Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.06.2007

8_Die europäische Hose

Neulich nachts bin ich auf ein Huhn getreten. Genauer gesagt, auf einen Hahn. Es hat höllisch wehgetan, aber nur mir, dem Hahn überhaupt nicht. Es war auch bloß ein ganz kleiner Hahn, er maß höchstens zwei Zentimeter bohrte sich jedoch wie ein Hornissenstachel in meine rechte Fußsohle. Ich fluchte, riss ihn heraus, verlor das Gleichgewicht und schlug der Länge nach hin. Dann trank ich ein Glas Wasser und legte mich schlechtgelaunt ins Bett.
Der Hahn wohnt eigentlich auf dem Playmobilschiff meines Sohnes. Dort kann man ihn an den Aussichtsmast klemmen oder an die Reling, wo so ein Hahn hingehört. Keinesfalls gehört er auf den Boden im Flur, erst Recht nicht an der Stelle, wo möglicherweise Väter nachts entlang marschieren.
Am nächsten Morgen schmerzte mein Fuß immer noch. Beim Frühstück stellte ich den Hahn auf den Tisch und sagte: „Heute Nacht bin ich in Nicks Playmobilhuhn getreten. Kannst Du mir mal sagen, was Dein Huhn nachts im Flur macht?“
Nick antwortete nicht. Er aß Knuspermüsli. Meine Frau fragte: „Viel mehr interessiert mich, was Du eigentlich nachts im Flur machst.“
„Ich musste was trinken. Und auf dem Weg zur Küche bin ich in sein Huhn gelatscht. Das tut vielleicht weh.“
Sara nahm das Ding in die Hand und sagte: „ Ich wette, Du hast wieder kein Licht gemacht.“
Da hatte sie Recht. Ich bin nachts schon über alles Mögliche gestolpert und gefallen, denn ich mache nie das Licht an. Im Dunklen ist es viel aufregender, durch die Wohnung zu gehen. Außerdem bilde ich mir ein, dass ich bei Licht richtig wach würde und das möchte ich nicht.
Vor kurzem war ich in Berlin und wohnte in einem Design-Hotel. Als ich nachts aufwachte, fiel mir der Weg zum Bad nicht gleich ein und ich entschied, das Licht gegen meine Gewohnheit doch anzumachen. Ich tapste an der Wand entlang und ertastete einen großen Wippschalter, den ich betätigte, worauf es dunkel blieb. Ich setzte meine Brille auf und forschte weiter. Es dauerte einige Zeit, bis ich den wahren Lichtschalter fand. Schließlich lief ich im Zimmer herum und kontrollierte alles, was ich nachts so kontrolliere und legte mich wieder ins Bett. Genau in dem Moment, als ich in einen sehr bemerkenswerten Traum glitt, pochte es an der Tür. Es pochte abermals. Ich entschied, dass das Pochen nichts mit meinem Traum (es ging um den Kauf einer Hose in Paris und der überraschten Feststellung, dass Klaus Wowereit in Paris als Hosenverkäufer arbeitet) zu tun hatte. Ich hörte auch leises Rufen: „Hallo? Hallo? Herr Weiler?“ Ich schreckte hoch und tastete über die Wand, um Licht zu machen. Ich hieb auf den großen Wippschalter, es blieb dunkel, ich rief “Moment“ und stolperte im Dunklen der Tür entgegen. Davor stand der Mann von der Rezeption.
„Was is’?“ fragte ich ihn.
„Ich wollte nur nachsehen, ob alles in Ordnung ist,“ sagte er.
„Das finde ich anständig von Ihnen, aber warum sollte etwas nicht in Ordnung sein?“
„Weil Sie den Notfallschalter gedrückt haben. Er befindet sich gleich neben dem Bett.“
Der Riesen-Wippschalter. Ich gab zu, den Alarm ausgelöst zu haben, entschuldigte mich und ging wieder ins Bett. Klaus Wowereit nahm eine teure Jeans vom Stapel und sagte: „Das ist DIE europäische Hose 2007.“ Dann klingelte das Telefon.
„Was is’n nu los?“ schnarrte ich in den Hörer.
„Alles in Ordnung?“, fragte der Typ von der Rezeption.
„Jaa!“
„Ich meine nur, weil Sie noch mal auf den Schalter gedrückt haben.“
„Ich habe gedrückt, als Sie geklopft haben und ich das Licht suchte.“
„Bitte nicht böse sein, aber ich bin verpflichtet, Sie anzurufen.“
„Ich finde, Sie übertreiben.“
„Auch Hypochonder können ernsthaft krank werden. Und dann sind sie froh, wenn sich jemand kümmert. Gute Nacht.“
Ich denke seitdem über diesen Satz nach. Meine Frau findet nämlich, dass so ein kleines Huhn unmöglich die von mir behaupteten Schmerzen verursachen kann. Kann es aber doch. Und es ist kein Huhn, sondern ein Hahn.