Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.09.2007

24_stinkende Wortwolken

Auf Reisen lernt man Land und Leute kennen. Und Städte mitsamt ihren Eigenheiten. Kassel zum Beispiel. Hat eine hässliche Fußgängerzone. Es kommen aber dennoch viele Menschen dorthin, weil in Kassel die Documenta stattfindet. Ich bin auch noch schnell dorthin gegangen, aus Neugier und Interesse.
Vieles an dieser Ausstellung verstand ich nicht auf Anhieb. Manches auch nicht nach längerer Betrachtung. Vielleicht bin ich unterkomplex, dümmer als die Kunst, die Künstler und die Kuratoren. Mag sein. Das macht nichts. Ich möchte gerne wissen, was einer sich gedacht hat, ich mag es, wenn mir jemand erläutert, was es mit einer Teekanne auf einem weißlackierten Stahlgerüst auf sich hat. Also erwarb ich in guter bildungsbürgerlicher Manier den Katalog, um ihn aufzuschlagen und wie ein Philister im Sonntagsröcklein durch die Ausstellungsräume zu schlendern. Das machte Spaß. Zuerst. Dann nicht mehr. Und irgendwann war ich sauer.
Der Kurator der Ausstellung, Roger M. Buergel, nannte vor einiger Zeit die Ansammlung negativer Kritiken für seine Documenta einen „Rülpswettbewerb.“ Er und die anderen Leute, die den Documenta-Katalog gemacht haben, veranstalten hingegen damit einen Pupswettbewerb. Sie wollen überhaupt nicht, dass man versteht, was sich ein Künstler gedacht hat bei der Arbeit. Sie wollen bloß nach Klugheit stinkende Wortwolken pupsen. Über die Teekanne auf dem Gerüst lese ich den Satz: „In der Inversion von Rationalität in Exuberanz, von Abwertung in Erhöhung wirft Duwenhögger allerdings auch Fragen nach den Kriterien öffentlicher Repräsentation auf.“ Aha. Wirft er. Soso. Anderswo steht: „Andererseits verzeichnet das Bild sämtliche Entscheidungen, die zu seinem Zustandekommen getroffen wurden – was die Frage nach seinen Motiven modifiziert.“ Wenn Kuratoren Texte tippen, wird die Tastatur schnell zum Kackequirl. Das muss man so konstatieren. Es beleidigt und verhöhnt übrigens nicht nur das Publikum, sondern auch die Künstler. Niemand, der sein Leben der Kunst widmet, hat es verdient, dass seine Arbeit von derart miesen Texten entwertet wird. Kein Wunder, dass nach wie vor die meist gehörten Sätze der Documenta „Und das soll Kunst sein“ und „Das kann ich auch“ lauten. Womöglich ist den Veranstaltern sehr daran gelegen, dass dies für immer so bleibt. Sie leben gewissermaßen vom Unverständnis, sie ernähren sich von Fragezeichen, sie weiden sich an dem, was sie bräsig Polarisation nennen.
Tage zuvor war ich in Ludwigshafen, was sehr kribbelt, nicht nur weil die weißen Qualm emittierende BASF ein Drittel der Stadtfläche einnimmt, sondern auch, weil Mannheim gleich gegenüber auf der anderen Rheinseite liegt. Mannheim ist schöner als Ludwigshafen. Und größer. Aber Mannheim hat auch seine Nachteile. Man darf dort nicht rauchen, wenn man abends ausgeht. Mannheim befindet sich nämlich in der Rauchverbotszone Baden Württemberg, während im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen alle rauchen dürfen, die Bürger und das BASF-Werk. Viele Mannheimer fahren abends über die Brücke, um in Ludwigshafen einen drauf zu machen. Früher war das immer umgekehrt. Eigentlich könnte man die Städte wunderbar zu einer fusionieren. Alle bisher in Mannheim rauchenden Einwohner zögen dann auf die linke Rheinseite, wo sie auch außerhalb ihres Heimes qualmen dürften. Die auf der rechten Rheinseite frei werdenden Wohnungen würden im Gegenzug von bisher in Ludwigshafen nicht rauchenden Bürgern bezogen. Eine wunderbar friedliche Stadt wäre das. Ich könnte mir aber vorstellen, dass daraus nichts wird. Man kann sich bestimmt nicht auf einen Namen für die Stadt einigen. Sie könnte Mannhafen oder Ludwigsheim heißen. Wer soll darüber befinden? Vielleicht fragen sie Roger M. Buergel, den Documenta-Chef. Der hat dazu bestimmt eine polarisierende Idee.