Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.12.2007

35_Humor

Weihnachten naht. Die Zeit der großen Überraschungen. Werde ich auch in diesem Jahr eine Schachtel mit schnapsgefüllten Schokopralinen bekommen? Seit zwölf Jahren erhalte ich diese von einem Onkel, welchen ich weitaus länger als zwölf Jahre nicht mehr gesehen habe und von dem ich nicht wüsste, dass es ihn überhaupt gibt, wenn er nicht jedes Jahr diese Schnapspralinen schickte. Er heißt Onkel Rolf und ich habe keine Ahnung, von wo er seine Päckchen versendet. Einzig sicher ist, dass zwischen dem 20. Und dem 23. Dezember eine Schachtel mit Schnapsschlückchen im Zuckermantel mit Schokoüberzug anlandet. Ich bin in den vergangenen zwölf Jahren vier Mal umgezogen, aber die Schachtel kam trotzdem immer an. Geisterhaft. Und ich bin sicher, dass es zwölf Jahre und Schachteln sind, denn ich habe sie zwar nicht geöffnet, aber aufbewahrt, weil ich mich nicht traue, sie wegzuschmeißen. Könnte sein, dass Onkel Rolf auftaucht und „geistreichen Genuss in Nuss“ essen möchte. Die Wahrscheinlichkeit ist mehr als gering, aber es wäre möglich und man muss auf alles vorbereitet sein.
Es klingelt. Ob das Onkel Rolf ist? Bringt er sein Päckchen heute persönlich vorbei? Nein. Die Post. Allerhand Kram, Werbung. Die Bank schickt ein Kinder-Witze-Heft für, Achtung: „unsere Kleinsparer.“ Es steht kein einziger guter Witz drin, finde ich, muss allerdings zugeben: Kinder und Erwachsene haben eindeutig nicht denselben Humor.
Den meines Vaters habe ich als Achtjähriger nicht verstanden, mehr noch: Ich hatte sehr darunter zu leiden. Zuweilen hielt er ein brennendes Feuerzeug über meinen Kopf und fragte: „Was ist das?“ Mit kindlichem Fatalismus antwortete ich dann immer: „Weiß ich nicht.“ Er sagte: „Dover unter Feuer“ und amüsierte sich sehr. Viele hundert Male hat er diesen Scherz gemacht und es war ja auch ein wirklich guter, aber ich kapierte ihn einfach nicht. Ebenso wenig verstand ich die richtige Antwort auf seine Frage: „Warum hat Krause keine Haare?“ Ich dachte intensiv darüber nach, aber des Rätsels Lösung („Neger haben krauses Haar“) war mir einfach zu kompliziert. Keinen Schimmer, was er damit meinte. Was wollten denn die Neger bloß mit Krauses Haaren anfangen? Und warum fand mein Vater das so komisch?
Ähnlich verschaukelt mag sich mein Sohn Nick gefühlt haben, als ich ihm neulich einen sehr schönen Kinderwitz erzählte. Der geht so: Treffen sich eine Null und eine Acht in der Wüste. Sagt die Null: „Du hast aber einen tollen Gürtel an.“ Ich fand das sehr ulkig. Nick verzog keine Miene. Er weiß noch nicht so genau, wie eine Acht aussieht. Er sah mich an als sei ich ein Liter sauere Milch. Wenig später hörte ich, wie er den Witz seiner großen Schwester erzählte: „Treffen sich eine Wüste und die Null und ‚ne Sieben. Sagt die Null: Du hast ja einen Gürtel an.“ Clara sagte: „Das ist überhaupt nicht lustig und es hat gar keinen Sinn.“ Aber Nick schüttete sich aus vor Lachen. Seitdem erfindet er Witze von sensationeller Unlustigkeit. Er könnte viel Geld als Witzeautor beim Fernsehen verdienen. Einer seiner Lieblingswitze geht so: Treffen sich eine Orange und ein Hund. Sagt die Orange: „Wir können ja einen Baum abknutschen.“ Nick erzählte ihn während des Mittagessens, lachte sich in eine Art Schwächeanfall und kippte schließlich vom Stuhl.
Niemand ist mehr sicher vor seinen Witzattacken. „Treffen sich eine Drei und ein Schuh in der Wüste. Sagt der Schuh: Komm, wir machen Pimmelkarate.“ Es ist uns schleierhaft, woher er seine Pointen bezieht, wir wissen nicht, ob es nicht doch geheimnisvolle Zusammenhänge gibt, die wir nur einfach nicht erkennen.
Eigentlich fühle ich mich wieder wie damals, als mein Vater das Feuerzeug über meinen Kopf hielt. Ich glaube, ich brauche jetzt eine Schnapspraline. Ich kann in den Keller gehen und eine holen. Oder ich warte bis morgen, warte noch einmal auf die Post. Onkel Rolf, ich zähle auf Dich