Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.01.2008

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Gerade las ich einen die Atome meines Gemüts heftig in Schwingung versetzenden Satz von dem amerikanischen Autor Sandor Ellix Katz. Er lautet: „Es ist an der Zeit, dass wir unseren Krieg gegen die Mikroorganismen beenden und zurückfinden zu einem partnerschaftlichen Miteinander mit Bakterien, Hefen und Pilzkulturen.“ Sowas. Ein partnerschaftliches Miteinander. Ich wusste nicht, dass ich mich mit Mikroorganismen im Krieg befinde. Was wohl damit gemeint ist? Wohl, dass ich täglich Körperpflege betreibe und auf diese radikale Weise der einen oder anderen Mikrobe auf den Pelz rücke. Dass ich Bakterien nach Möglichkeit aus dem Wege gehe und Pilzen keine Weihnachtskarten schreibe. Und das soll ich nun ändern. Gerne, habe nichts dagegen.
Nur: Wie könnte ein partnerschaftliches Miteinander wohl aussehen? Soll ich mit einer Hefe auf ein Gläschen Wein gehen? Einen Pilz ins Kino einladen? Eigentlich ist diese Mühe gar nicht nötig, denn streng genommen habe ich Bakterien, Hefen und Pilzkulturen in Weinlokalen, Kinos und auch sonst ständig bei mir. Ich betrachte unser Miteinander aber beim besten Willen nicht als partnerschaftlich, sondern empfinde es als sehr einseitig den Bakterien, Hefen und Pilzen zuträglich. Will ich sie zukünftig als Freunde ansehen, muss ich stark umdenken.
Bisher haben es gerade und ganz besonders Pilzkulturen schwer bei mir, denn denke ich an Pilzkulturen, so fällt mir bestenfalls verschimmeltes Brot ein. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Was macht eigentlich Candida? Die Kollegen von der letzten Seite dieser Zeitschrift sollten dem dringend nachgehen. Der in der Darmflora des Menschen beheimatete Hefepilz Candida albicans war einmal kurzzeitig ausgesprochen prominent in Deutschland, ungefähr so wie David Hasselhoff und tatsächlich auch zur selben Zeit wie er, nämlich Anfang bis Mitte der neunziger Jahre. Während aber Hasselhoff sang und tanzte und einem mächtig auf den Magen schlug, tummelte sich Candida weiter unten im Verdauungstrakt und machte dort Karriere als Universalbösewicht. Obwohl Candida albicans in jedem von uns wohnt und in der Regel nichts Schlimmes anstellt, galt der Hefepilz damals als verantwortlich für eine gewisse Abgeschlagenheit, ja Müdigkeit, sowie für faulige Winde. Einmal auf das vermeintlich krankhafte gemeinsame Auftreten von Schläfrigkeit und Flatulenzen aufmerksam geworden, glaubten sich hunderttausende Deutsche am Hefepilz erkrankt.
Millionen von Wirtsorganismen saßen damals mittags in deutschen Kantinen zusammen und raunten einander von ihrem Candida-Pilz zu und dem grauenhaften Werk, welches jener an Dickdarm und Seele verrichte. Auf ärztlichen Rat ernährten sich die an Candida Erkrankten monatelang von gedünstetem Gemüse mit geriebenem Meerettich, welcher dem Candida angeblich nicht bekam. Alkohol, süßes Obst und anderes Zuckerzeug wurde gemieden, denn Zucker begünstigte die Vermehrung des gemeinen Pilzes. Nach einem guten halben Jahr ging es den Patienten schon viel besser, was sie damit erklärten, dass sie den Pilz niedergerungen hatten. Eine andere Deutungsweise, etwa die, dass der Verzicht auf Alkohol und Zucker und der Genuss von viel Gemüse Pilz hin oder her zum Wohlbefinden beitragen, wurde damals nicht ernst genommen. Jedenfalls verschwand Candida als Modekrankheit wieder von der Bildfläche und fristet heute ein eher kümmerliches Dasein als Forenthema im Darmtrakt des Internets. Der Pilz weist auch hierbei unleugbare Ähnlichkeit zu David Hasselhoff auf.
Nun werde ich aber ein Freund der Pilze und suche nach neuen fröhlichen Assoziationen zu dem Thema. Sieht beispielsweise unsere Kanzlerin nicht ganz entfernt wie ein Waldpilz aus? Wenn sie in ihren untenherum leicht abstehenden Jäckchen auf Rollfeldern oder Treppenabsätzen steht und Besucher begrüßt, könnte einem dieser Gedanke kommen. Ein bisschen erinnert sie dann an einen Champignon. Oder an einen sparrigen Schüppling. Oder an einen Butterpilz. Das ist vielleicht kein erhabener Gedanke. Aber ein angenehmer. Angenehmer jedenfalls als Candida albicans.