Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.08.2007

19_Dementsprechend traurig

Rasenmäher gehören zu jenen Gegenständen, die man nicht besonders häufig kauft, alle zwanzig Jahre ungefähr. 1987 lebte ich noch bei meinen Eltern. Sie besaßen einen weißen kleinen Mäher mit Benzinmotor, der ungeheuerlich qualmte und sich mit einer mehrfach geknoteten Kordel in Gang bringen ließ, was ihn heftig zittern ließ. Der ganze Mäher schüttelte sich heftig, worauf auch ich vibrierte wie ein 180 Zentimeter großer Pudding. Dann wackelte ich über den Rasen des elterlichen Gartens und mähte Bahn um Bahn. Das feuchte Gras verstopfte regelmäßig den Eingang zum Fangsack, durch welchen die Halme stachen, wenn ich ihn zur grünen Tonne schleppte. War das Gras hoch oder das Wetter schlecht, konnte das Mähen dauern. Dann erwies sich der kleine weiße Mäher als Wiederkäuer und kotzte Graswürste aus, die ich anschließend mit dem Rechen zusammen schob. Trotzdem mähte ich als Junge gerne, weil ich die Ordnung mochte, die ich auf diese Weise herstellte: bespielbares Grün in sichtbaren Bahnen. Ich mähte sogar so gerne, dass ich mich durch die halbe Nachbarschaft zitterte, um für fünf Mark jedermanns Rasen zu schneiden. Noch heute liebe ich am Stadionbesuch die Sicht auf den makellosen Rasen. Ich habe einmal von einem Hersteller für Fußballrasen gehört, der jedes Mal einen Wutanfall bekommt, wenn er im Fernsehen sieht, das ein Fußballspieler auf den Rasen rotzt. Ich kann den Mann gut verstehen.
Ich habe jedenfalls noch nie einen Rasenmäher gekauft, aber nun war die Anschaffung fällig. Mit fast vierzig sollte man einen Rasenmäher erworben haben. Ich betrat hierzu die Filiale einer Baumarktkette und schritt auf die Rasenpflege-Abteilung zu, wo ich kleine weiße Rasenmäher vermutete. Zitternde kleine Qualmmäher. Doch nichts dergleichen stand dort. Die Rasenmäher aktueller Bauart sehen alle aus wie französische Kleinwagen. Sie haben steindumme Namen, aber sie können mulchen.
„Sie können was, bitte?“
„Mulchen.“ antwortete der Verkäufer in der grünen Latzhose. Und das sei noch lange nicht alles. Ob ich einen Elektromäher oder einen Benzinmäher suche. Ein Elektromäher kommt für mich natürlich nicht in Frage. Schon in meiner Kindheit waren Besitzer von Elektromähern für mich das Allerletzte und bis heute rangieren sie abgeschlagen noch weit hinter Gasgrillern. Der Verkäufer schritt voran und zeigte mir allerhand Modelle, die das Gras auf drei bis acht Zentimetern Länge kürzen, sich selber anschieben und eine Füllstandsanzeige im Fangkorb besitzen. Manche können Laub sammeln, andere verbrauchen bloß einen Liter Benzin pro Sommer und wieder andere wiegen nur zwanzig Kilo. Der Verkäufer verwendete ständig das Wort „dementsprechend:“ „Wenn Sie hier an dem Regler drehen, mäht er dementsprechend kürzer.“ „Der Fangkorb lässt sich dementsprechend lösen und dementsprechend wird das Gerät gestartet.“ Ich fragte ihn, was denn der Rasenmäher dementsprechend koste und er antwortete: „Der kostet dementsprechend 1600 Euro.“ Es war nicht der Preis, der mich deprimierte, sondern die Tatsache, dass ich dafür offensichtlich nicht bekam, was ich wollte.
„Haben Sie auch kleine weiße, stinkende Rasenmäher? Ich suche ein ganz lautes und stark vibrierendes Modell mit einem Fangsack. Ohne Füllstandsanzeige und ohne Mulch.“
Der Verkäufer sah mich lange an. Dann sagte er: „Da werden Sie wahrscheinlich auf dem Trödelmarkt oder beim Wertstoffhoff dementsprechend fündig.“
Ich rief meine Mutter an, denn ich dachte, ich könnte meinen Eltern ihren Mäher abkaufen, aber sie hatten ihn bereits vor zehn Jahren außer Dienst gestellt und nun befand er sich im Rasenmäherhimmel, wo er dementsprechend Graswolken mähte und zitterte. Ich habe also einen neuen Rasenmäher kaufen müssen. Er ist für einen Benziner ziemlich geräuscharm. Er hat eine Schnittbreite von sagenhaften 56 Zentimetern und Radantrieb. Ich hasse das Ding. Wir mähen zusammen den Rasen, damit hat es sich allerdings dann auch schon. Es vibriert kein bisschen und ich auch nicht. Ich bin kein Nostalgiker, aber manchmal finde ich neue Dinge dementsprechend langweilig.