Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.04.2008

54_Alles voller Schrift

Der Beschriftungswahn unserer Gesellschaft kennt auch keine Grenzen mehr. Heutzutage steht ganz genau drauf, was irgendwo drin ist. Manchmal ist das auch sinnvoll. Ich finde es zum Beispiel gut, dass auf den meisten Polizeiautos „Polizei“ steht, das macht es einfacher, Polizisten als solche zu erkennen. Und ich mag es, dass auf dem Schild bei uns an der Ecke der Name der Straße steht, in der wir wohnen. Das sind sinnvolle Beschriftungen. Aber wieso hat die Frau, die mir ständig im Kindergarten über den Weg läuft ein T-Shirt an, auf dem „Mutti“ steht? Ich würde sie gerne fragen, aber ich traue mich nicht und außerdem weiß ich eigentlich, warum sie das anhat, nämlich wegen der so genannten ironischen Brechung. Alles muss heute ironisch gebrochen sein, eine ganze Industrie lebt davon.
Ganz sicher besitzt der Ehemann von „Mutti“ ein T-Shirt mit „Vati“ drauf. Und es existiert ein Familienfoto, auf dem zusätzlich die Kinder zu sehen sind, ordentlich bedruckt mit „Große Schwester“ und „kleiner Bruder.“ Rasend komisch. T-Shirts ohne Bekenntnis oder originelle Inhaltsbezeichnung werden nicht mehr verkauft, ständig trifft man auf einen „Held in Ausbildung“ oder eine „Porno-Queen“ oder einen „Hosenscheißer.“ Und nicht nur die Kleidung ist durchformuliert, sondern unser gesamter Alltag.
Davon ausgenommen sind komischerweise die Autos. Früher fuhren viel mehr Bekenntnisaufkleber durch die Gegend. Der wie ein Lackschaden aussehende Sylt-Aufkleber ist aber inzwischen außer in Hamburg weitgehend verschwunden, ein Schicksal welches er auf lange Sicht mit der Insel teilt. Ebenfalls kaum noch anzutreffen: Der lustige Glasbruchaufkleber, der scheinbar im Lack feststeckende Golfball, der Stereoanlagen-Schriftzug. Aber sonst gibt es bei uns viel zu lesen, viel zu viel. Kein Wunder, dass die Kinder keine Lust mehr dazu haben, wenn alles, aber auch alles von der Butterdose bis zur Haarbürste zugetextet wird.
Manchmal bekommen wir zuhause einen Katalog zugeschickt, von einem Versandhaus, welches ungefähr eine Million Artikel führt, gut die Hälfte davon ist auf irgendeine alberne Weise beschriftet. Stammkunden dieses Kaufhauses erkennt man bereits, bevor man ihr Heim betritt, daran, dass auf der Fußmatte „Hotel Mama“ steht. Ein Brüller! In der Garderobe sieht man in den Spiegel und nicht nur das, man sieht auch in einen Schriftzug, auf dem was steht? „Spiegel.“ Ja. Und auf den Nudeltellern bekommt man richtig viel zu lesen: „Fusilli, Spaghetti, Penne, Tortellini, Farfalle, Linguini, Ravioli, Rigatoni.“ Nach dem Essen wird gespült und abgetrocknet und zwar mit Sinnspruchtüchern wie „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird,“ oder „der Appetit kommt beim Essen.“
Satt begibt man sich zur Sitzgruppe und nimmt Platz zwischen kleinen Kissen, beschriftet mit „Drück mich,“ Country Home“ und „Kaffee bitte.“ Auf den Kaffeetassen steht übrigens „le petit dejeuner“ und auf den Kaminhölzern „Feuer!“
Auch im Bad und im Schlafzimmer: Alles vollgesülzt, lustige Zahnputzbecher („spucken, nicht schlucken“), Morgenmäntel mit „Chef“ und „Hexe“ drauf, Badvorleger, auf denen man „hier stehen bleiben“ lesen kann. Sein Kissen ist mit „Devil,“ das ihre mit „Angel“ bedruckt, für den Mann liegt ein Pyjama mit dem eingestickten Namen „Cary“ auf dem Bett, für die Frau eine Wolldecke mit dem Satz: „Jetzt lasst mich doch mal Schlafen,“ und für beide ein Schildchen, das man nach Bedarf von außen an die Klinke hängen kann: „Liebe Kinder, es ist Sonntag, bitte guckt Fernsehen.“ Bruuuaaahhh! Ironische Brechungen überall.
Ich möchte nicht intolerant erscheinen, aber ich will eben manchmal gar nichts lesen, besonders nicht auf Einrichtungsgegenständen. Und auch nicht auf meinem Essen. Neulich sah ich ein Foto von Thomas Gottschalk und seinem Bruder. Die beiden beim Grillen. Der Thommy hat beiden je ein Steak gegrillt und es mit Brandzeichen versehen. Thomas’ Steak ist viel größer als das seines Bruders. Auf dessen Steak steht eingeschmort: „Deins“ und auf Thomas Gottschalks Steak „Meins.“
Manchmal hoffe ich, dass die Deutschen wieder ein bisschen humorloser werden. Dieser Frohsinn ist schier nicht auszuhalten. Beinahe möchte man brechen. Ironisch natürlich.