Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.05.2008

55_Antonio kauft einen Fernseher (1)

Auf meinem Telefon kann ich sehen, wer mich anruft, da erscheint eine Nummer. Wenn es mein Schwiegervater ist, schreie ich in letzter Zeit: „Sara, für Dich.“ Das stimmt aber nicht, denn er will mich sprechen, immer nur mich, mich, mich. Er möchte mit mir über den bevorstehenden Sieg seiner Italiener reden, seiner weltmeisterlichen Italiener. Das ist jedes Mal so vor internationalen Fußballturnieren. Elf Monate im Jahr mag ich seine Anrufe, er erzählt dann dies und das und gibt hilfreiche Haushaltstipps wie jenen, auf jedes Paket „Büchersendung“ zu schreiben, weil es das Porto extrem verbilligt. Man kann aber sehr damit auf die Nase fallen. Also ich. Er natürlich nicht.
Nun naht jedoch die Fußball-Europameisterschaft und da hat Antonio größten Gesprächsbedarf. Er beschwört ausdauernd die Tugenden des italienischen Fußballs und seiner Protagonisten, des großen Gattuso und des einzigartigen Totti, sowie des wundervollen Cannavaro und des Meisters der psychologischen Kriegsführung namens Marco Materazzi. Ich bin zwar anderer Meinung, aber die äußere ich nur sehr zaghaft. Beim letzten Mal nannte ich sein Land einen Weltmeister zweiter Klasse. Ich möchte Sie nicht mit Details nerven, aber wer im Achtelfinale gegen Australien bloß durch eine Schwalbe in der 95. Minute zu einem Elfer und damit ins Viertelfinale kommt, der muss sich Schmähungen gefallen lassen. Antonio reagierte darauf mit den Worten: „Jaa, der Neid von die andere iste unser kostbarste Besitze, alte Sprikewort von Dante Alighieri.“ Ich fragte ihn, bei welcher Mannschaft der spiele und Antonio schwieg für einen kurzen Moment, um dann in Sirenenlachen auszubrechen. Dann heulte er: „Duuuu biiiste guuut, meine liebe Jung.“ Anschließend behauptete er, Dante Alighieri sei der Schwager von Goethe gewesen und habe diesen nach Italien eingeladen, von wo dieser gar nicht habe zurückkehren wollen, wie alle Deutschen.
Vor einigen Tagen rief Antonio wieder an, ich brüllte zwei Mal „Sara, es ist für Dich,“ bis mir einfiel, dass ich alleine zuhause war. Also nahm ich das Gespräch an und es mäanderte zunächst unkonzentriert zwischen den Themen „Einbruch bei Luca Toni“ und „was trinkt man bei einem Sieg, auf keinen Fall Champagner,“ hin und her.
Plötzlich rief mein Schwiegervater: „I braukein neue Fernseher.“
„Aha,“ antwortete ich defensiv, denn man kann nie wissen, was so ein Satz bei ihm bedeutet. Es läuft meistens darauf hinaus, dass er meinen Beistand sucht. So auch hier.
„Ist denn Dein Fernseher kaputt? Der ist doch erst fünf Jahre alt.“
„Nein, nikte kaput, leider,“ antwortete er niedergeschlagen.
„Aber warum brauchst Du denn dann einen Neuen?“ fragte ich. Er machte eine lange Pause, um tief Luft zu holen.
„Brauki fur der E-Emme.“
„Was ist der E-Emme?“
„Der Fusseball E-Uro-Dingeda.“
„Ach so, für die EM,“ sagte ich.
„Sagido.“
Er teilte mir dann mit, dass er die Auftritte seiner Squadra Azzurra nicht mit der ollen Kiste ansehen könne, sondern etwas Neues brauche, etwas schickes, und zwar mit „Flakebilde.“
„Womit?“
„I will eine Geräte mitte Flakebilde.“
„Ach so, Du meinst einen Flachbildschirm,“ sagte ich.
„Sagido, Du Genie,“ antwortete er und lud mich ein, ihn beim Gang zum Media Markt zu begleiten. Ich musste ohnehin in seine Gegend, also sagte ich zu und am letzten Samstag fuhren wir ins Purgatorium des Konsums, in dem es von Flachbildschirmen und Espressomaschinen und orientierungslos im Kunstlicht umherirrenden Verbrauchern nur so wimmelte. Wir stellten uns vor eine beeindruckende Wand von Fernsehern und Antonio begann, alle Schildchen laut vorzulesen, was eine Weile dauerte, ungefähr eine halbe Stunde. Dann zuckte er die Schultern und fragte mich: „So, unde welke Fernseher nähmenewi nu?“
Fortsetzung folgt in einer Woche…