Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.03.2008

47_Geräusche

Wir suchten ein Geräusch. Es war eine Hausaufgabe. Die Kinder sollten mit einem Mikrofon zuhause etwas aufnehmen und es anderntags der Klasse vorspielen. Carla fragte mich, welches Geräusch wir zuhause hätten. Ich schlug die Klospülung vor, aber sie verdrehte die Augen. Das sei ja wohl supereinfallslos und jeder würde die Klospülung aufnehmen. Vermutlich kämen morgen 20 Klospülungen zum Vortrag. Ich sagte, das sei doch eine sehr schöne Wette für diese Fernsehsendung, wo abwechselnd alte Prominente und aufgeregte Schweizer auftreten, die Nachbarn am Geschmack ihrer Türklinken erkennen. „Ihr könnt doch als Klasse teilnehmen und erraten, wem welches Klo gehört und dann bekommt jeder von Euch ein T-Shirt, auf dem Wetten, dass…? steht. Und alle Erwachsenen sind begeistert und klatschen.“
Carla beschenkte mich mit dem mitleidigsten Blick, zu dem Neunjährige heute fähig sind. Sie ist für die deutsche Fernsehunterhaltung verloren, sieht kaum fern und wenn, dann nicht bei öffentlich-rechtlichen Sendern, deren Publikum immer älter wird. Immerhin hat der Bayerische Rundfunk soeben mitgeteilt, dass bei ihm der Trend zur Vergreisung des Zuschauers gestoppt sei. Im Rahmen einer Programmreform sei es dem Bayerischen Fernsehen innerhalb von nur sechs Monaten gelungen, den Altersschnitt seines Publikums von 62,2 Jahren auf juvenile 61,5 Jahre zu senken. Wenn das so weiter geht, ist der BR bereits in einem Vierteljahrhundert eine echte Alternative für Menschen wie Carla. Die zieht jedenfalls wie ihre Mitschüler das Internet dem Fernsehen vor und betätigt sich mit Hingabe bei einem Freundschaftsportal, in welchem sie eine erstaunlich große Anzahl Gleichgesinnte gefunden hat, die ihre Vorliebe für Hildegunst von Mythenmetz, karierte Röcke und Lakritz teilen. Dämon Internet.
Ich schlug alternativ vor, den Toaster aufzunehmen, aber Toaster sind öde. Zwischen dem hinunterfahren eines Toasts („Klick“) und dessen gerösteter Auferstehung („Klack“) passiert akustisch wenig. Man muss schon sehr genau hinhören und dafür fehlt jungen Menschen die Geduld. Ebenfalls sehr langweilig: Kühlschranktür, Stecker aus der Steckdose ziehen, sich in den Hundekorb legen, Treppe rauf und wieder runter laufen. Wir zeichneten das Klingeln des Telefons, den Staubsauger und das Anzünden einer Kerze auf, aber es klang nur nach Telefonklingeln, staubsaugen und Feuerzeug anmachen. Schließlich hatte Carla eine Idee: „Wir nehmen den Regen auf.“ Das gefiel mir gut, aber es regnete nicht, ein Umstand, der meine Tochter kalt ließ: „Umso besser, dann hat niemand dasselbe Geräusch wie ich.“ Wir legten ein Brett in die Dusche und drehten das Wasser auf. Aber es klang nicht nach Regen, es rauschte bloß. Nach dem achten Versuch gaben wir auf. Dann eben kein Regen. Carla war frustriert und ich überrascht. Es gelang uns überhaupt nicht, ein schönes und originelles Geräusch zu finden.
Also warfen wir fürs erste das Handtuch. Keine Lust mehr. Ich nahm noch ein sehr leises Geräusch auf, nämlich die Herstellung eines Nutellabrotes, dann brachte ich sie ins Bett. Wir vertagten uns auf den nächsten Morgen. Irgendetwas Tolles würde uns bestimmt noch einfallen.
Anderntags suchte ich das Diktiergerät. Ich fand es im Bett von Carlas kleinem Bruder Nick. Ich spulte zurück und drückte auf Play. Erst war nicht viel zu verstehen. Jemand keuchte ins Mikrofon. Es raschelte und knackste, dann eine Stimme. Sie gehörte Nick und sagte: „Achtung, Achtung, hier ist der Furzgeneral. Ich werde jetzt pupsen. Es wird stinken. Jetzt kommt der Gestank, Du kannst ihn hören.“ Und dann folgte ein gewaltiges und das kleine Gerät mächtig übersteuerndes Furzgeräusch. Kurze Pause, dann wieder die Stimme: „Das war: der Furzgeneral.“ Danach hörte man ihn noch lachen bis er die Aufnahme mit einem lauten Knacks beendete.
Was soll ich sagen? Carla hat für die Aufführung des Geräusches „mein bescheuerter fünfjähriger Bruder“ eine eins bekommen.