Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.02.2008

44_Holger

Natürlich konnte ich mich noch aus meiner eigenen Kinderzeit an sie erinnern, an die Urzeitkrebse. Es gab sie in Tütchen und deren Aufdruck versprach eine wunderliche Unterwasserwelt, in der sich nixenähnliche Wesen beim Bockspringen und Tanzen amüsierten. Sie hießen Sea Monkeys, eine Packung kostete fünf Mark und wenn man lang genug wartete, schlüpften winzige Wesen, die ganz und gar nicht aussahen wie die maritimen Menschlein auf der Tüte, tatenlos vor sich hin trieben und nach einiger Zeit verendeten. Ich wusste also, was mich erwartete, als Nick im Museumsshop eine große Schachtel entdeckte, auf der ein Aquarium mit Zubehör sowie die darin wohnenden Urzeitkrebse des Typs Triops dargestellt waren.
„Was ist das?“
„Das sind Urzeitkrebse.“
„Was sind Urzeitkrebse?“
„Das sind stinklangweilige Wassertiere, die meistens nicht schlüpfen. Und wenn sie doch schlüpfen, leben sie ein Leben in ständiger Furcht vor dem Vergessen.“ Eigentlich auch nicht viel anders als ein Mensch, dachte ich. Obwohl ich meine Beschreibung ziemlich treffend und abschreckend fand, klammerte Nick sich an mein Bein und wimmerte: „Kaufst Du die Urzeitkrebse? Bitte, bitte, kauf mir die Urzeitkrebse. Bitte! Bitte!“
Auf der Heimfahrt saß Nick in seinem Kindersitz und hielt Vorträge über die Kunststücke, die er seinen Krebsen beizubringen gedachte. Ich wand ein, dass Urzeitkrebse keine Kunststücke vollführen, abgesehen vom Überleben in einem Kinderzimmer, in dem scharf geschossen und mit Kissen herumgeworfen wird. Aber das war Nick egal.
„Wie sollen sie denn heißen, deine Urzeitkrebse?“
„Urzeitkrebsi,“ sagte er.
„Die heißen alle Urzeitkrebsi?“
„Nein, einer heißt Holger,“ sagte Nick.
„Warum denn ausgerechnet Holger?“
„Den Namen habe ich gerade erfunden. Gut, was? Holger! Holgi.“
Den Rest der Fahrt verbrachte ich mit einer Diskussion darüber, dass Holger ein recht gängiger Jungenname ist, was Nick sich überhaupt nicht vorstellen konnte. Für ihn ist es ein Urzeitkrebsname.
Zuhause spülten wir das Aquarium aus, ließen destilliertes Wasser hinein und einen Nährstoffbeutel. Dann stellten wir es unter eine Lampe, um das Wasser auf die richtige Temperatur zu bringen. Am folgenden Tag schüttete Nick die Eier ins Aquarium und wir warteten 24 Stunden. Wir warteten einen weiteren Tag. Kein Holger, kein Krebsi, große Enttäuschung.
Am dritten Tag, Nick war im Kindergarten, wollte ich Wasser nachfüllen, um die Verdunstung auszugleichen. Ich stellte mich ungeschickt an, die Plastikbox glitt aus meinen Händen, fiel ins Waschbecken, der Deckel öffnete sich und der nicht geschlüpfte Holgi und seine Kollegen verschwanden auf Nimmerwiedersehen im Ausguss. Ein Debakel, das mit Ehrlichkeit nicht aus der Welt zu schaffen war. Ich musste es vertuschen und so schnell wie möglich Ersatz im Internet beschaffen. Auf einen oder zwei Tage würde es nicht ankommen. Ich befüllte das Aquarium mit Leitungswasser und stellte es abermals unter die Lampe. Dann bestellte ich neue Urzeitkrebse und schämte mich.
Nick kam nach Hause und raste zum Aquarium. Ich hörte einen Schrei, dann stand Nick schwer atmend in der Küche. „Holgi ist geschlüpft.“ „Kann gar nicht sein,“ entgegnete ich. Wir gingen in sein Zimmer und betrachteten das kalkige Wasser, in dem kleine Teilchen umherschwirrten. Eines davon, ein milchiges Wesen von einem knappen Millimeter Länge bewegte sich. Nick starb beinahe vor Aufregung. Und auch ich bin sehr beunruhigt. Holger wächst sehr schnell, er misst inzwischen eineinhalb Zentimeter und ich habe keinen Schimmer, was wir da täglich füttern. Manchmal starrt er mich durchs Fenster an. Ich glaube dann, Holger lächelt.