Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.03.2008

51_Totale Überwachung

Was Lidl und Schlecker können, das kann ich schon lange, nämlich meine Firma überwachen. Ich kundschafte neuerdings meine Familie aus, und das keineswegs zu meinem Vergnügen. Ich will bloß Unregelmäßigkeiten aufdecken und herausfinden, wer das Mineralwasser nicht richtig zuschraubt, so viel Klopapier verbraucht, meinen Kopfhörer geklaut und Kakao in die Fernbedienung gegossen hat. Das ist doch nicht ehrenrührig, oder? Na also. Überall im Haus habe ich Kameras versteckt, die Objektive sind kleiner als ein 5-Cent-Stück und auf meinem Rechner kann ich zwischen den Zimmern hin und herschalten. Natürlich ist auch alles verwanzt. Während also Sara, Nick und Carla denken, dass ich arbeite, sitze ich in Wahrheit – hihi – am Rechner und sehe ihnen bei der Verrichtung ihres Alltags zu. Was ich sehe, notiere ich selbstredend, sonst wäre die ganze Arbeit ja auch umsonst. Hier für Sie das Protokoll eines ganz normalen Werktages.
Küche, 14:17. Frau Marcipane telefoniert seit über einer Viertelstunde mit einer Freundin. Die beiden unterhalten sich über ihre Männer. Frau Marcipane lässt durchblicken, dass ihr Mann recht viel Zeit in seinem Büro verbringe und fragt sich, was er da eigentlich so treibe. Das bisschen Text, das er täglich absondere, rechtfertige seine lange Arbeitszeit auf keinen Fall. Es wird deutlich, dass sie offensichtlich keine Ahnung von der Materie hat. Arbeits¬– und Herdflächen bleiben während des Gespräches ungeputzt.
Kinderzimmer Tochter, 14:39. Entgegen ihrer Ankündigung fertigt die Tochter keineswegs ihre Hausaufgaben an, sondern vergnügt sich mit ihrem Nintendo. Dabei läuft unerträgliche Musik.
Esszimmer, 14:51. Der Hund B. liegt im Korb und hat etwas im Maul, was dort nicht hingehört. Frau Marcipane telefoniert immer noch und macht keine Anstalten, dem Hund gegenüber als Führungspersönlichkeit aufzutreten.
Kinderzimmer Tochter, 15:11. Die Tochter spielt nach wie vor.
Die Observation wird abgebrochen, um im Kinderzimmer darauf hinzuweisen, dass nun über eine halbe Stunde gespielt wurde. C. wird gebeten, nun die Hausaufgaben anzufertigen, worauf sie einwendet, nur zehn Minuten gespielt zu haben. Die Observationsprotokolle sprechen allerdings eine andere Sprache.
Kinderzimmer Sohn; 15:29. Der Sohn riecht seit einigen Minuten an seinem linken Zeigefinger. Leider wurde zu spät ins Objekt geschaltet, um zu wissen, wo er den Finger vorher hatte. Außerdem baut der Sohn etwas aus Lego, das aussieht wie ein Auto mit Füßen.
Kinderzimmer Tochter, 15:41. Die Tochter checkt offenbar E-Mails.
Küche, 16:01. Frau Marcipane hat die Arbeitsfläche abgewischt, nicht aber trocken nachgeputzt.
Haustür, 16:04. Es klingelt an der Tür. Frau Marcipane öffnet und empfängt die Freundin vom Telefonat. Die Säuberung der Küche wird für den Besuch abgebrochen. Auf die Frage der Freundin, wo der Mann sei, antwortet Frau Marcipane: „Der arbeitet.“ Wenn die wüsste!
Kinderzimmer Sohn, 16:30. Der Sohn N. füttert seinen Urzeitkrebs zum dritten Mal an diesem Tag. Mittags wurde er noch auf die Überfütterung desselben hingewiesen.
Küche, 16:32. Der Sohn taucht in der Küche auf und beklagt sich bei Frau M. darüber, dass der Urzeitkrebs komisch schwömme. Außerdem sei er sehr dick. Er macht sich Sorgen und deutet an, der Vater hätte dem Urzeitkrebs vielleicht zu viel zu fressen gegeben. Frau Marcipane beruhigt ihren Sohn und verspricht, den Vater darum zu bitten, dem Urzeitkrebs weniger zu fressen zu geben.
Esszimmer, 17:19. Frau M. sowie Tochter und Sohn sitzen am Esstisch, spielen Karten und verzehren Kekse. Auf die Frage der Tochter, ob der Vater immer noch arbeiten müsse, antwortet Frau M.: „Möchte bloß wissen, was der macht.“
Die Observation wird an diesem Punkt für heute beendet, um etwaiges Misstrauen der Mitarbeiter durch gutgelaunte Teilnahme am feierabendlichen Kartenspiel zu zerstreuen.