Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.02.2008

43_Der feine Herr Löw

Die Sache ist schmerzlich klar und diese Zeilen tun weh, aber: Joachim Löw wird mich nicht mehr für die Europameisterschaft berücksichtigen. Ich hatte schon die ganze Zeit das Gefühl, dass es nichts mehr wird, aber ein kleines Fünkchen Hoffnung glimmte noch in mir. Inzwischen bin ich mir aber doch sicher, denn sonst hätte er zumindest mal angerufen, ein frohes neues Jahr gewünscht, sich nach meinen Aduktoren und Kindern erkundigt, was man eben so macht, wenn man den Kontakt nicht abreißen lassen will. Bin schon enttäuscht, das muss ich sagen.
Und da er nicht mit mir reden will, weiß ich auch nicht, woran es gelegen hat. Kann sein, dass ich zu alt bin, gut. Aber darüber kann ja wenigstens mal sprechen. Dann könnten wir auch meine mangelnde Fitness thematisieren. Und da kann ich nur sagen: Kein Wunder, dass ich nicht fit bin, schließlich fehlt mir die Motivation. Warum soll ich mich denn anstrengen, wenn der Bundestrainer nicht anruft und meinen Namen in Interviews niemals erwähnt. Nicht einmal zum so genannten erweiterten Kreis der Nationalmannschaft zähle ich. Meine Laktatwerte lassen sowieso zu wünschen übrig. Gut.
Ich wäre natürlich eine Stütze der Mannschaft gewesen. Normalerweise wird ja immer so ein Oldie mitgenommen zu großen Turnieren, so ein weiser alter Mann, der die jungen Spieler aufbaut und ihnen zuhört, wenn sie Heimweh haben und manchmal schwere Sachen über den Trainingsplatz schleppt und Anderen Kartenspiele beibringt. Bei der letzten WM hatte Olli Kahn diesen Job. Und das hätte ich doch wenigstens machen können. Ein bisschen dem Poldi Tischmanieren beibringen und breitbeinig auf dem Platz stehen und eine Mauer bilden. Zur Belohnung hätte Löw mich im letzten Spiel in der 88. Minute eingewechselt. Die zwei Minuten hätte ich mir zugetraut, diese zwei Minuten hätte mir der feine Herr Löw ruhig gönnen können. Ich hätte danach meine Karriere beendet und nur lobende Worte für ihn gefunden. Aber so? Nee, Herr Löw.
Herr Brand ist genau so, bei der Handball-EM durfte ich auch nicht mitmachen, beim Biathlon nicht, nirgendwo. Beinahe steht zu befürchten, dass ich in meinem ganzen Leben an keiner einzigen WM mehr werde teilnehmen dürfen. Ich stehe noch für ein halbes Jahrhundert zur Verfügung, aber kein Bundestrainer wird mich jemals für irgendwas aufstellen. Das könnte einen schon deprimieren, aber andererseits hängt das ja lediglich damit zusammen, dass ich in den jeweiligen Sportarten keine Lobby besitze, kein Vitamin B. Und das kann man leicht ändern. Ich muss bloß selbst einen Sportverband gründen, schon stehen meine Chancen ausgezeichnet. Zum Beispiel im Nacktsnooker. Das gibt es noch nicht. Ich bin Präsident des Verbandes, dazu Bundestrainer und einziger Aktiver in dieser neuen Sportart. Ich trete gegen mich selber an, gewinne und hopp, bin ich Weltmeister. Dasselbe könnte mir in den folgenden mehr oder weniger sportlichen Disziplinen gelingen: Krapfenangeln, Löffelwurf, Luft rauslassen, mit den Armen rudern und moderner Vierkampf (schlafen, essen, Preise vergleichen, Altpapier sammeln). Der einzige Nachteil an diesem Plan dürfte sein, dass die Fernsehrechte wahrscheinlich von niemandem wahrgenommen werden, noch nicht einmal vom DSF. Daher fallen auch die Sponsoren– und die Preisgelder ziemlich mau aus. Aber das ist ja fast überall so.
Apropos Preis: Ich hätte gerne einen, möglichst hoch dotiert. Ich träume davon, dass ein Schreiben mit folgendem Wortlaut in meinem Briefkasten liegt: „Sehr geehrter Herr Weiler, wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass das Konsortium des Weltpreises Ihnen in diesem Jahr den mit 10 Millionen Euro dotierten Weltpreis für leistungsloses Aufwachen überreichen möchte. Die Übergabe findet nächste Woche im kleinen Kreis an einem S-Bahnhof Ihrer Wahl statt. Festliche Kleidung ist nicht nötig, aber bringen Sie bitte eine Plastiktüte für das Geld mit. Mit freundlichen Grüßen und so weiter.“
Auch dazu wird es nie kommen. Andererseits ist die Welt voller Wunder. Ich gehe mal an den Briefkasten. Sollte ich gewonnen haben, kündige ich hiermit. Falls nicht, bis nächste Woche.