Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Sekundenkleber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.09.2007

23_That’s why they call it the blues

Was macht eigentlich der Blues? Ich meine nicht die Musikrichtung, sondern den Tanz. Dieser Fummeltanz. Gibt es den eigentlich noch? In meiner Jugend war das der Höhepunkt jeder rauschenden Kellerparty. Der Plattenaufleger wurde – meist von einem Mädchen – gebeten, nun einmal was „ganz Schönes“ zu spielen, Lichter wurden mit darüber geworfenen Halstüchern gedimmt und dann ging’s los. Die Musik, irgendwas langsames, schreckliches, bot den Rahmen für recht tölpelhafte Versuche, nach Martini Bianco und Benetton-Parfüm riechenden Mädchen irgendwie den Büstenhalter aufzupfriemeln. Von Tanz konnte dabei kaum die Rede sein. Mädchen und Jungen umarmten sich und drehten sich dann ganz langsam. Rechter Fuß. Linker Fuß. Furchtbar langsam. So langsam, dass die Schuhe auf dem Boden scharrten. Die Paare sahen aus wie Kaiserpinguin-Ehepaare und drohten, jederzeit umzufallen. In der Regel wollten die Jungs mehr als die Mädchen und die Niederlage war im Bluestanz eingebaut. Meistens kam es zu nicht mehr als dem Beschnuppern der Haare und des Nackens eines hübschen Mädchens. Das war zwar auch herrlich und erzeugte Erektionen, die man durch sofortiges Hinsetzen nach Beendigung des Tanzes verbarg, aber selten wurde mehr daraus. Eigentlich nie.
Der Film „La Boum“ zeigt exemplarisch, wie das geht mit dem Blues. Dazu spielt der Superhit „Reality“ von Richard Sanderson. Weitere bewährte Songs stammten von Spandau Ballet („True“), Phil Collins („Against all odds – Take a look at me now“) und von Cat Stevens („Morning has broken“ und so ziemlich jeder andere Song). Es war in jeder Hinsicht entsetzlich, sowohl unter sexuellen, als auch unter ästhetisch-künstlerischen Gesichtspunkten. Heute sind die Zeiten nicht besser. Das sieht man an unserer Regierung, die seit zwei Jahren einen verzweifelten Stehblues aufführt und wohl insgeheim darauf hofft, dass endlich jemand die Kellertür aufreißt und ruft: „So, die Party ist zu Ende. Ihr geht jetzt bitte alle nach Hause. Und lüften nicht vergessen.“
Unsere Regierungsparteien SPD und CDU/CSU umklammern sich, wenn auch nicht in Liebe, so doch in einer gewissen Geilheit, nämlich jener der politischen Zielerfüllung. Gerade erst war in Anne Wills Sendung exemplarisch zu beobachten, wie der ausgesprochen ambitionierte Kurt Beck den BH von Jürgen Rüttgers zu öffnen versuchte. Im übertragenen Sinne natürlich. Es ging in Wahrheit zum Glück nicht um Sex, sondern um Mindestlöhne. Das ist was ganz anderes. SPD-Becks Wiegeschritt, sein Drängen und sein Sehnen wurden aber von CDU-Rüttgers nicht erwidert. Und so stolperten sie als unharmonisches Paar durch die Talkshow. Das war nicht schön anzusehen. Aus diesem Tanz wird keine Liebe werden, bei den Ministerpräsidenten nicht und bei ihren Parteien erst recht nicht. Kaum zu glauben, dass die schon seit zwei Jahren miteinander unentwegt tanzen.
Aber weg von diesen unfeinen Bildern. Zurück zu „La Boum.“ Der kam vor einiger Zeit im Fernsehen. Als die Szene kam, in der nicht nur getanzt, sondern auch geknutscht wurde, schrie Carla: „Iiiih, das ist ja ekelhaft.“ Sie ist neun Jahre alt und die Vorstellung, von einem Jungen geküsst zu werden, findet sie so ungeheuerlich wie Jürgen Rüttgers den Mindestlohn.
Carla hielt sich ein Kissen vors Gesicht und schaute alle paar Sekunden nach, ob noch geküsst wurde. Das würde sie, schwor sie mir, nie machen. Niemals! Nichts sei fieser als die Vorstellung, von einem Zehnjährigen abgeleckt zu werde, da könne sie sehr gut drauf verzichten.
„Ich schwöre Dir, in spätestens fünf Jahren siehst Du das anders,“ sprach ich herab vom Thron meiner unendlichen Weisheit.
„Niemals.“
„Doch, sicher. Uhhh, da ist dieser wunderbare 15jährige mit den Pickeln. Den findest Du so cool. Und dann wird geknutscht. Wirst schon sehen.“
„Nein! Und wenn er mich angrabscht, knall ich ihm eine!“
Irgendwie war ich nach diesem Gespräch sehr beruhigt.