Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.05.2007

4_Sonderbare Laberströme

Wer Andere nicht mag, hält sie meistens auch für geschwätzig, so als sei die Verschwiegenheit automatisch eine Tugend. Diese Einstellung teile ich nicht. Naja, meistens natürlich schon, aber manchmal auch nicht. Wenn nämlich jeder bloß den Mund aufmachte, wenn er auch wirklich etwas zu sagen hätte und vorher gründlich nachdächte, wäre die Welt zwar voller kluger Gedanken aber eben leider langweilig. Wie sehr prickelt hingegen das Unausgegorene, das fröhlich in die Luft ventilierte, das Blubbern und Quasseln. Manchmal, wenn ich einsam bin, ist mir genau danach zumute. Dann mache ich den Fernseher an oder das Radio.
Natürlich höre ich nicht immer zu. Meistens lasse ich die Laberströme nur gedankenlos laufen wie Wasser beim Zähneputzen. Um mich dann auf sich aufmerksam zu machen muss schon jemand etwas sehr sonderbares oder ungeheuerliches sagen, zum Beispiel Otto Schily etwas über Murat Kurnaz – oder Hans Meyer etwas über den FC Nürnberg. Zumindest Letzteres klingt amüsant, denn Hans Meyer ist der ulkigste Trainer im Fußballgeschäft. Er trainiert also den FC Nürnberg, was in dieser Saison kein hartes Schicksal ist. Und diesen Meyer hörte ich am Samstag im Radio sagen: „Wir haben jetzt zwei Mal remisiert.“ Remisiert haben die. Huch. Na so was.
Die ganze Mannschaft hat remisiert. Das könnte bedeuten: Alle zusammen haben eine Remise gebaut. Und zwar gleich zwei Mal. Eine Remise ist eine Art Unterstand, so etwas wie eine Garage für Kutschen. Früher gehörte zu jedem Bauernhof eine ordentliche Remise. Man stellt sich also vor, wie der FC Nürnberg sich (zwei Mal!) am Samstag trifft, um eine Remise zu errichten. Wie in dem Film mit Harrison Ford, wo die Amischen in Pennsylvania gemeinsam eine Scheune für ein jung verheiratetes Ehepaar bauen und zwischendurch an einem langen Tisch zu Mittag essen. Die Kinder laufen herum, alle trinken frische Limonade und niemand trägt Knöpfe, denn Knöpfe gelten in der Welt der Amish People als eitler Zierrat. Insofern haben sie eine gewisse Ähnlichkeit mit Fußballprofis, denn die tragen in Ausübung ihres Berufes ebenfalls keine Knöpfe. Abends kommt der Abwehrspieler nach Hause und auf die Frage seiner Gattin, was er denn so den ganzen Tag getrieben habe, antwortet er mit gelangweiltem Unterton: „Och, ich habe remisiert. Der Vittek brauchte eine Garage für seine neue Kutsche.“
Oder hat der Hans Meyer etwas anderes gemeint? Mal überlegen. Das Wort Remise stammt von dem französischen Verb remettre ab, was bedeutet: „etwas wieder hinstellen.“ Im lateinischen gibt es das Tuwort remittere, was „zurückschicken“ bedeutet. Schachspieler, die beim Match wenig reden und wenn überhaupt, dann nur kluge Dinge, bieten sich von Zeit zu Zeit dürre Worte nutzend das aus derselben Wortursuppe stammende „Remis“ an. Damit ist gemeint, dass man die Figuren wieder an den Ausgangspunkt zurückstellt und von vorne beginnt, bis jemand gewinnt oder die Situation abermals an einen Punkt gerät, wo keiner mehr weiß, wie es weitergehen soll. Könnte es etwa das sein, was der Trainer meinte, als er sagte, seine Spieler hätten remisiert? Wurden sie nach einer knappen Stunde wieder auf ihre Ausgangspositionen gestellt und das Spiel begann von vorne? Was für ein wunderbarer Gedanke. Bundesligaspieltage dauern ab sofort eine Woche. Immer, wenn ein Match unentschieden auszugehen droht, wird remisiert und von vorne angefangen. Auch wird die Anzahl der möglichen Platzverweise nicht mehr begrenzt. Ständig fliegt einer vom Feld. Jede Mannschaft beginnt mit elf Spielern und am Ende sind bloß noch zwei übrig, zum Beispiel Oliver Kahn und Halil Altintop. Die beiden sehen aber keinen Sinn mehr in der Partie und rufen ihren Trainern zu, ob man nun langsam mal remisieren könne. Die Zuschauer sind indes längst nach Hause gegangen. Schweigend ziehen sie in Richtung U-Bahn. Sie haben sich noch nicht entscheiden, ob das nun ein verlorener Tag war oder nicht. Sie sind noch unentschieden. Auf wunderbare Weise remisiert.