Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.01.2008

40_Unscharfe Schuhe

Leider gibt es überhaupt keine schönen Schuhe mehr. Jedenfalls für mich. Ich möchte bitte ganz normale Schuhe. Keine Schmucknähte, keine Aufnäher, Rückstrahler, Applikationen jeglicher Art, Knöpfe, Klettverschlüsse, Löcher, Sohlen mit Motivabdruck, keine riesigen Logos, keine farbigen Schnürsenkel. Ich möchte, dass meine Schuhe vorne nicht aussehen, als ob ein Reisebus darüber gefahren wäre. Ich wünsche mir einfache braune oder schwarze Schuhe, keine gelben, keine roten oder weiße. Ich will auf gar keinen Fall witzige oder pfiffige Schuhe, denn ich finde das Tragen von Schuhen nicht lustig, sondern nötig. Irgendwann hört der Spaß einfach auf.
Die Suche nach normalen Schuhen führt zu bisweilen sehr eigenartigen Gesprächen. Zum Beispiel bei Puma. Ich trage nie Schuhe von Puma, aber in meiner Verzweiflung dachte ich, das sei womöglich der Grund dafür, dass ich keine vernünftigen finde. Bei Puma im Schaufenster stand ein Modell des französischen Stardesigners Philippe Starck, der auch Häuser, Zahnbürsten und Zitronenpressen entwirft. Nichts ist vor ihm sicher. Seine Schuhe sahen blöd aus, aber schlicht. Also ging ich ins Geschäft und sagte: „Die da, bitte in Größe 42.“ Und die Verkäuferin antwortete: „Ist das Ihr Ernst?“
„Was spricht denn dagegen?“
„Man kann diese Schuhe nicht tragen.“
„Sie verkaufen Schuhe, die man nicht tragen kann?“
„Diese hier haben wir jedenfalls noch nie verkauft. Niemand, der sie anprobiert hat, wollte sie kaufen.“
Ich erinnerte mich an ein Foto des sagenhaft smarten Chefs von Puma, welches ihn in seinem Ferienhaus in Afrika zeigte. Der Mann gilt als phänomenal geschäftstüchtig und hat den Kurs der Pumaaktie in eisige Höhen getrieben.
„Aber Ihr Unternehmen ist doch sonst so erfolgreich!?“
„Nicht mit diesem Schuh.“
„Was macht man denn damit, wenn man ihn nicht tragen kann?“
„Man stellt ihn ins Regal und schaut ihn an.“
„Ich hätte lieber einen Schuh, den ich anschauen und anziehen kann.“
Sie zeigte mir Modelle in grün und violett, mit Cell-Dämpfungssystem oder Satin-Obermaterial. Einige davon sahen aus, als habe der Pumachef sie persönlich nach dem Genuss eines halben Liters Absinth entworfen. Genial. Lauter Schuhe, die man nicht anziehen kann. Wer kauft die? Menschen ohne Füße mit leeren Regalen?
Ich habe keinen Schuh gefunden, der mir gefiel und trage weiterhin abwechselnd die drei Paare, denen ich vor Jahren meine Liebe geschenkt habe. Sie werden ab und zu besohlt und natürlich mit der Zeit nicht hübscher, aber das sehe ich nicht, weil ich kurzsichtig bin und zuhause gerne ohne Brille rumlaufe, was meinen Alltag um spannungsreiche Momente bereichert.
Wer seine Brille nicht aufsetzt, muss sich eben mehr anstrengen. Das ist sehr motivierend, zum Beispiel beim Kochen. Man lernt die Kunst, Gemüse zu schneiden ohne sich zu verletzen besser, wenn man das Gemüse nicht so genau erkennt. Und vor den Augen beschlägt nichts, beim Nudelwasser abgießen. Manchmal tapere ich wie ein Zombie durchs Haus und suche einen Kugelschreiber oder das Telefon. Meine Kinder amüsieren sich sehr darüber, besonders wenn ich mit dem kleinen Zeh gegen einen unsichtbare Kante laufe.
Von Zeit zu Zeit bringt man sich ohne Brille natürlich in Gefahr. Man sollte nicht auf dem Dach herumturnen, wenn man nicht genau sieht, wo das Dach zu Ende ist. Das versteht sich ja von selbst. Und man sollte am Sonntagmorgen nicht ohne Sehhilfe ins Badezimmer gehen, wenn man Gefahr läuft, dem Au Pair-Mädchen zu begegnen. Dies geschah gestern. Ich bekam beinahe einen Herzinfarkt, als Natalya mir über den Weg lief. Ich hielt, was ich von ihr wahrnahm, für horrormäßig welkes Bindegewebe. Dabei trug sie bloß ihren hautfarbenen Frotteebademantel. Ich bereitete mir sofort einen doppelten Espresso zu. Mit Brille, sicherheitshalber