Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.08.2007

16_Tipische deutsche Man

Unser ukrainisches Au-Pair-Mädchen Natalya überrascht mich häufig mit Ihrer Klugheit. Seit kurzem weiß ich zum Beispiel endlich, woran es dem deutschen Manne gebricht, nämlich an Würde und Geschmack. Ich verdanke diese Erkenntnis auch Thomas Gottschalk, denn seine Gestalt löste in Natalya einen Gedankengang beinahe metaphysischen Zuschnitts aus.
Dieser nahm seinen Anfang, als wir vor einiger Zeit „Wetten, dass…?“ ansahen. Thomas Gottschalk breitete die Arme aus, begrüßte die Zuschauer und Natalya fragte mit einer Stimme, in der sowohl Neugier als auch Sorge mitschwang: „Wär iest das?“
Ich antwortete: „Das ist Thomas Gottschalk, der Hohepriester der Fernsehunterhaltung, der berühmteste TV-Entertainer Europas!“ Natalya antwortete: „Aha. Sähr interessant.“ Das sagt sie immer, wenn sie etwas in unserem Land für sonderbar oder ästhetisch fragwürdig hält. Das letzte Mal sagte sie „aha, sähr interessant,“ als ich ihr bei einem Ausflug Blutwurst mit Kartoffeln und Apfelmus bestellte.
„Waruum hat dieser Mann so scheußelich Sachen an?“, fragte sie nach einer Viertelstunde.
„Das ist sein Markenzeichen,“ antwortete ich, denn mir fiel keine andere einleuchtende Antwort ein. Und es stimmt ja auch. Wenig später trat Dieter Bohlen auf. Natalya analysierte, dass „diese alte Mann sich aanzieht wie junger Mann.“ Dies sei respektlos, da es nicht nur seine, sondern auch die Würde der tatsächlich jungen Menschen verletze. Im Übrigen sei er zu braun. Das Lied gefiel ihr aber. Gegen Ende der Sendung konstatierte sie, dass der deutsche Mann insgesamt nicht sehr brauchbar sei. Am nächsten Tag saß Natalya in der Küche und blätterte die „Gala“ durch. Sie zeigte mir ein Foto von Stefan Effenberg und sagte: „Hier tipische deutsche Maann.“ Die Haare seien zu kurz wie bei vielen seiner Landsleute, der Kopf insgesamt zu rot, das Hemd albern und die Hosen erst Recht. Dies sei, schloss sie, alles Hitlers Schuld.
„Hitler ist schuld an der Frisur von Stefan Effenberg? Spinnst Du?“ Ich dachte, ich hätte mich verhört. Doch dann setzte Natalya zu einer längeren Ausführung an, welche zusammengefasst in etwa lautete, dass Hitler zweifellos den zweiten Weltkrieg und damit die Zerstörung der kulturellen Infrastruktur und der deutschen Innenstädte entfesselt habe. Diese seien nach dem Krieg nicht unter ästhetischen Gesichtspunkten wieder aufgebaut worden und somit fehle den heutigen Deutschen eine Schule des Sehens, wie sie jeder erfahre, der in einer schönen historischen Stadt aufwachse. Beim deutschen Nachkriegsmann sei die Tradition einer bürgerlichen Eleganz abgelöst worden durch einen stilistisch unsicheren Modewahn, für den er nicht könne, der ihn jedoch fatal deutlich vom Russen, Spanier, Franzosen oder Italiener unterscheiden würde. Ich hatte nicht die Kraft zum Widerspruch, denn ich dachte an die deutsche Volksmode, an Dreiviertelhosen, an Männerschorken in Füßlis und schmalen bunten Turnschuhen, an das modische Elend in den Fußgängerzonen. Vielleicht hatte sie ja Recht. Womöglich sind wir, was unseren Klamottengeschmack betrifft, tatsächlich ein Volk von unerzogenen Kriegswaisen.
Dann schwärmte Natalya vom russischen Mann und erläuterte, dass sowohl Russen als auch Ukrainer viel Sport trieben, überhaupt ausgesprochen lebendig seien und großen Wert auf täglichen Unterwäschewechsel legten. Dass sie sich gerne gut anzögen und in aller Regel betörend charmant seien, was man von Deutschen nicht behaupten könne. Ich dachte an Vladimir Putins Auftritt mit George W. Bush vor Pressevertretern in den USA. Auffallend war der falten– und bauchlose Sitz seines weißen Oberhemdes gewesen sowie die Haltung Putins: Wie ein Reckturner vor der Goldkür. Dennoch wandte ich ein: „Putin zum Beispiel ist ein Antidemokrat der übelsten Sorte.“ Natalya unterbrach mich: „Mag sein, iest kein Demmokrat ¬– aber hat ein ungelaubliche Knackarsch.“
Aha, dachte ich. Sähr interessant.