Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.09.2007

21_Das demenzielle Syndrom

Es gibt da einen Werbespot, der mir echt Angst einjagt. Er läuft bei den öffentlich-rechtlichen Programmen, richtet sich also eher an ältere Mitbürger und handelt davon, wie ein Herr in einem hellen Trenchcoat einem anderen Herrn begegnet, den er freundlich grüßt. Leider fällt ihm jedoch der Name seines Gegenübers nicht ein, deshalb stammelt er: „Guten Tag, Herr, äh, hmm.“ Der Rest des Spots ist nicht so wichtig, aber kurz nach dieser Spielszene wird ein Begriff eingeblendet, der wirklich rockt. Da steht nämlich: „Dementielles Syndrom.“ Was will uns die Werbeagentur und ihr Kunde, ein Hersteller von Mitteln gegen das Vergessen, damit sagen? Etwa, dass wir alle ein bisschen plemplem sind, wenn uns der Name eines Herrn nicht einfällt, den wir zuletzt als Latexwurst verkleidet auf dem Karnevalsball der Freiwilligen Feuerwehr Pinneberg gesehen haben? Da muss ich doch entgegenhalten: Wenn wir den Namen jetzt parat hätten, würde doch wohl viel eher etwas nicht mit uns stimmen. Ich jedenfalls brauche eine Ewigkeit, bis sich Namen und Gesichter in meinem Gehirn zu einer Person verbinden. Diesbezügliche Informationen krauchen bei mir schneckenartig von Synapse zu Synapse.
Selbst Ehepaare, die schon bei uns zum Essen waren, kann ich nicht von solchen unterscheiden, die ich immer schon einmal einladen wollte oder jenen, deren Einzelteile längst geschieden sind oder ohnehin nie zusammen gehörten. Ist das schon ein Zeichen von Demenz oder lediglich Ignoranz? Letzteres ist eine Annahme von Sara, die mich neulich schalt, mich nicht genug für ihre alten Schulfreunde zu interessieren, um ihre Namen zu behalten. Da ist was dran. Sie macht sich manchmal einen Spaß daraus, bei Partys oder anderen Stehveranstaltungen an mich heran zu treten und mir von der Seite ins Ohr zu flüstern: „Du hast keine Ahnung, mit wem Du Dich da gerade unterhältst, stimmt’s?“ Meistens hat sie Recht. Sie hat sich deshalb angewöhnt, Leute immer mit Namen zu begrüßen, damit ich mich wenigstens daran erinnern kann, dass ich ihn schon einmal gehört habe. Ich befinde mich auf diese Weise auf der intellektuellen Ebene eines Cockerspaniels, der die Ohren spitzt, wenn er ein vermeintlich vertrautes Wort hört.
Ich kann mir aber nicht nur Namen nicht behalten, ich kann mir überhaupt nichts merken. Teile meines Hirns nehmen erst dann ihre Aufgaben wahr, wenn ihnen klar ist, wofür ihre Tätigkeit von Nutzen sein könnte. Warum sollten sie sich mit dem Namen einer Schulkameradin meiner Frau abquälen, wenn ich diesen Namen niemals von selber benötige? Wieso muss ich mir merken, wie man sehr guten Crepes-Teig macht, wenn ich jederzeit in einer zerfledderten Kladde nachsehen kann? Dabei freue ich mich jedes Mal über die glamouröse Information, dass man zerlassene Butter einrühren muss. Wenn ich das Rezept im Kopf hätte, gäbe es mir nichts. Außerdem wäre eine Gehirnzelle bereits besetzt, wenn eine weit wichtigere Information anklopft, die man dringend in seinem Kopf und in seinem Herzen aufbewahren muss (die neue Platte von Prince ist die beste seit 19 Jahren).
Ich bin also keineswegs dement und Sie sind es auch nicht, bloß weil Sie nicht wissen, wo genau Kabel 1 auf Ihrer Fernbedienung liegt. Sie und ich, wir haben einfach besseres zu tun als sämtliche öden Umweltinformationen abzuspeichern. Lassen Sie sich von der doofen Fernsehwerbung nicht verunsichern.
Schön wäre, wenn der TV-Spot folgendermaßen abliefe: Der Mann sagt also: „Hallo Herr, äh, hmm. Ach, wissen Sie was? Ich habe keinen Schimmer, wer Sie sind und Ihnen geht es sicher genauso. Kommen Sie, wir gehen in einen Pils-Pub und stellen uns noch einmal richtig vor. Dann gehen sie in einen Pils-Pub, verlieben sich ineinander und fangen noch einmal ganz von vorne an. Und am Ende erscheint das Logo eines Herstellers von Trenchcoats. Die Marke habe ich gerade vergessen. Ist ja auch egal.