Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.11.2007

33_Eine Begegnung im Baumarkt

Manchmal muss man sägen. Ich benötigte also einen Fuchsschwanz und fuhr zum Baumarkt. Ich bin gerne im Baumarkt und berausche mich an Schrauben, riesigen Bohrmaschinen und patentierten Linealen, mit denen man Dübellöcher anzeichnen kann. Ich gehöre zu jenen Kunden, die hauptsächlich den fünf-Euro-Kram vor der Kasse kaufen. Wir bewahren unglaublich viele Schraubenzieher in patentierten Verpackungen und zahllose Knick-Leuchtstäbe im Keller auf. Ich habe auch schon Kirsch- und Erdbeerwein im Baumarkt gekauft und eine patentierte Nottaschenlampe fürs Auto und viele viele Zollstöcke. Die halten bei uns nie lange, weil Nick damit immer Funkgerät spielt und die ausgeklappte Antenne nach seinem Polizeieinsatz abbricht. Wir besitzen mindestens sieben Zollstöcke, aber keiner davon ist länger als achtzig Zentimeter.
Ich stand also vor den Sägen und nahm begeistert zur Kenntnis, dass man mit einem modernen Fuchsschwanz alles zersägen kann, sogar Gasbeton. Ich muss mir mal Gasbeton kaufen und damit Skulpturen anfertigen. Ich entschied mich für ein sagenhaft gefährlich aussehendes Modell und wollte zur Kasse gehen, als ich den Nikolaus sah. Er saß auf einem Klappstuhl neben einer deckenhohen Pyramide von in Tannenform gepressten Holzbriketts und schaute deprimiert aus seinem Bart. Ich nickte ihm zu. Er nickte zurück und sagte: „Hier gibt es die Original Bickenbecker Tannenbriketts. Tannenbriketts-zehn-Kilo-dreifuffzich.“ „Aha,“ antwortete ich, weil mir nichts Besseres einfiel.
„Sie haben nicht zufällig was zu trinken?“ fragte der Nikolaus.
„Was? Meinen Sie Schnaps?“ Ich war ein bisschen entrüstet.
„Irgendwas halt,“ sagte er. Er gab ein vollkommen würdeloses Bild ab, wie er auf seinem Stühlchen neben der Aktionsware saß und um Alk bettelte.
„Sie können doch nicht bei der Arbeit saufen,“ sagte ich, denn er bereitete mir Sorgen. „Da fliegen Sie doch im Nullkommanix raus.“
„Mir egal. Außerdem: Ich kann ja gar nicht rausfliegen.“ Er weckte meine Neugier.
„Wieso? Gehört Ihnen der Laden?“
„Der Laden? Nein, aber ich kann meinen Job nicht verlieren. Niemals kann ich meinen Job verlieren, das ist ja gerade das Problem.“ Ich verstand kein einziges Wort.
„Was reden Sie denn da? Sie können doch auch irgendetwas anderes machen. Sie müssen doch nicht hier den blöden Nikolaus spielen.“
„Ich bin der Nikolaus,“ sagte er mit plötzlich aufscheinendem Pathos.
„Schon klar.“
„Sie verstehen mich nicht. Ich bin der Nikolaus. Der echte. Der einzige. Alle anderen sind bloß Imitate. Ich bin der Nikolaus. Und ich habe Durst.“
„Soso. Und was macht der echte Nikolaus in Wolfratshausen im Baumarkt?“ fragte ich stark zweifelnd.
„Das frage ich mich manchmal auch. Wissen Sie, ich bin schon seit 1700 Jahren unterwegs. Da kommt man rum. Ich habe auf jedem Kontinent gearbeitet, ich war in jeder Branche tätig. Ich kenne die Königshäuser und die Sozialwohnungen, ich war bei Harrod’s und bei Aldi, bei den Eskimos und bei den Missionaren im Kongo. Ich habe Süßigkeiten in Trillionen stinkender Socken und Stiefel gesteckt.“
„Das ist doch aber toll!“
„Finden Sie? Die verdammte Schlepperei. Das Gemecker wegen Karies und das Gebrüll der Kinder. Da arbeite ich lieber im Baumarkt. Was soll ich machen? Ich bin nun einmal der verdammte Nikolaus. Und ich habe ja sonst nichts gelernt. Da würden Sie auch Saufen, glauben sie mir. Ich muss das noch viele hundert Jahre machen, bis endlich der Letzte den Glauben an mich verloren hat.“ Er sah mich mit wässrigen Nikolausaugen an. „Was ist, kaufen Sie jetzt die Briketts?“
Ich nahm ihm dreißig Kilo Tannenbaum-Briketts ab. Dabei besitze ich gar keinen Kamin. Aber einen Fuchsschwanz. Ich werde Tannenbaum-Brikett-Puzzles sägen. Und auf den Nikolaus trinken. Er lebe hoch, der arme Bursche.