Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.03.2008

49_Winnetou

Es hat viele Jahre gedauert, bis ich den Unterschied zwischen Winnetou und Winni Puh verinnerlicht habe. Als Kind nannte ich Pierre Brice immer Winnie Puuh und freute mich, wenn dieser am Dienstagabend um 19.30 Uhr nebst Silberbüchse auf sein Pferd stieg und gemeinsam mit Old Shatterhand für Ruhe im kroatischen Reservat sorgte. Old Shatterhands Pferd hieß bei mir Hitler, denn ich konnte mir dessen richtigen Namen Hatatitla nicht merken und wusste ohnehin nicht so genau, wer Hitler war.
Inzwischen hat sich die Verwirrung weitgehend gelegt. Das Leben wird beherrschbarer, aber auch langweiliger, je mehr wir wissen. Ich habe gelesen, dass sich das Weltwissen alle fünf Jahre verdoppelt. Das mag sein, aber die Hysterie dieser Meldung streift mich nur sanft. Mein Wissen verdoppelt sich nämlich nur sehr zaghaft und meist nur in Bezug auf Themen, denen ich mich zum Zwecke der Recherche für diese Kolumne nähere. Frische Winnetou-Kenntnisse galoppieren gerade durch die öde Prärie meines Hirns: Ich weiß jetzt, wer Iltschi ist, nämlich das Pferd von Winnetou. Und: Iltschi ist der Bruder von Hatatitla.
Von Hitlers Halbbruder Alois weiß man nicht viel mehr als von Hatatitlas Bruder Iltschi, und was bekannt ist, wird sich wahrscheinlich nicht mehr verdoppeln. Übrigens hätte Hitler eigentlich wie sein Vater Schicklgruber heißen müssen. Dies hätte eine Verwechslung des Diktators mit dem Pferd von Old Shatterhand quasi ausgeschlossen und lässt an einen Witz von Karl Valentin denken, demzufolge man damals hätte froh sein können, dass der Hitler nicht Kräuter hieße, weil man ja sonst immer „Heil Kräuter“ hätte sagen müssen. Der Gruß „Heil Schicklgruber“ wäre auch nicht unkomischer und hätte vielleicht schlimmeres verhütet.
Kürzlich über die Medien verbreitetes neu hinzu gekommenes Weltwissen widmete sich der Erkenntnis, dass sich die Erde zu langsam dreht. Der liebe Gott müsste den Globus einmal vorsichtig antippen und den Drall des Planeten auffrischen, sonst vergehen nur noch wenige tausend Jahre und die Tage unserer Nachkommen dauern 25 Stunden. Ob die das überhaupt bemerken? Ob sie sich freuen, länger schlafen und mehr Sex haben werden? Oder einfach bloß eine Stunde länger arbeiten?
Wenn wir eine Stunde mehr Zeit hätten, könnten wir uns intensiver um die ganz wichtigen Angelegenheiten des Lebens kümmern, China-Boykotts zum Beispiel. Das ist allerdings gar nicht so leicht, wie man zunächst glaubt. Der Versuch, ein chinesisches Auto zu boykottieren scheitert zum Beispiel daran, dass keines bei uns erhältlich ist. Man kann bei uns nur Glutamat, Glückskekse und die meisten Kleidungsstücke westlicher Modemacher boykottieren und es ist sehr fraglich, ob man das Regime in Peking damit trifft. Dann doch lieber: Mehr Zeit für Tiere. Sie haben unsere Liebe und Aufmerksamkeit verdient. Dem Krainer Widderchen ist beides zuteil geworden, es firmiert als Insekt des Jahres 2008, ist ein kleiner Falter und giftig, was das Zusammenleben erschwert. Dies ist mit einem Wildhasen auch nicht viel einfacher. Ein Wildhase wird bis zu 70 Stundenkilometer schnell, man kann also mit ihm nicht gut Spazieren gehen. Mit einer Riesenschildkröte auch nicht. Mit einem Hund schon. Hunde sind sehr angenehme Begleiter, leben aber anders als Riesenschildkröten meist nicht so lange wie ihr Herrchen.
In diesem Zusammenhang ist der Tod der Langhaarhunde Penny und Kara aus Newcastle in England zu vermelden und ins unendliche Register des Weltwissens einzutragen. Das Ehepaar Beth und Brian Willis trauert, hat aber dennoch für viele weitere Jahre Freude an seinen beiden Hunden. Täglich bürstete Beth Willis ihre Lieblinge und sammelte deren ausgefallene Haare, aus denen sie Wolle spinnen ließ. Daraus strickte sie für sich einen weißen Pullover und ihrem Gatten Brian einen braunen. Ihren Hunden zu Ehren ziehen Beth und Brian jeden Samstag ihre Hundefelle an, wenn sie zum Einkaufen gehen.
Wie hätte wohl Winnetous Dackel geheißen, wenn Karl May ihm einen angedichtet hätte? Vielleicht ja Schicklgruber. Winnetou lenkt Iltschi mit sanftem Zügelzug und ruft: „Komm Schicklgruber, das Abenteuer ist aus. Wir reiten in den Sonnenuntergang von Paklenica. Schicklgruber! Kommst Du! Drecksköter“ .