Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.04.2007

1_Mein Leben als Mensch

Ich möchte mich nicht beklagen, bestimmt nicht, aber ich habe in letzter Zeit ein kleines Autoritätsproblem. Niemand nimmt mich richtig ernst. Das ist schlecht, besonders wenn man Kinder erziehen möchte oder eine Störung in der DSL-Leitung zu melden hat oder auf andere kontroverser Art mit seiner Umwelt kommuniziert.
Vor einiger Zeit mietete ich einen Kleinwagen französischer Herkunft, welcher komplett aus geschäumtem Plastik zu bestehen schien. Und dieses Auto sprach zu mir. Es sagte: „Ölstand okay“ und „Handbremse lösen“ und „Navigation bereit,“ was mir nach wenigen Kilometern schwer auf den Geist ging. Auf französisch hätte ich das Geplapper vielleicht gemocht, denn wir Deutschen mögen es, wenn französische Frauen mit uns sprechen. Aber es war nun einmal eine deutsche Stimme und sie klang wie die Warteschleife im Einwohnermeldeamt. Also rief ich bei der Autovermietung an und sagte: „Das Auto, dass Sie mir gegeben haben, kann sprechen.“ Der Mann am anderen Ende gab sich mäßig beeindruckt und fragte zurück: „Kann es denn auch fahren?“
„Das schon,“ antwortete ich und wollte zu einem längeren Monolog ansetzen, aber er unterbrach mich: „Dann ist doch alles in Ordnung.“
„Es soll aufhören, mich voll zu texten,“ sagte ich und der Mann antwortete: „Da müssen Sie beim Hersteller anrufen. Wir können da nichts gegen machen.“ Und er fügte einen Satz hinzu, den man in branchenspezifischen Abwandlungen häufiger zu hören bekommt und der eines Tages dafür sorgen wird, dass ich mit einem Tartarenschwert eine blutige Schneise durch die Dienstleistungsgesellschaft schlage: „Ich habe auch noch nie davon gehört, dass ein Kunde etwas dagegen gehabt hätte.“ Solche frechen Antworten bekomme ich dauernd.
Am besten ist, man unterhält sich bloß noch mit Homöopathen und Marktforschern. Beiden Berufszweigen ist zu Eigen, dass sie ausführlich zuhören und sehr interessiert fragen.
Die Homöopathen machen, wenn sie einen neuen Patienten in ihrer Null-Energie-Praxis begrüßen, zunächst eine so genannte Anamnese. Das bedeutet: Man kommt mit Rückenschmerzen und sie fragen, ob man schon einmal Ohrensausen hatte. Und ob man in der Kindheit mal vom Baum gefallen ist. Darauf gerät der Patient ins Plaudern und nach einem halben Stündchen sind die Rückenschmerzen wie weggeblasen weil vergessen. Marktforscher arbeiten ganz ähnlich. Ich lasse mich gerne von ihnen auf der Straße anquatschen, denn man erhält in Gesprächen mit ihnen den machtrauschartige Eindruck, das Schicksal eines neuen, noch nicht auf dem Markt befindlichen Produkts bestimmen zu können. Ich bin ganz sicher, dass Ihnen die Zumutung eines seltsamen Warsteinerbiers in einer roten Blechflasche nur deswegen erspart geblieben ist, weil ich bei der Beurteilung der Maurerbrause nicht mit Verbalinjurien gespart habe. Außerdem bekommt man von der Marktforscherin nach dem Test eine Duftkerze geschenkt und überhaupt stellen die so sonderbar originelle Fragen.
Neulich musste ich einen Kaugummi probieren, der aussah wie ein Breitbandantibiotikum und schmeckte wie Brennspiritus. Danach wurde ich überraschenderweise gefragt, ob das Ding knackig genug war, denn beim Einwerfen in den Mund müsse es knacken. Ich antwortete mit dem gebotenen Ernst diese und 50 weitere Fragen, die nur scheinbar überhaupt keinen Zusammenhang besaßen. Wie bei der Anamnese. Seitdem bin ich davon überzeugt, dass alles im Leben eine tiefere Bedeutung besitzt.
Legen Sie das Lesezeichen in die Seite, die Sie zuletzt gelesen haben oder in die Seite, die darauf folgt? Ziehen Sie zuerst die Socken an oder erst die Hose? Tragen Sie beim Rasieren Ihre Brille oder nicht? Wenn Sie die letzte Frage mit „nein“ beantwortet haben, lassen sich gleich drei interessante Vermutungen daraus schließen. Erstens: Sie sind eine Frau. Oder – zweitens – Sie tragen einen Vollbart. Oder drittens: Sie sind kein Brillenträger. Alles zusammen wäre ziemlich unwahrscheinlich. Aber irgendetwas sagen diese Dinge über Sie aus. Nehmen Sie dies ernst. Bitte. Bitte!