Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.05.2007

6_Der Balken in uns

Vor einigen Tagen stolperte ich beim Studium des skandalös unverständlichen Bedienhandbuchs meines Handys über den sonderbar poetischen Begriff „Fortschrittsbalken.“ Das sind diese Felder, die anzeigen, wie weit zum Beispiel ein Programm herunter geladen oder ein Lied abgespielt ist. Der Fortschrittsbalken knuspert ruckartig die leere Fläche im Feld weg und wenn er voll ist, dann ist der Vorgang beendet. Meistens steht neben oder unter oder über dem Fortschrittsbalken eine Zahl, die anzeigt, zu wie viel Prozent die Operation vollzogen ist oder wie viel Zeit es dafür noch braucht.

„Fortschrittsbalken“ ist auch so ein Wort, das es vor zwanzig Jahren noch nicht gab. Wie Klingeltoncharts oder Anruferkennung. Aber viel schöner. Es steckt leicht und gutgelaunt einerseits das größte Versprechen der Menschheit darin und aber auch das Gegenteil: Hartes archaisches Holz, wie es schwer und fest vor unseren Köpfen und in unseren Dachstühlen lagert.

Die Welt ist voller Fortschrittsbalken. Es gibt sie in iPods, Autoarmaturen, in Küchengeräten, auf DVD-Playern, in Computern sowieso und auch in Fernsehern und auf elektrischen Zahnbürsten. In meinem Handy. Überall. Da stellt sich die Frage: Wenn es sie überall gibt, gibt es sie am Ende sogar in uns? Besitzen wir womöglich alle irgendwo einen kleinen Fortschrittsbalken? Kann es sein, dass an jedem Menschen eine gut verborgene Klappe existiert, hinter der man nachsehen kann, wie weit das Leben sich in uns vorangeknuspert hat?

Was wohl passiert, wenn wir eines Tages diese Öffnung unter der Achselhöhle entdecken? Dann sehen wir urplötzlich nicht nur, wie viel bereits vorbei ist, sondern auch, wie viel noch kommt und wie rasch der Fortschrittsbalken in uns knabbert.

Mit jedem Tag unseres Lebens ruckelt dieser Balken ein winziges Stück dem Ende entgegen. Wenn wir eine Zigarette anzünden oder Wodka Red Bull trinken, schiebt er ein winziges Ideechen schneller. Öffnen wir hingegen eine Flasche guten Weines, so hält der Balken kurz inne, denn gegen Genuss hat er rein nichts einzuwenden. Wenn wir uns verlieben, bleibt der Balken stehen, manchmal sogar eine ganze Weile. Und er zaudert auch, wenn der Sonnenuntergang schön ist, oder das Lied, das wir gerade hören. Immer, wenn wir etwas für uns tun, tut er auch etwas für uns: Er hält an. Wenigstens kurz. Wir Menschen sagen dann: Die Zeit bleibt stehen.

Wehe jedoch, wir bekommen einen Herzinfarkt oder stoßen auf der Landstraße mit einem Milchlaster zusammen. In diesen Momenten schnellt der Balken in einem einzigen Ruck nach rechts. Unser Leben zieht an uns vorbei. Hoppi-Galoppi. Bumm. Balken voll. Ende. Oder er springt zwar einen ordentlichen Schritt und bleibt stehen. Uff. Wir werden gerettet, Glück gehabt. In diesem Fall ist noch Platz im Balken, da kommt noch was.

Bei Säuglingen ist der Balken wunderbar anzuschauen. Nur ein winziges Eckchen ist auf der linken Seite zu sehen und noch fast unendlich viel Platz im Rest des Feldes. Jedenfalls bei einem gesunden Baby. Wenn etwas mit ihm nicht stimmt, öffnet man die Klappe unter dem Ärmchen und stellt fest, dass das Leben beinahe schon wieder vorbei ist. Das hat natürlich entsetzliche Folgen. Versicherungen treten von Verträgen zurück, Ärzte geben auf, Eltern verzweifeln. Nein, aus dieser Warte betrachtet, wäre so ein Fortschrittsbalken natürlich grässlich. Ich kann jedenfalls gut darauf verzichten und möchte auch bei mir selber lieber nicht nachsehen.

Und was ist mit der Erde? Der Fortschrittsbalken unseres wunderbaren kleinen Planeten befindet sich meiner Schätzung nach in der Nähe des Erdmittelpunktes, gut 5000 Kilometer von uns entfernt. Falls es Forschern gelingt, ihn zu finden, wird die Überraschung auf jeden Fall groß sein, denn entweder wir haben noch jede Menge Zeit, die Erde zu zerstören oder wir haben es beinahe schon geschafft. Im Moment wissen wir das noch nicht. Wahrscheinlich ist es aber möglich, bei Londoner Buchmachern darauf zu wetten.