Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.08.2007

18_Golf

Es sei für diesen Sport hööööööchste Konzentration vonnöten, sagen Golf-Spieler immer. Und dass es sich sehr wohl um Sport handele, was man alleine daran sehen könne, dass Tiger Woods vollkommen durchtrainiert sei. Die meisten Golfer, die ich kenne, sind aber gar nicht durchtrainiert, höchstens durchgedreht. Ständig liegen sie einem in den Ohren, dass es nicht jedermanns Sache sei, sich vier Stunden lang auf einen hochkomplexen Bewegungsablauf zu konzentrieren. Man solle bitteschön selber einmal spielen, dann werde man ja sehen. Ha!
Und diese Natur! Ich ging einmal mit einem Freund in Ascona über den Golfplatz und sah dabei zu, wie er – wie er sagte – eine Lektion in Demut nahm. Diese war beeindruckend, denn es gelang ihm wenig, was ihn aber keineswegs dazu bewog, den Quatsch zu lassen. Es motivierte ihn vielmehr, Stunde um Stunde weiter zu laufen, zu schlagen, zu suchen und wieder zu schlagen. Die meisten Bälle drosch er fahrlässig in die Fauna, einer traf mit einem bemerkenswerten Geräusch einen Baum und prallte von dort in einen Tümpel. Ein anderer landete auf einem benachbarten Freeway, von wo ihn mein Freund wieder zurückspielte. Dabei traf ihn beinahe ein fremder Ball am Kopf. Es war alles sehr aufregend. Zur morgendlichen Stimmung trugen Eichhörnchen bei, welche über den Platz huschten, um uns mit ihrem Anblick zu erfreuen. Die Idylle war dermaßen überzuckert, dass ich annehmen musste, die Nager seien tot und würden von hinter Büschen versteckten tamilischen Asylbewerbern an Angelschnüren über den Platz geschleift, um den Golfspielern etwas zu bieten für ihr Geld. So schön war das.
Dieser Freund hat mir danach ein Regelbuch geschenkt. Dort bedient man sich einer Sprache, die einige schöne Wendungen exklusiv verwendet, zum Beispiel den der „straflosen Erleichterung.“ Dabei macht man es sich ein wenig einfacher und wird dafür nicht mit einem Strafschlag belegt. Es gibt alleine zur Handhabung der straflosen Erleichterung einige Regeln, über die man ausgezeichnet diskutieren kann, was den Aufenthalt in der wunderbaren und mit erdnussförmigen Sandkästen aufgewerteten Natur ganz erheblich ausdehnen kann. Ich erlebte dies auf einem Schnupperturnier, zu welchem mich einmal ein golfbegeistertes Ehepaar mitnahm. Ich durfte auch ran, aber nur beim Putten, um die Gefahr für alle Beteiligten gering zu halten. Ich stellte mich nicht zu ungeschickt an, was ich meiner immensen Erfahrung als Minigolfer verdanke. Ansonsten lief ich hinterher und beömmelte mich über die ernste Etikette, auch die der Kleidung. Robin Williams hat darüber einmal gesagt, Golf sei der einzige Sport der Welt, für den sich Weiße anzögen wie schwarze Zuhälter.
Ständig rannten wir vor der nachfolgenden Gruppe davon. Wir hätten sie überholen lassen müssen, aber das wollte das Ehepaar nicht. Stattdessen hasteten wir wie entflohene Sträflinge über Grün und Rough und suchten Bälle. Es war wie Ostern, bloß ohne Schokolade. Vom Himmel brannte die Sonne und als wir schließlich am Clubhaus ankamen, fühlte ich mich wie Lawrence von Arabien. Also bestellten wir Bier. Viel Bier, denn die Eheleute hatten als Clubmitglieder einen ungeheuerlichen Mindestverzehr abzufuttern.
Nach etwa zwei Stunden waren sämtliche Löcher diskutiert und ich ging, um mich straflos zu erleichtern. Dann verließen wir das Clubhaus und ließen Männer und Frauen mit stahlharten Waden unter karierten Hosen zurück. Auf dem Weg zum Parkplatz kamen wir an der Driving Range vorbei. Ob ich das mal versuchen wolle, fragte man mich. Ich versuchte es. Legte einen Ball auf eines dieser Abschlaghölzchen und griff den Schläger. Ich nahm Maß, holte aus, wie ich es zuvor stundenlang bei meinem Gastgeber gesehen hatte. Für eine Millisekunde gingen Schlägerkopf und Ball eine harmonische Beziehung ein, denn es machte „klick“ bei ihnen, der Ball hob ab, sauste weit und immer weiter. Er verschwand auf Nimmerwiedersehen. Vielleicht habe ich damit jene Schäden angerichtet, die man immer in der Tagesschau sieht, wenn es heißt, dass die Astronauten ihre Weltraumstation verlassen müssen, um etwas am Sonnensegel zu reparieren. Ich glaube, ich bin ein Naturtalent.