Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 31.05.2007

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Natalya. So heißt unser neues Au-Pair-Mädchen. Sie kommt aus der Ukraine und hat fast völlig weiße Haut sowie ein Diplom in Physik. Das bedeutet, sie ist ganz entschieden klüger als wir, kann es aber zum Glück nicht so richtig zum Ausdruck bringen, jedenfalls nicht auf Deutsch. Wenn wir Ukrainer wären, wären wir ihr intellektuell ausgeliefert. Aber dann wäre sie ja nicht bei uns, sondern bei einer deutschen Familie.

Natalya ist nicht unser erstes Au Pair, aber das erste, das uns wirklich glücklich macht. Die Geschichte unserer vergeblichen Versuche, das perfekte Au- Pair-Mädchen zu finden, ist eine Aneinanderreihung von Niederlagen. Die erste wurde uns von einer jungen Frau aus Georgien zugefügt, von der es im Internet hieß, sie sei Deutschlehrerin und kenne sich mit Kindern und Haustieren aus. Nichts davon war wahr. Es handelte sich um ein zitterndes Nervenbündel, welches wegen eines Impfschadens auf dem linken Auge fast nichts sah. Irina kaschierte diese Behinderung, indem sie meistens den Kopf senkte und einen dichten Haarvorhang vor dem Gesicht trug. Sie sprach so gut wie kein Deutsch. Abends betete sie kleine Ikonen an, die sie auf dem Schreibtisch in ihrem Zimmer aufgestellt hatte. Nachdem sie drei Tage bei uns war, mussten Sara und ich übers Wochenende weg. Wir brachten die Kinder zu Freunden und trugen Irina auf, den Hund zu füttern und drei Mal am Tag mit ihm spazieren zu gehen. Sie saß auf der äußersten Kante des Küchenstuhls, nickte verzagt und sah nach unten. Genau so fanden wir sie drei Tage später bei unserer Heimkehr vor. Die ganze Bude stank wie ein Tierheim, denn der Hund hatte ungefähr zehn Haufen gemacht, war aber zum Pinkeln immerhin ins Badezimmer gegangen. Auf unsere Frage, warum sie nicht mit dem Hund draußen war, deutete sie zum Fenster und erläuterte, dass es die ganze Zeit geregnet und sie nicht gewusst habe, ob der Hund nass werden dürfte. Wir entzogen ihr das Vertrauen.

Versuch Nummer zwei hieß Laura, kam aus Riga, trug Turnschuhe mit zehn Zentimeter hoher Sohle, rauchte Kette, trank mein Bier und wollte Schauspielerin werden. Sie hatte ein offenes Wesen und keinerlei Bezug zu Kindern. Laura sprach nur Englisch, was innerhalb von zwei Wochen zur Folge hatte, dass auch Sara und ich nur noch Englisch sprachen. Sie schlief gerne lang. Dies machte es ihr unmöglich, die Sprachschule zu besuchen, die wir ihr bezahlten. Nach drei Monaten stellte ich ihr (auf englisch) ein Ultimatum: „Von hier fahren zwei Busse ab. Der eine fährt in die Schule, der andere nach Riga. Kapiert?“ Sie entschied sich für Riga.

Unser drittes Au Pair kam aus Kenia. Die Kinder liebten sie, besonders ihr schöne Haut. Sie hieß Faith und am Anfang gab sie sich große Mühe. Nach ein paar Monaten entdeckte sie allerdings das Münchner Nachtleben für sich und wurde unter der Woche immer schweigsamer. Sie redete praktisch kein Wort mehr mit uns und fieberte dem Wochenende entgegen. Wenn Sie am Montag nach Hause kam, roch sie wie eine englische Hafenkneipe. Irgendwann kam sie gar nicht mehr. Sie schickte eine E-Mail, in der stand: „Ich bin schwanger. Es tut mir leid. Vielen Dank. Faith.“ Wir haben sie nie wieder gesehen. Dafür rief ihr empörter und bibelfester Vater aus Nairobi bei mir an und fragte mich, was ich mit seiner Tochter angestellt hätte.

Und nun also Natalya. Sie stieg vor drei Monaten als Letzte aus einem Bus voller Au-Pair- Mädchen und hatte eine Frisur, die einem orangen Atompilz ähnelte. Sie trug einen Koffer sowie einen sehr alten Computer samt Monitor, für den es hier leider keine Steckdose gibt. Natalya ist: perfekt. Sie kann mit Kindern umgehen, kochen, bügeln und sie hat überhaupt keine Angst vor Hunden.

Sie sagt „Iich verstähe“ und versteht dann auch wirklich. Ihr Lieblingswort lautet „Scheißhaus.“ Darüber kann sie sich eine Viertelstunde lang beömmeln. Und sie ist tatsächlich unglaublich klug.

Neulich schrieb sie auf die kleine Tafel in unserer Küche, dass sie Frischhaltefolie haben wollte. Sie plante, sich damit zu umwickeln und dann Trampolin zu springen, um etwas für ihre Figur zu tun. Natalya schrieb aber nicht auf die Tafel: „Bitte Frischhaltefolie kaufen.“ Sie schrieb: „Kaufen bitte Du Polyethylen.“