Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.08.2007

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Natürlich habe ich mich sehr über Ihre Post zum Thema „Kevinismus“ gefreut. Sie erinnern sich? Vor einiger Zeit schrieb ich an dieser Stelle über die Unfähigkeit mancher Zeitgenossen, ihren Kindern Namen zu geben, mit denen sie anschließend unbeschadet durchs Leben kommen. Ich meine damit nicht die ungezählten Sarahs und Lukasse, die unsere Kindergärten und Grundschulen bevölkern wie Ameisen die Marmelade, sondern jene armen Geschöpfe, die sich ein Leben lang als „Donald Everett Gomez Maria“ durchschlagen müssen. Der Vorstand von Siemens wird in wenigen Jahrzehnten vermutlich aus drei René Raouls, einem San Diego, zwei Janaisia Jacelyns und einer Cheyenne-Zoe bestehen und ich bin mir nicht sicher, ob man seine Unternehmensziele erreicht, wenn die internationalen Geschäftspartner einen bei jedem Meeting auslachen.
Ganz besonders hübsch fand ich in diesem Zusammenhang den Leserbrief einer Familie, die mir – offenbar zermürbt von der Kritik am Namen ihrer Tochter – detailliert erläuterte, wie dieser zustande gekommen war. Ihr Sohn habe nämlich das Recht zugestanden bekommen, seine Schwester zu benamsen. Ein solches Verfahren ist Vertrauenssache und birgt hohe Risiken, zumal der Sohn zur Zeit der Geburt seiner Schwester vier Jahre alt war. Wenn Nick bei uns dieselbe Pflicht zufiele, würde das Baby entweder „Bionicle“ oder „Arschkacke“ oder „Hosenscheißer“ heißen. Bei der Familie aus dem Brief führte das Verfahren zu einem zwar denkwürdigen, jedoch immerhin geschlechtsspezifisch eindeutigen Ergebnis. Der kleine Junge hieß übrigens Leviathan, was seine Eltern im Brief mit „Das Monster aus dem Meer“ übersetzten. Über die Umstände der Findung seines Namens stand bedauerlicherweise nichts in dem Schreiben.
Etwas aus der Mode gekommen zu sein scheint der Brauch, den Kindern dieselben Namen zu geben, welche schon Eltern und Großeltern führten. Ich kenne aber Familien, die viel Gehirnschmalz darin investieren, dass alle ihre Nachkommen mit demselben Buchstaben anfangen, beispielsweise mit „F.“ In diesen Fällen bekommt man zu hören: „Unsere Kinder heißen Federico-Franz, Fiona-Franziska und Friedrich-Friedemann.“ Ganz ähnlich wie diese Leute verfahren Pferdebesitzer. Auch sie legen Wert auf die Einhaltung kreativer Spielregeln. Fohlen bekommen daher immer den gleichen Anfangsbuchstaben wie ihr Vater. Ihre Namen dürfen dabei keinesfalls bürgerlich oder anderswie piefig klingen. Ein Pferd namens Peter gibt es daher eher nicht, dafür tummeln sich in den Ställen Tiere mit so originellen Namen wie „Sweet Florence“, „Dschingis Khan“ oder „Grand Hope.“ Eigentlich doch ganz ähnlich wie in deutschen Kindergärten – oder in Pornofilmen. Ein Freund von mir suchte einmal einen Namen für seinen neuen schwarzen Deckhengst. Der Name müsse mit „B“ beginnen, sagte er. Mein Vorschlag, der Volltreffer „Black & Decker,“ wurde leider als ungebührlich für ein mehrere zehntausend Euro teures Tier abgewiesen.
Der Originalitätszwang bei der Benennung neuer Familienmitglieder scheint zum Glück kein rein deutsches Phänomen zu sein. Gerade stand in der Zeitung, ein chinesisches Elternpaar habe sein Baby „@“ genannt, weil das erstens noch niemand gemacht habe, es zweitens schick aussehe und drittens dieses „ätt“ phonetisch klänge wie das chinesische Wort für „Liebe.“ Das Ehepaar hat damit international den ersten Platz in den Charts für kreative und gleichzeitig schreckliche Babynamen erklommen. Wer sein Kind nun „€“ oder „®“ oder „Ω“ oder gar „π“ tauft, darf getrost als Nachahmer gebrandmarkt werden.
Eingedenk dieser Entwicklungen und einschwenkend auf die Linie der Briefe schreibenden Landsleute denken auch wir zuhause wieder über Nachwuchs nach. Und über Namen, denn das macht ja doch viel Freude. Wir haben auch endlich genug von der Vernunft, die wir bisher haben obwalten lassen. Namen sind schließlich Fun. Wenn wir also noch einen Jungen bekommen, soll er „Shakira“ heißen. Und falls es ein Mädchen wird, bekommt sie gleich drei Namen: „Kaba-Fit-Banane.“