Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.05.2007

3_Wohin in den Urlaub?

Es ging um unseren Urlaub. Meine Frau hat davon recht genaue Vorstellungen. Ich nicht. Ich will einfach bloß, dass es warm ist und ich meine Ruhe habe. Sara schlug also vor, dass ich mich alleine für zwei Wochen im Heizungskeller einschließen solle, wenn bei mir Wärme und Ungestörtheit die einzigen Kriterien für einen schönen Urlaub seien. Sie würde in der Zwischenzeit mit den Kindern in die Ferien fahren.
Sie ist manchmal recht schnell beleidigt und sie liebt es, wenn viele Menschen um sie herum sind. Ich weiß nicht, ob ich es schon einmal erwähnt habe, aber sie ist zur Hälfte Italienerin. Ihr Vater ist als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen und die Familie fuhr deshalb früher immer und immer und nur nach Italien, volle sechs Wochen, manchmal sogar länger. Aber das wissen Sie vielleicht schon. Jedenfalls möchte Sara nicht mehr in das Land Ihres Vaters, weil die dortigen Urlaube Reisen in ein zweites Zuhause sind. Und wer fährt schon nachhause in den Urlaub? Sie zieht Fernreisen vor. Oder Ferienhausmieten mit Freunden. Oder Cluburlaub.
Ich kenne mich mit so etwas nicht aus. Alles, was ich von Ferienclubs weiß, habe ich im Fernsehen gesehen: Bleiche mit Leberflecken besprenkelte Angestellte stehen hüfthoch im Wasser und machen den Ententanz. Oder den Orangentanz. Oder sie führen Theaterstücke auf oder sie töpfern oder stehen in der Schlange vor der Essensausgabe. Die Kinder werden zwischenzeitlich je nach Alter von Gleichaltrigen zum Rauchen oder zum Geschlechtsverkehr verführt.
In Ferienhäusern komme ich mir immer vor als lebte ich fremder Leute Leben und vor Fernreisen habe ich Angst. Meine Heimat ist meine Sprache, wenn ich mich nicht mehr verständlich machen kann, reagiere ich panisch. Außerdem wissen die Kinder Fernreisen ohnehin nicht zu schätzen. Es ist ihnen total schnuppe, ob sie nun auf Spiekeroog oder Ko Samui den Sand durchwühlen.
„Wenn es nach Dir geht, fahren wir nach Wolfratshausen in den Märchenwald und grillen anschließend,“ spottete Sara.
„Ich finde das eine sehr hübsche Idee,“ gab ich zurück. Sekunden später saßen wir im Auto und fuhren zu einem Reisebüro.
Wir saßen einem Mann gegenüber, der sich als Paganini des Reiseprospekts entpuppte. Der Neckermannkatalog war seine Stradivari. Er flog durch die Hotels und unterbreitete dann sein ultimatives Angebot: Zwei Wochen in einem türkischen Hotel, das aussah wie eine Kreuzung aus dem Bundeskanzleramt und einem Freibad. Sara tippte auf das Foto und rief: „Hier, die Zimmer sehen doch ganz schön aus,“ worauf Paganini den rechten Zeigefinger hob und erwiderte: „Das sind aber die Pärchenzimmer. Sie werden im Familienblock untergebracht.“
„Wo drin?“ fragte ich. Ich dachte, ich hätte mich verhört.
„Im Familienblock. Hier.“ Er deutete auf das Foto eines mietskasernenartigen Innenhofs mit hunderten kleinen Balkonen. Ich stellte mir vor, wie wir dort unsere Abende verbringen würden, untermalt vom vielstimmigen Gebrüll sonnenverbrannter Kleinkinder und ihrer Eltern. Ich malte mir aus, wie brennende Stapelstühle durch die Luft flogen und ich abends an der Bar Trost bei importiertem Krombacherbier suchen würde.
„Ich möchte nicht in den Familienblock,“ sagte ich, als wir wieder im Auto saßen. Es war ein schwaches, mattes, halblautes Sätzlein, aber es bewirkte immerhin, dass meine Frau nach unserer Rückkehr die Kinder in die Reiseziel-Entscheidung einband.
„Wo wollt Ihr denn am liebsten hin?“ fragte sie in die Runde.
Und dann geschah ein kleines Wunder. Unsere Tochter krähte wie aus der Pistole geschossen: „Ich will in den Märchenwald.“
Wir haben dann die Entscheidung noch einmal vertagt. Ich halte Sie auf dem Laufenden.