Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.11.2007

31_Der Kindergeburtstag

Seit Monaten sprach Nick von seinem Kindergeburtstag. Er plante, seine sieben besten Kumpels einzuladen – keine Mädchen, bloß keine Mädchen – und tüchtig einen drauf zu machen. Ich freute mich darauf, weil ich selbst immer gerne zu Kindergeburtstagen gegangen bin. Man spielte damals „Reise nach Jerusalem,“ was inzwischen im Verdacht steht, kindliche Traumata und Versagensängste auszulösen. Außerdem klatschten wir uns unentwegt gegenseitig Negerküsse ins Gesicht, was heute als Lebensmittelverschwendung und als politisch unkorrekt gilt.
Ich hatte also keine Ahnung von aktuellen Geburtstagsbräuchen, hörte allerdings davon, dass Eltern Bauchredner, Zauberer und ganze Puppentheaterensembles engagieren, um das Sozialprestige ihrer Kinder zu heben. Ich dachte darüber nach, doch dann las ich in der Zeitung, dass derartige Events manchmal schlimm scheitern, zum Beispiel im englischen Nottingham. Dort betrat eine Polizistin einen Klassenraum, um sich erst ihrer Uniform und dann der Unterwäsche zu entledigen. Ihr Auftritt löste Begeisterung bei den 16jährigen Zuschauern aus, endete aber mit dem Einschreiten der Lehrerin, als das Stripgirl einen der Schüler betanzte und ihn aufforderte, sie einzuölen. Später stellte sich heraus, dass die Event-Agentur zwei Termine verwechselt hatte. In der Schule sollte auf Geheiß der Eltern des Geburtstagskindes eigentlich ein Gorilladarsteller auftreten. Wohin dieser geschickt und wie es ihm bei seinem Auftritt ergangen ist, stand nicht in der Meldung. Jedenfalls entschieden wir uns für bewährte Kinderspiele.
Vorher gab es Geschenke und Kuchen. Ein gewisser Korbinian betrat unser Heim, wies uns auf seine Nussallergie hin und überreichte eine sündteure Lego-Meeresforschungsstation, die mir zu teuer gewesen war. Er informierte mich darüber, dass sein Vater einen Siebener fahre und im Vorstand sei. Dann begab er sich zu Tisch und griff zum Nusskuchen.
Arthur schlug Nick zur Begrüßung auf die Schulter, worauf der den Inhalt seines Mundes großflächig über den Tisch sprühte. Dies brachte Bruno zum Lachen und er lachte so sehr, dass ihm Limonade aus der Nase lief. Alles in allem amüsierten sich die Jungs prima.
Nach dem Kuchen rief ich zum Wattepusten auf. Das kenne ich noch, das ist lustig. Leider stießen Konstantin und Finn nach 14 Sekunden mit den Köpfen aneinander und Finn bekam derart apokalyptisches Nasenbluten, dass ich das Spiel beenden musste, denn ich brauchte die Watte, um Finns Nasenlöcher zu tamponieren. Währenddessen polterte die mit reichlich Zuckerenergie aufgeladene Bande durch die Bude und spielte Verstecken.
Ich suchte Alle zusammen und dann gab es Topfschlagen. Korbinian schlug hemmungslos zunächst auf den Topf und dann auf Jeden ein, der ihm zu nahe kam. Es kostete mich mehrere Minuten, ihm klar zu machen, dass er den Topf nicht nach Hause mitnehmen konnte. Ich rief: „Und was machen wir jetzt?“ und mein Sohn schrie: „Pimmelkarate.“ Ich weiß nicht, was „Pimmelkarate“ ist und bestand darauf, Blinde Kuh zu spielen. Aber dazu kam es erst nicht, denn Korbinian verwandelte sich plötzlich in ein Monster. Er sah aus wie eine prall gefüllte Wärmflasche mit Glubschaugen. Wir riefen seine Eltern an und wenige Minuten später erschien der Vorstand mit dem Siebener und schrie mich an, ob ich dem Jungen etwa Nüsse gegeben hätte. Er nahm sein keuchendes Kind unter den Arm und danach spielten wir doch noch ein wenig Blinde Kuh, was Fünfjährige in unbeschreibliche Aufregung versetzt.
Nach und nach erschienen Eltern, um ihre glühenden Jungs abzuholen. Erst als Brunos Mutter klingelte, fiel mir auf, dass ich ihr Kind länger nicht gesehen hatte. Seit dem Wattepusten, um genau zu sein. Wir suchten Bruno im ganzen Haus, eine halbe Stunde lang. Schließlich baten wir ihn, mal „piep“ zu machen und zehn Minuten später entdeckte Sara ihn halb erstickt unter dem umgedrehten Wäschekorb, wo er seit zwei Stunden verstecken spielte. Schwer atmend folgte er seiner kopfschüttelnden Mutter. Bilanz der Party: Ein Verletzter, ein Allergieschock und ein Vermisster.
Wir brachten Nick ins Bett. Ich fragte ihn: „Und, wie war Dein Geburtstag?“ Er antwortete: „Es war superduper.“ Er schlief mitten im Satz ein. Ein glücklicher Fünfjähriger. Man könnte glatt neidisch werden.