein Dialog mit der Blase klingen könnte. Der Doktor ermahnte mich, nie schlecht von anderen Kranken zu reden. „Das grenzt an maligne Logorrhoe,“ brummte er und fügte hinzu: „So nennen wir bösartige Schwätzerei.“
Eingeschüchtert hielt ich den Mund und öffnete ihn nur noch, wenn ich gefragt wurde. Der Arzt sah mich und den Hubbel an meinem linken Ringfinger streng an. Er tastete. Er drückte. Es tat nicht weh. Es juckte auch nicht. Es war bloß hubbelig. Wenig später saß ich wieder im Wartezimmer und wartete auf das Röntgenbild. Sara rief mich auf dem Handy an.
„Und? Was hat er gesagt?“, fragte sie.
Ich versuchte, den Hörer etwas abzudecken, muss ja nicht jeder wissen, was mit meinem Finger ist. „Er sagt, es sei wohl eine somatoforme Störung. Oder ein Briquet-Syndrom. Aber wahrscheinlich ist es nicht so schlimm.“
„Aha. Und was macht Ihr jetzt?“
„Er hat gesagt, er wolle forciert abwarten.“
„Was soll das denn heißen?“
„Das heißt, wir machen jetzt erst mal nichts.“
Ach, ich liebe Arztsprache.