Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.10.2007

26_Von Burma nach Dingeda

Toast und nur Toast soll man Toast nennen. Alles andere ist Weißbrot. Toast ist für den Toaster gedacht. Solange es nicht getoastet wird, besitzt es zwar ordentliche tamponöse Eigenschaften, aber man kann es nicht mit Genuss essen. Weißbrot hingegen schmeckt auch ohne Hitze und weist meistens einen knusprigen Rand auf, während Toast einfach irgendwo aufhört. Damit man weiß, wo der Toast zu Ende ist, hat der Hersteller die Seiten braun angemalt. Eigentlich ganz einfach. Trotzdem kenne ich Menschen, die jedes Weißbrot als Toast bezeichnen, bloß weil sie jedes Weißbrot toasten. Dagegen muss ich protestieren. Ihnen scheint nun, dass ich ein pedantisches Familienekel bin, aber ich lege nun einmal Wert darauf, dass man die Dinge bei ihrem und nicht bei irgendeinem anderen Namen nennt. Man kommt so besser durchs Leben.
Toast und Weißbrot ist also keineswegs dasselbe, Birma und Burma aber schon. Und Myanmar erst Recht. Manchmal entgehen einem derartige Feinheiten. Ich habe zum Beispiel lange geglaubt, dass Birma und Burma Nachbarländer seien und Myanmar eine Billig-Fluglinie. Ich komme aber auch zu selten in diese Ecke der Welt, um es besser zu wissen. Der Hintergrund der Umbenennung von Burma zu Birma zu Myanmar ist leicht erhellt: Die Briten nannten diesen Flecken Ihres Kolonialreiches „Burma,“ nach dem dort beheimateten Volksstamm „Bamar.“ Wir Deutschen haben aus Ignoranz oder anderer Niedertracht daraus „Birma“ gemacht. Um sich von der britischen Kolonialmacht abzugrenzen, firmierte die Militärjunta schließlich 1989 offiziell das Land in Myanmar um, was soviel bedeutet wie „stark und schnell.“ Mit dem ersten Adjektiv mag das Militär gemeint sein und mit dem zweiten die Demonstranten. Jedenfalls verzichteten die Machthaber im Gegensatz zu „Evonik“ darauf, in Deutschland eine Werbekampagne für den neuen Namen zu schalten und so entstand in letzter Zeit eine gewisse Verwirrung.
Das passiert häufiger, wenn sich Namen ändern. So habe ich mich erst kürzlich spaßeshalber für einen Tag in „Kurt Beck“ umbenannt und wurde sofort in eine Talkshow gebeten, tags darauf aber wieder ausgeladen. Nicht, dass jemand gemerkt hätte, dass ich gar nicht der Kurt Beck war, für den man mich hielt. Man gefiel sich stattdessen in der fadenscheinigen Begründung, ich sei keine Frau und man bräuchte eine Frau für die Runde. Nächste Woche heiße ich Prinz Hakan. Vielleicht ergibt sich ja ein Staatsbesuch, wo ist mir egal.
Düster wird es, wenn jemand oder etwas einen neuen Namen erhält, ohne dass es dafür irgendeinen zwingenden Grund gibt. Bei „Bombay“ (jetzt „Mumbai“), „Thailand“ (früher: Siam) oder „Burkina Faso“, dessen früherer Name „Obervolta“ einfach zu sehr nach „Rosenheim“ klang, scheinen die Gründe nachvollziehbar und historisch begründbar zu sein.
Dies gilt nicht für das Schicksal von „Vulpes vulpes Kurdistanica.“ Das ist ein in der Türkei beheimateter Rotfuchs, dessen Namenszusatz „Kurdistanica“ einigen Beamten in Ankara nicht in den Kram passte. Also hat man ihn einfach zu „vulpes vulpes“ verkürzt . Das Wildschaf „Ovis Armeniania“ traf es noch härter, es hört nun auf die ähnlich poetische, aber rein türkische Anrede „Ovis Orientalis Anatolicus.“ Und ein Teil der „Ruhrkohle AG“ heißt jetzt „Evonik,“ was modern und ansonsten nach überhaupt gar nichts klingt. Was genau Die bei Evonik außer Werbung den ganzen Tag über treiben, kapiert kein Mensch. Das ist bei Arcandor genauso. Früher hieß dasselbe Unternehmen KarstadtQuelle und jeder wusste ganz genau, was dort gemacht wurde, nämlich Verlust. Womöglich tut es Marken gut, wenn man sie umtauft. Horch ist erfolgreich als Audi, Raider heißt jetzt Twix und Feldbusch Pooth. Sie bekam übrigens nicht nur einen neuen Namen, sondern auch eine neue Nase.
Meinem italienischen Schwiegervater sind Namen egal. Bei ihm heißt alles „Dingeda.“ Der Suppenlöffel, den man ihm reichen möge, der Autoschlüssel, den er verlegt hat, die Krawatte, die Fernbedienung. Alles ist „Dingeda.“
Wenn er etwas zu sagen hätte, hieße Myanmar auch „Dingeda“. Genau wie alle anderen Länder der Welt und die Welt selbst. Das ganze Universum hieße „Dingeda.“ Wer weiß, vielleicht wäre es friedlicher, wenn Alles dasselbe wäre.