Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.04.2008

51_Bruno und mein Schicksal

An meiner Bürotür hängt ein Schild aus Pappe. Carla hat es gemalt und rund ausgeschnitten. Es zeigt sie, ihren Bruder Nick und Sara. Und unseren Hund. Sie hat alle vier rot durchgestrichen und das bedeutet: Verbotener Eingang für alle. Es war ein Geschenk für mich. Wenn ich meine Ruhe haben möchte, muss ich es nur von außen an die Tür hängen, und dann darf niemand reinkommen. Einzige Ausnahmen: jemand blutet oder es gibt Essen. Und es halten sich auch alle daran. Alle außer Nick, Sara und Carla.
Nick öffnet die Tür und fragt: „Papa, schreibst Du immer noch Deine Kolunde?“
Ich sage: „Ja, immer noch.“
„Und wie lange?“
„Bis sie fertig ist. Und das dauert länger, je öfter Du mich störst.“
Es tut mir leid, dies so zu sagen, aber so ist es nun einmal. Ich kann’s nicht ändern.
„Wenn Du mit Deiner Kolunde fertig bist, pumpst Du dann das Planschbecken auf?“
„Im April? Das Planschbecken? Bei Dir piept’s wohl.“ Typische Erwachsenenantwort. Im April pumpt man nun einmal keine Planschbecken auf, das macht man frühestens Ende Mai. Auch wenn es ein wunderbarer warmer Tag ist. Aber im April kann man gar kein Planschbecken aufpumpen.
„Ich weiß auch gar nicht, wo das Ding ist.“ Lüge, ich weiß es schon, denn ich sehe es täglich im Regal in der Garage liegen, wenn ich das Auto hinein– oder hinausfahre. Aber ich will nicht immer über alles diskutieren, erst Recht nicht mit einem Fünfjährigen. Manchmal muss man schwindeln, das ist pädagogisch falsch, aber zum Kuckuck: Es spart Zeit. Nick schließt die Tür und ich fange an mit der Kolumne.
So. Heute geht es also um den berühmten Bruno, das ist ein schönes Thema. Dieser Bruno war zu Lebzeiten ein Bär und kam aus Italien, räuberte ein wenig in Bayern und wurde dann von dem damaligen Ministerpräsidenten und Problempolitiker Stoiber als Problembär bezeichnet, gejagt und schließlich abgeknallt. Nun hat man den Bruno ausgestopft und stellt ihn im Münchner Museum Mensch und Natur aus. Er wurde ganz nett in eine Kulisse drapiert.
Die Tür fliegt auf. Glücklicher kleiner Junge. Er hat das Planschbecken gefunden, in der Garage. „Es ist gar nicht weg!“, jubelt Nick und hat das dreckige Ding zum Beweis gleich mitgebracht.
„Das ist kaputt,“ behaupte ich. „Da ist ein Loch drin, man kann es gar nicht aufpumpen.“ Lüge, das Planschbecken ist vollkommen okay. Ich habe aber keine Zeit. Und keine Lust.
„Wenn Du Deine Kolunde fertig hast, kannst Du es dann flicken?“
„Mal sehen. Vielleicht. Bitte. Ich muss arbeiten.“
Trauriger kleiner Junge schließt die Tür. Zurück zu Bruno, der eigentlich JJ1 hieß. Die Szene im Museum zeigt den ausgestopften Ursus Arctos beim Honigdiebstahl an einem Bienenstock. Sie haben ihm sogar wütende Bienchen an den Kopf geklebt. So kannte man ihn eben aus den Medien, den Bruno. Ein Verbrecher aus Leidenschaft, bereit für eine Tatze Honig sein Leben zu riskieren. Wie wird meine Frau Sara mich wohl ausstopfen lassen? In welcher typischer Haltung werde ich wohl dermaleinst im Museum Mensch und Natur ausgestellt? Denkbar wäre: Beim Zeitung lesen. Das ist aber langweilig. Genauso wie: Beim Schreiben. Total öde. Wenn ich mir was wünschen könnte, würde ich gerne ewig grillen. Mit Zange in der einen und Bier in der anderen Hand. Oder Tennis spielen. Am besten gefiele mir, wenn ich beim Aufschlag gezeigt würde, beim Ballwurf. Ich spiele zwar kein Tennis, aber es sähe sicher glamouröser aus als wenn man mich beim Fernsehen zeigte.
Doch wahrscheinlich hat das Schicksal etwas anderes mit mir vor. Die Tür öffnet sich abermals. Nick. „Ist die Kolunde fertig? Das Planschbecken ist nämlich gar nicht kaputt. Kein Loch drin. Kannst Du es aufpumpen? Bitte?“
Ich pumpe und pumpe, kleiner glücklicher Junge steht daneben, meine Hose rutscht: Vater mit Maurer-Dekolletee pumpt Planschbecken auf. Sara steht am Fenster, und was macht sie? Ein Foto. Wahrscheinlich für später, als Vorlage für den Präparator.