Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.04.2008

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Was mich echt irre macht: Aus VersehEN AUF DIE FESTSTELLTASTE AN DER TASTATUR ZU KOMMEN, UM DANN DREI ODER SOGAR VIER ZEILEN LANG ETWAS ZU SCHREIBEN, DAS MAN ANSCHLIEßEND LÖSCHEN UND NOCH EINMAL IN DER RICHTIGEN GRÖßE TIPPEN DARf. Das geht mir wahnsinnig auf die Eier und kommt öfter vor, weil ich keine Sekretärin bin und daher meistens auf die Tasten und selten auf den Monitor sehe. Ich erzählte dies neulich im Rahmen eines Abendessens, denn das Großthema der Runde war: Dinge, die uns echt irre machen. Blöderweise war ich der Erste, der auf die entsprechende Frage der Gastgeberin antwortete. Daraufhin sah sie mich an, als sei ich ein Furunkel und sagte: „In Darfur sterben jeden Tag Hunderte von Menschen. Aber die Feststelltaste Deines Computers, die macht Dich irre.“
Ich versuchte mich zu wehren: „Ach sooo, doch, Darfour macht mich natürlich auch irre.“ Aber es war schon zu spät. Ich war der Arsch des Abends.
Die anderen Gäste machte echt irre: Aussterbende Tiere am Nordpol, die mögliche Kanzlerkandidatur von Kurt Beck, der CO2-Ausstoß von schnellen Autos. Tibet. Und dazwischen ich mit meiner TasTATUr. Erst schämte ich mich meiner Oberflächlichkeit, doch bald regte sich Trotz, denn die Sache ist doch wohl die: Jeder, aber auch wirklich jeder, ist irre wegen Robbenbabys, Kurt Beck, CO2 und Tibet. Es bringt nichts, sich darüber zu unterhalten, denn alle Menschen am Tisch sind ohnehin einer Meinung, weil keiner unserer Freunde Robbenjäger, SPD-Präsidiumsmitglied, Tankstellenpächter oder Angehöriger der chinesischen Regierung ist. Was soll die ganze Diskutiererei über Themen, zu denen alle dieselbe Ansicht teilen? Das ist sterbenslangweilig. Da rede ich lieber über meine Tastatur.
Auf der Heimfahrt fragte ich Sara, ob ich deshalb ein oberflächlicher Idiot sei und sie antwortete vergleichsweise diplomatisch: „Du hast die Frage nur falsch verstanden.“ Wenig später folgte auf das Abendessen eine Gegeneinladung bei uns. Ich nahm mir vor, diesmal bei jedem Thema radikal einen gegenteiligen Standpunkt einzunehmen. Das hielt ich für eine spannende Idee, um dem Tischgespräch Leben einzuhauchen. Und ich hatte Recht. Sie müssen das mal versuchen, wenn Sie mit den Folgen leben können.
Zu Beginn des Essens teilte ich feierlich mit, demnächst grundsätzlich und für alle Zeiten mein Stimmverhalten bei Wahlen zu ändern, in die CSU einzutreten und mich in der Atomlobby zu engagieren. Absurder geht es fast nicht und niemand nahm mich ernst. Doch dann argumentierte ich für meine Pläne und ich argumentierte ausführlich und laut. Der Effekt glich auf eine malerische Weise jenem eines sanften Auffahrunfalls nach Alkoholgenuss. Unsere Gäste waren ehrlich angekratzt. Meine Frau ebenfalls. Es entwickelte sich eine wirklich leidenschaftliche Diskussion. Irgendwann standen wir vor der Kernschmelze unserer Beziehung, deshalb wechselte Sara das Thema.
Es ging dann ums Kino und um die besten Filme der letzten Zeit. Große Begeisterung über die Coen-Brüder. Ich äußerte zum Verdruss aller Anwesenden, dass „No country for old men“ ein Drecksfilm und der Quatsch redende Killer bereits dreihundert Mal durch sei, die Figuren total unglaubwürdig agierten und der Film kein richtiges Ende habe, dafür aber eine einschläfernde Länge im letzten Drittel. Jemand wich auf Musik aus, worauf ich nörgelte, dass sich niemand, der Ahnung von Soul hätte, eine Platte von Amy Winehouse auch nur ansehen, geschweige denn anhören würde. Dann schimpfte ich noch über den Bio-Faschismus im Einzelhandel und die lächerliche Verzärtelung von Eisbären in Zoos. Bevor unsere Freunde das Haus verließen, hörte ich meine Frau sagen: „Ich weiß noch nicht, wie es mit uns weitergeht, aber ich rufe Dich an.“
Seitdem wird hinter meinem Rücken am Telefon getuschelt. Wenn ich ins Zimmer komme, verebben Gespräche. Niemand lädt mich mehr zum Abendessen ein. Ich werde gemobbt. Und dann kam heute ein Brief von der CSU an. Offenbar hat Sara dort einen Mitgliedsantrag für mich gestellt, um zu testen, wie weit es mit meiner Überzeugung her ist. Ich bin jetzt ein wenig in Zugzwang. Und daS ALLES NUR WEGEN MEINER SCHEIßTASTATUR.