Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.04.2007

2_Zukunftspläne

Brauche Pläne. Zukunftspläne. Werde nun auch schon bald 40 und bin nicht einmal annähernd fertig mit der Gestaltung meines Lebens. Alles läuft kreuz und quer. So zufällig. Das Leben lebt mich und nicht umgekehrt. Das ist zwar ganz schön, aber auch problematisch denn die Welt um mich herum funktioniert offenbar nach genauen Planvorgaben, innerhalb derer ich als Wähler, Konsument und Umweltverschmutzer eine nanosekundenbruchteilige Rolle spiele. Ich sollte mir dessen bewusst sein und nicht so stupide vor mich hin leben. Pläne sind gefragt.
Ich muss zum Beispiel viel mehr kaufen. Die Marktforschung zählt mich bloß noch knappe neun Jahre lang zur werberelevanten Zielgruppe. In dieser Zeit muss ich noch viele wichtige Kaufentscheidungen treffen, denn danach bin ich nicht mehr interessant für die Industrie. Niemand umwirbt mich dann mehr, abgesehen von den Werbeblöcken des ZDF. Und dafür bin ich wiederum selbst mit 49 noch viel zu jung.
Zu den Anschaffungen, die ich noch machen muss, bevor ich demnächst vergreise, gehören ein Apfelpflücker, Bakelit-Lichtschalter sowie ein metallener Zollstock. Gibt es alles bei Manufactum, wo kernseifige ältere Menschen Gummistiefel und Papierkleber kaufen und sich an ihre Kindheit auf ostpreußischen Gutshöfen erinnern. Ich komme jetzt auch langsam in das Alter, wo man bequem sitzen möchte und Wert auf eine Armlehne legt.
Und was meine Figur angeht, ist einiges zu tun. Ich stehe am Scheideweg mit gleich drei Abzweigungen. Ich kann den Marsch in die Altersdiabetes antreten, den Pfad ewiger Askese beschreiten oder die Einbahnstraße des ewigen Jojo-Effektes, auf welcher ich mich bei Licht besehen bereits seit Beginn meines jetzigen Lebensjahrzehnts befinde. Ich fühle mich dort ganz wohl, aber man könnte nun zur Abwechslung mal radikal abbiegen. Fressen oder turnen, das ist hier die Frage. Für Fressen spricht, dass es mehr Spaß macht als turnen. Für Turnen spricht, dass die Fresser im Allgemeinen nicht aussehen wie Brad Pitt. Brad Pitt ist übrigens schon 43. Für ein gesundes Leben spricht zudem die These, dass schlanke, gut aussehende und nach Issey Miyake duftende Vierzigjährige mit nicht angewachsenen Ohrläppchen beruflich erfolgreicher sind als Bürokaffee ausdünstende Pykniker. Und für ein Karriereende sind 40 Jahre noch viel zu früh. Berufliche Pläne enden ja nicht in der Mitte des Lebens.
Ich strebe jedenfalls für die kommenden dreißig Jahre ein Präsidentenamt an. Das ist toll. Ich wäre zum Beispiel gerne Präsident des Dachverbands der Spitzenverbände. Oder: Präsident des Bundesverbandes der Landesverbände. Oder Präsident des Spitzenverbandes der Dachverbände. Was man da macht? Man sitzt in seinem Büro und erwartet Besuch. Der kommt vorbei und heißt Ministerpräsident Kurt Beck, zum Beispiel. Ich drücke auf einen Knopf und sage: „Frau Schadler, bringen Sie doch bitte Kaffee und Plätzchen für mich und Kurt Beck.“ Ich sage extra nicht Gebäck, damit der Ministerpräsident sich nicht verschaukelt fühlt. Feingefühl ist das A und O des Präsidentenamtes. Dann setzen wir uns und Frau Schadler bringt Kaffee und Gebäck für mich und Herrn Beck. Und kleine Saftfläschchen und einen Flaschenöffner. Dann reden wir von Präsident zu Präsident und ich verspreche, dass ich mal beim Landesverband in Kiel anrufe, um zu sehen, was sich machen ließe. Und dass ich aber nichts versprechen könne. Wenn der Ministerpräsident weg ist, schaue ich mir Nacktbildchen im Internet an telefoniere mit Rudolf Scharping, weil ich dringend ein neues Fahrrad für meine Frau brauche. So kann man Jahre verbringen. Hier und da werde ich wiedergewählt. Abends bin ich immer eingeladen und manchmal muss ich Reden halten und Ehrennadeln durch dunkle Anzüge pieksen. Spät in der Nacht komme ich nach Hause, esse noch einen Apfel, sehe mir Kerner im ZDF an, dann lösche ich das Licht mit dem Bakelit-Schalter.
Der jenseits dieses alptraumhaften Lebenswegs naheliegendste und derzeit dringendste Plan für die nahe Zukunft betrifft den Urlaub. Da muss ich mich endlich drum kümmern. Nächste Woche mehr davon.