Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.11.2007

32_Die Schlacht bei den Brothmanns

Ich hatte keine Lust auf das Abendessen bei den Brothmanns. Ich wollte lieber: Alte Fotoalben ansehen, Nägel nach Größen sortieren, einen Freddy-Mercury-Lookalike-Wettbewerb veranstalten. Fernsehen. Sara rechnete mir jedoch vor, wie oft wir schon bei Brothmanns abgesagt hätten und das sie eine erneute Absage als Zeichen des Desinteresses auffassen könnten. „Zu Recht,“ brummte ich. Sara fügte hinzu, dass sehr nette Leute dorthin kämen und ich nie, nie, nie irgendwohin wolle und es sei zum Heulen.
Wir erschienen also gegen meinen Willen auf die Minute pünktlich. Ich wurde zwischen einen österreichischen Galeristen und eine hessische Pharmareferentin gesetzt. Sara befand sich am interessanten Ende des Tisches, wo sie sofort mit einem Wesen ins Gespräch kam, das aussah wie eine Pornodarstellerin vom Mars. Der Galerist begann einen Vortrag über einen Linzer Bildhauer, welcher mit organischem Material verwesende Skulpturen herstellte. Ich beschloss mich zu betrinken, als es an der Haustür klingelte.
Von der Tür her hörten wir Gezeter. „Siehst Du, alle sitzen schon. Du blöde Kuh!“, sagte eine Männerstimme. „Ach, lass mich doch in Ruhe, Drecksack!“, rief eine Frauenstimme. Frau Brothmann betrat das Esszimmer mit einem übelgelaunten Paar, welches sie als die Eheleute Gant vorstellte. Herr Gant setzte sich mir gegenüber, trank mein Glas in einem Zug aus und begann, mich und meine Sitznachbarn in sein Ehemartyrium einzuweihen. Während Gant sprach, sah ich zu meiner Frau hinüber. Sara hielt sich die Hände vor den Mund und nickte. Unter Tränen erzählte Gants Frau offenbar ihre Version des gemeinsamen Ehedramas.
„Wenn hier einer Grund zum Heulen hat, dann bin ich das,“ rief Gant zu ihr herüber. Ich fand ihn im Recht, denn diese Frau hatte ihm seiner Schilderung nach nicht nur den heutigen Tag verdorben, sondern genau genommen die letzten 14 Jahre.
„Lassen Sie doch endlich ihre Frau in Ruhe,“ rief Sara zurück. Ich schätze sie für ihre Zivilcourage, aber sie kannte nur die halbe Wahrheit über die saubere Frau Gant und daher fühlte ich mich aufgerufen, ihren armen Mann zu verteidigen. Das gefiel der Außerirdischen nicht. Sie beschimpfte mich als Chauvi und stinkenden Bovist, was den Galeristen auf den Plan rief, der das ganze Thema grundsätzlich diskutieren wollte. Seine Frau hielt dies für eine seiner typischen Schwachsinnsideen, ähnlich der, Werke eines Perversen zu verkaufen, die jener aus seinen Exkrementen fertige. „Von wegen organisches Material! Ha!“ Die Pharmareferentin begann zu lachen. Ich bat sie, Rücksicht auf die Gefühle des Österreichers zu nehmen, worauf ich von Frau Brothmann als Weichei verspottet wurde.
„Geschlechterkampf“ ist der sanfteste Titel, unter welchem sich die folgenden drei Stunden beschreiben lassen. Angebracht wäre eher so etwas wie „Die Schlacht bei Brothmanns.“ Schnell versanken Männer und Frauen in einem blutigen Gemetzel, selbst glückliche Ehepartner hieben mit Worten und in einem Fall mit einem Salzstreuer aufeinander ein. An das Essen, zu welchem wir eigentlich geladen waren, kann ich mich nicht erinnern. Es wird aber wohl welches gegeben haben, denn es wurde damit geworfen.
Gegen Mitternacht wollte ich nach Hause, denn ich war heiser, wütend und angetrunken wie ein Schalke-Fan am Samstag um Viertel nach fünf. Außer uns saßen nur noch die inzwischen ausgebrannten Gants sowie die Gastgeber am Tisch. Brothmann erhob sich, griff in seine Hosentasche und zog mehrere Hundert Euro heraus. Er übergab sie Gant und sagte: „Das war großartig. Genau wie besprochen. Ich bin ganz begeistert. Vielen Dank.“ Auch Frau Brothmann gab ihrem Entzücken Ausdruck und dankte den Gants für den wundervollen Abend.
Wir verließen das Brothmannsche Heim zusammen mit den Gants. Auf der Straße hielt ich ihn am Mantel fest, worauf er mir schweigend eine Karte in die Hand drückte. Darauf stand der wahre Name des Paares, sowie eine Telefonnummer und anstelle eines Titels oder Berufes: „Dinner Performance.“
Schweigend fuhren Sara und ich nach Hause. Die Galeristin hat übrigens wenig später die Scheidung eingereicht. Habe ich gehört.