Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 31.01.2008

42_Unter Rechenzwang

Ständig muss ich rechnen. Ich stehe unter einem neurotischen Rechenzwang, vielleicht hat es mit dem Älterwerden zu tun. Gerade stellte ich fest, dass sich die meisten meiner früheren Lehrer immer noch im Schuldienst befinden. Dabei waren sie vor 25 Jahren bereits steinalt, so kam es mir wenigstens vor. In Wahrheit waren die viel jünger als ich jetzt. Vor zwanzig Jahren regierte Michail Gorbatschow die Sowjetunion und der Zusammenbruch des Ostblocks stand bevor. Heute macht er Werbung für Luxuskoffer. Die Zeitspanne dazwischen kommt einem kurz vor. Fanden die Menschen im Mittelalter zwanzig Jahre auch so kurz? Wahrscheinlich nicht, denn mit zwanzig war deren Leben bereits zur Hälfte absolviert.
Ich rechne weiter, denn immer muss gerechnet werden. Sehr schön zu rechnen ist Walter Scheel. Der war von 1974 bis 1979 Bundespräsident, lebt noch und müsste meinem Lebensgefühl zufolge 120 Jahre alt sein. Ist er aber nicht. Er wird in diesem Jahr 89. Das bedeutet, dass Walter Scheel, als er Bundespräsident wurde, ein blutjunger Mittfünfziger war. 55 werde ich in lächerlichen 15 Jahren, das ist gar nicht so weit weg. Walter Scheel ist übrigens der einzige Bundespräsident, der auch mal als Bundeskanzler gearbeitet hat, nämlich für zehn Tage nach dem Rücktritt Willy Brandts. Wer das bei „Wer wird Millionär“ ohne Inanspruchnahme eines Jokers weiß und sich nicht vom tentakelesken Grinsen des Moderators verunsichern lässt, bekommt 16 000 Euro. Das waren früher 32 000 Mark und wenn man noch 300 Euro drauflegt, erhält man dafür einen VW Golf ohne jede Sonderausstattung. 16 000 Euro sind also nicht besonders viel heutzutage, jedenfalls waren 32000 Mark viel mehr. Meistens wollen Kandidaten, die 16 000 Euro gewinnen, eine Reise machen und die Küche renovieren. Wenn sie Pech haben, bekommen sie vorher Besuch von einer dicken Frau mit einem Fernsehteam, welches ungefragt winzige Regale für bunte Teelichtgläser aufhängt, angepornte Sofas ins Wohnzimmer stellt und die Wände in beunruhigenden Farben streicht. Die Opfer dieser Gestalttherapie müssen anschließend 17 000 Euro dafür bezahlen, dass ihre Küche wieder so aussieht wie vorher.
Besonders gerne und viel wird am Körper herumgerechnet. Ich habe beispielsweise einen traumhaften BMI. BMI ist die Abkürzung von Body Mass Index und der sollte zwischen 19 und 24 betragen, sonst ist man zu fett und Teil einer sozialen Randgruppe, welcher nach neuesten Erkenntnissen die Mehrheit der Deutschen angehört. Man errechnet den BMI folgendermaßen: Gewicht in Kilo geteilt durch Größe in Metern hoch zwei. Bei mir kommt ein dramatisches Untergewicht dabei heraus, welches man mir aber zum Glück nicht ansieht. Ich habe einen Hungerhaken-BMI von nur 17,7, der sich wie folgt errechnet: 94 (Kilo) geteilt durch 2,3 (Meter) mal 2,3 (Meter), also 94 geteilt durch 5,29 = 17,7! Und das, obwohl ich wirklich gerne esse. Man könnte behaupten, ich litt unter einer Ess-Brech-Sucht, wenn auch ohne das lästige Brechen zwischendurch.
Nicht nur beim Essen, auch beim Trinken muss gerechnet werden. Zum Beispiel diese Textaufgabe: Ein Redakteur vom stern (BMI 21), einer vom Spiegel (BMI 29) und einer von der Zeit (BMI 31) gehen in eine Wirtschaft, jeder von ihnen hat fünf Euro dabei. Der Kellner zeigt ihnen auf der Getränkekarte das Tagesangebot: ein Liter Wein für 15 Euro.
Die Redakteure werfen das Geld zusammen und kaufen den Wein.
Der Wirt, ein früherer Tempo-Redakteur (BMI 27), erkennt in den drei Männern seine früheren Kollegen und bittet den Kellner, ihnen den Wein für zehn Euro zu verkaufen.
Fünf Euro durch Drei zu teilen ist dem aber zu kompliziert. Er denkt sich: „Ich behalte zwei Euro und gebe jedem der Drei einen Euro zurück.“
So macht er das auch. Jetzt kommt die Aufgabe: Jeder der drei Gäste hat vier Euro gezahlt, indem er fünf Euro gegeben und einen Euro zurückbekommen hat. Das ergibt bei drei Redakteuren 12 Euro. Der Ober hat zwei Euro eingesteckt. 12 Euro plus zwei Euro sind 14 Euro. Wo ist der letzte Euro? Wenn sie ihn finden, schicken Sie ihn an Nokia. Die können jeden Cent gebrauchen.