Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.11.2007

29_Der Preis des Sieges

Sara ist der Meinung, ich leide unter Dyskalkulie. Das ist so etwas Ähnliches wie Legasthenie, bloß mit Rechnen. Die Sache flog neulich auf, als ich bei den Hausaufgaben meiner Tochter versagte. Nicht auf ganzer Linie, aber beim schriftlichen Dividieren. Jedenfalls bin ich gebrandmarkt und das schmerzt, weil es meine Autorität untergräbt.
Als ich nämlich tags darauf meine Tochter bat, sich die Zähne zu putzen, antwortete sie: „Lern Du erst mal Rechnen.“ Das fand ich frech und sie fügte hinzu: „Wenn Du ein Vorbild sein willst, musst Du alles können, was ich können soll.“
„Schön, aber jetzt wird nicht gerechnet, sondern Zähne geputzt. Und da bin ich Dir ein großes Vorbild.“
„Aber Du putzt gar nicht.“
„Ich gehe auch jetzt nicht ins Bett.“
„Müsstest Du aber als gutes Vorbild.“
„Es ist erst acht Uhr, da gehen Erwachsene noch nicht ins Bett.“
„Tolles Vorbild bist Du.“
„Musst Du eigentlich immer das letzte Wort haben?“
„Woher soll ich denn wissen, dass Dir nichts mehr einfällt?“
Später am Abend dachte ich darüber nach, was man alles drauf haben muss. Eigentlich nicht viel: Lesen, schreiben, rechnen, dazu einige Tugenden. Talent für irgendwas ist nicht übel, Geschmack auch nicht. So kommt man passabel durchs Leben. Möchte man sich selbst hingegen mit dem Zuckerguss des Stolzes glasieren, muss man vorher Großes leisten, zum Beispiel einen Kontinent entdecken. Es reichen aber auch schon nacheinander weggeturnt ein Aufschwung, zwei Felgen, Kolman-Salto, Felgen, Adler, Felgen, Markelov, Tkatchev gestreckt, Tkatchev gespreizt, Felgen zum Schwung holen, Doppelsalto gestreckt mit zwei ganzen Drehungen, Stand. „Und was habe ich davon, wenn ich das mache?“ hätte Carla mich gefragt, wenn sie nicht schon gegen ihren Willen eingeschlafen wäre.
Ja, was hat man davon? Ein Gefühl tiefster Befriedigung, weil man etwas kann, was kein anderer kann. Und einen schönen Preis hat man davon. Wenn alles super läuft, bekommt man eine goldene Medaille umgehängt und ist Weltmeister wie Fabian Hambüchen. Wenn man Pech hat, bekommt man einen scheußlichen Pokal oder eine ebensolche Schüssel oder gar eine Kristallglasskulptur. Meistens sehen Sieger damit wie Verlierer aus.
Motorsportler zum Beispiel setzen ihr Leben aufs Spiel, um am Ende etwas überreicht zu bekommen, das aussieht, als stamme es aus der Töpfergruppe einer Nervenheilanstalt. Man kann mit diesen Preisen gar nichts anfangen. Sie haben weder einen praktischen noch einen dekorativen Wert. Ich plädiere deshalb dafür, grundsätzlich nützliche Dinge zu verleihen. Beim Formel-1-Rennen am Hockenheimring gewinnt also zum Beispiel Fernando Alonso und erhält dafür feierlich eine Schüssel Kartoffelsalat für sich und seine Mannschaft aus der Hand von Frau Hildegard Klawuppke aus Giengen an der Brenz, die im Kartoffelsalat-Wettbewerb der Volkshochschule obsiegt hat. Auf diese Weise werden gleich zwei Personen geehrt, nämlich Frau Klawuppke und Herr Alonso. Die leergegessene Schüssel kann sie anschließend wieder mit nach Hause nehmen, dann steht sie nicht dumm herum (die Schüssel, nicht die Frau Klawuppke).
Anstatt des Deutschen Fernsehpreises wird ein Handfeger überreicht. Den kann man immer gebrauchen. Der ganz besonders medioker gestaltete Echo wird durch einen Dampfstrahlreiniger ersetzt und der Wimbledonpokal durch eine Universal-Fernbedienung.
Und das mit der Dyskalkulie ist Quatsch. Ich kann sehr gut rechnen, zum Beispiel Euro in Mark um. Ich bin darin perfekt und komischerweise wird das von meiner Frau gar nicht honoriert, ganz besonders wenn ich in Schuhgeschäften umrechne. Ich würde mir wünschen, dass Sara meine Fähigkeit stärker honorieren würde. Es muss nicht gleich ein Kartoffelsalat sein, ein kleiner Kofferfisch à la Bordelaise würde mir als Auszeichnung schon reichen. In seiner Aluschale sieht ein Schlemmerfilet fast aus wie eine Rennfahrertrophäe.