Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.02.2008

46_Nervensägen

Als ausgeglichenem und tolerantem Erdbewohner steht es mir ganz besonders zu, in angemessenen Abständen andere Menschen für ihre Impertinenz zu geißeln. Man muss das von Zeit zu Zeit machen, um seine Seele zu reinigen. Es muss einfach mal raus. Also: Zu den grässlichsten Nervensägen der Welt gehören jene Zeitgenossen, die Filme stets beim englischsprachigen Originaltitel nennen. Bei denen heißt „Und täglich grüßt das Murmeltier“ nur „Groundhog Day,“ was zweifellos schöner klingt. Und der deutsche Verleihtitel soll seinem Erfinder gerne einen eitrigen Ausschlag bescheren, aber dennoch würde ich eher mit George W. Bush auf die Weltherrschaft anstoßen als folgenden Satz äußern: „Groundhog Day sollte man ja auch nur im Original ansehen.“ Dieser Satz beinhaltet neben dem Originaltitelsagen gleich noch einen Anschlag auf das feinsinnige Gemüt, und zwar den so genannten Filmkritiker-Slang. Alles muss man sich „im Original“ ansehen, und dies natürlich nur „auf der großen Leinwand.“
Ähnlich unerträglich: Die zwanghaften Namen-Richtigaussprecher , welche „Pete Doherty“ oder „Ralph Lauren“ sagen, als hätten sie sich als Kinder den Brei mit ihnen geteilt. Diese Spezies spricht auch nicht von Alabama, sondern Ällebemmer. Und sie nimmt nicht das Flugzeug, sondern den Flieger. Manchmal muss man sich auf dem Weg zum Flieger im Zug ihre Gespräche anhören und wird Ohrenzeuge von Peinlichkeiten wie dieser: „Ich muss nächste Woche nach Ällebemmer zu einem Meeting mit Pete Doherty und Ralph Lauren, wo wir den Slot für das Projekt greenlighten wollen.“ Das wichtigste an diesem Satz ist übrigens die Lautstärke, mit der er durch den Zug geweht wird.
Ebenfalls unaushaltbar: Menschen, die sich mehrmals stündlich in Ein-Mann-Verbraucherschutzorganisationen verwandeln und wegen jeder Anschaffung sofort in den Redaktionen von „Report“ oder „Panorama“ anrufen wollen, um auf die verbrecherischen Umtriebe irgendwelcher Tankstellenketten oder Bäckereien hinzuweisen. Diese Leute treten oft auch in der Unterspezies „Gastro-Checker“ auf und sagen im ICE-Bordrestaurant Sätze wie: „Ein Wein für unter 12 Euro kann ja gar nicht gut sein.“ Jaaa! Himmelherrgott. Du musst ihn ja nicht trinken. Wenn er Dir zu billig ist, kannst Du Dir die Haare damit waschen!
Am schlimmsten ist das Leben folgerichtig, wenn man im ICE zwischen einem Gastro-Checker, einem Filmkritiker und einem Namen-Richtig-Aussprecher sitzen muss.
„Dann nehme ich eben Ihr Hirschragout Bourignon,“ sagt der Gastro-Checker zum Kellner.
„Das heißt Hirschragout Bourguignon,“ sagt der Namen-Richtigaussprecher.
„Ich liebe Filme, die im Zug spielen. Schon alleine die erotische Komponente des Schlussbildes von Hitchcocks „North by Northwest,“ wo der Zug in den Tunnel fährt und so als Symbol des Geschlechtsaktes von Cary Grant und Eva Marie Saint dient. Für mich ein Bier bitte,“ sagt der Filmkritiker.
Und wenn es ein großer historischer Pechtag ist, steigt auch noch der Fußball-Kommentator Steffen Simon ein, die größte öffentlich-rechtliche Heißluftmaschine aller Zeiten. Ich glaube, er leidet an krankhaftem Malapropismus. Das ist, wenn Leute Begriffe falsch verwenden. Wenn er ein Spiel kommentiert, dann „zieht sich das Spinnennetz der Abwehr zu“ und die „Mannschaft ist mit dem Klinsmann-Gen infiziert.“ Zwischen Frankfurt und Köln setzt sich also Steffen Simon ins Bordrestaurant.
Der Filmkritiker sagt zur Begrüßung: „Mir fällt nur ein Film ein, in dem Züge und Fußballkommentatoren vorkommen, nämlich „Das Wunder von Bern.“
Der Namen-Richtigaussprecher sagt: „Ferenc Puskás galt ja 1954 als bester Spieler der Welt.“
Der Gastro-Checker sagt: „In so einem Bordrestaurant arbeiten ja gar keine richtigen Köche, das sind ja alle nur Schaffner. Die reißen den Beutel auf, dann geht es in die Mikrowelle und fertig. Das wäre mal was für „Panorama.“
Und Steffen Simon sagt: „Sehen Sie mal, mit dieser schönen Motivkrawatte habe ich im Sender schon für viel Folklore gesorgt.“
Man sieht sich die Krawatte an und denkt sich: Ob es wohl Furore macht, wenn ich jetzt anfange zu Weinen? Wahrscheinlich nicht. Weinen ist zu leise.