Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Hoteltester … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.11.2007

30_Haselnuss brutal

Die wesentliche Errungenschaft meiner vor kurzem eingeleiteten Lebensphase als Nichtraucher besteht in meinem wieder gewonnenen Geruchssinn. Als ich noch rauchte, diente meine Nase als Ablage für meine Brille. Darüber hinaus konnte ich Rauch aus ihr heraus blasen und zwei Mal im Jahr verstopft sie für ein paar Tage, worauf ich mehrere Liter Rotz in Papiertaschentücher schnaube. Nick jubelt dann jedes Mal: „Papa macht ‚ne Apfeltasche!“ Meine Nase führte ein unauffälliges Leben in meinem Gesicht als nicht zu kleines und zum Glück auch nicht zu großes Organ von normaler Farbe und Beschaffenheit. Keine geplatzten Äderchen, keine sichtbaren Poren, keine vergrößerten Talgdrüsen, alles paletti. Ich war zufrieden, obwohl ich mit dieser Nase beinahe nichts roch. Das ist bei vielen Rauchern der Fall.
Kaum das ich das Rauchen für immer eingestellt hatte, änderte sich mein Leben radikal. Erstens begann ich meine Umwelt olfaktorisch wahrzunehmen und zweitens gehe ich deswegen kaum noch aus, jedenfalls nicht dort, wo das Rauchverbot in Clubs, Bars und Restaurants gilt. An diesen Orten fehlt der Nikotindunst nämlich entsetzlich. Neben all seinen schlechten Eigenschaften hatte dieser die gute, dass er den Gestank überdeckte, den man jetzt ungefiltert zu riechen bekommt, wenn sich mehr als drei deutsche Nichtraucher in geschlossenen Räumen begegnen: Es müffelt nach Schweiß, Küchengerüchen, dazu körpereigenen und künstlichen Düften aller Arten, was jahrzehntelang dank der verdienstvollen Tätigkeit der Raucher nicht unangenehm auffiel.
Ich bleibe jetzt lieber zuhause und veranstalte Aroma-Experimente, indem ich mit meinem Freund Albert Rotwein probiere. Er ist ein Fachmann und lehrt mich mit meiner Nase richtig umzugehen. Albert schenkt aus der ersten Fasche ein und reicht mir das Glas. „Was riechst Du?“ fragt er mit lauerndem Unterton.
Ich gerate in Prüfungsstress und sage: „Zimt?“
„Quitte,“ antwortet er enttäuscht. „Quitte. Und Haselnuss.“
„Aha. Können wir das jetzt austrinken?“ frage ich.
Albert hebt sein Glas, hält es gegen das Licht, schwenkt es und schlürft den Wein.
„Die Haselnuss kommt ja brutal,“ sagt er, als habe er einen Impfstoff gegen AIDS entdeckt.
Nächster Wein. Ich rieche Lakritz, Waldboden – und verbranntes Plastik. Das kommt daher, dass ich den Korkenzieher auf die heiße Herdplatte gelegt habe. Albert riecht, schlürft und stellt fest, dass es sich hier um eine feine Lady handele, die ihr Potenzial noch gar nicht richtig entfaltet habe. Der dritte Wein ist ein Blender, findet Albert. Zu viel Säure, keine Power. Für mich schmeckt er wie der erste. Albert sucht nach Worten für den vierten Wein, als es an der Tür klingelt. Draußen steht mein Schwiegervater. Er kommt manchmal überraschend vorbei, um mir zum Beispiel zu erzählen, dass er eine Knieprothese bekommen könne, wenn er wolle. Er brauche zwar keine, kenne aber ein Krankenhaus, das welche einbaue, weil es eine entsprechende Abteilung aufgebaut habe und dringend Patienten benötige.
„Der deutsche Gesundheitsistem iste total verruckte,“ sagt er. Dann entdeckt er die Flaschen auf dem Tisch. Nachdem er festgestellt hat, dass kein einziger Italiener dabei ist, beginnt er mit der Beschimpfung aller Franzosen und Spanier, welche die Kunst des Weinmachens von den Italienern abgekupfert hätten.
„Sie kennen sich aus?“ fragt Albert.
„Kenn’ nienur aus, bini ein Profi in Fragen der guten Geschmack, mein Lieber,“ ruft Antonio und setzt sich an den Küchentisch. „Kanni beweisen.“ Er fordert Albert auf, einen beliebigen Wein in ein Glas zu schütten. Mühelos werde er dann sagen, um was für einen Wein es sich handele. Albert ist entzückt. Unter großem konspirativen Getue befüllt er ein Glas und reicht es Antonio. Dieser riecht kurz. Dann trinkt er das Glas aus. In einem Zug. Er schürzt die Lippen. Albert reckt den Kopf nach vorne und fragt: „Und? Was war’s?“
Antonio sieht Albert an und sagt langsam: „Eindeutig. Eine. Rotwein!“
Unfassbar! Seine Nase ist tatsächlich noch besser als meine!