Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.05.2008

56-Antonio kauft einen Fernseher (2)

Früher war das mit dem Fernsehkauf ganz simpel. Im deutschen Wohnzimmer stand eine Glotze von Grundig, Nordmende, Metz, Saba oder Loewe, je nach dem, wo man sich gesellschaftlich verortete. Man hieb auf Fernbedienungen, die aussahen wie Butterdosen und das Fernsehen war wie das ganze Leben eine analoge Verrichtung. Inzwischen ist alles digital. Sogar mein italienischer Schwiegervater wurde jüngst digitalisiert, denn er besitzt seit kurzem eine neue Glotze.
Antonio nahm mich mit ins Geschäft und wir standen vor einer Wand von Flachbildschirmen. Er wollte von mir wissen, was er kaufen sollte. Keine Ahnung. „Vielleicht gibt es hier irgendwo einen Verkäufer“ sagte ich und sah mich um. Ich tat es damit vielen Kunden gleich, die wie Uhus ihre Köpfe im Hals herumdrehten und nach irgendeinem rot gekleideten Fachmann spähten wie Eulen nach Engerlingen. Ich spürte einen sich hinter einem Regal duckenden Burschen auf, welcher mir mitteilte, dass er nur Eierkocher mache un’ Rasierer un’ so und das für Fernseher un’ so der Mann mit die coole Krawatte da sei. Also ging ich zu dem Mann mit die coole Krawatte. Der stand an einem Rechner und druckte eine Bestellung aus. Neben ihm befanden sich bereits Kunden in ansehnlicher Zahl und deshalb sagte er: „Ich habe noch andere Kunden, da müssen Sie warten.“ Das konnte ich verstehen, das ist nun einmal so, das sind die Regeln. Sicher. Antonio sah das aber anders. Er findet, dass es eine Ehre ist, ihm etwas zu verkaufen, er hält sich tatsächlich für wichtiger als das Produkt, dass er kaufen will. Er ist eben noch nicht globalisiert.
„Zeigi Dir, wie man der makt,“ sagte er. Dann schritt der die Wand ab, blieb unvermittelt vor einem Fernseher stehen und begann, diesen aus der Wand zu brechen. Er hob ihn einfach an und ging drei Schritte rückwärts, wobei er das Kabel mitriss. Es dauerte ziemlich exakt sechs Sekunden, und ein Verkäufer kam gelaufen. Das muss man sagen: Antonio weiß, wie man in der Dienstleistungsgesellschaft die Aufmerksamkeit auf sich zieht.
„Den können Sie nicht einfach so mitnehmen,“ sagte der Mann.
„Wieso? Iste das keine Fernseher?“
„Doch, aber das ist ein Ausstellungsstück.“
„Na unde. Funktionierte der tippetoppe. Nehmi der mit.“
Über diese Diskussion entsponn sich bald ein Fachgespräch. Antonio stellte das Gerät zurück und der Verkäufer fragte, ob es denn ein LCD– oder ein Plasmagerät sein solle.
„Nee. Mitte der Flakebilde.“
Antonio ließ sich ausführlich beraten, dabei wusste ich, dass es ihm schnurzegal ist, welche Technik das neue Gerät hat, Hauptsache, Italien gewinnt darin. Der Verkäufer führte aus, dass der Abstand vom Betrachter zum Bildschirm das Dreifache der Bilddiagonale betragen solle und man auf diese Weise schon viele Modelle ausschließen könne. Ob Antonio eine eingebaute Festplatte wünsche.
„Wo?“
„Im Fernseher.“
„Ah so. Nee. Oder?“
Ich zuckte mit den Schultern. Mir egal. Ich spürte, dass dies ein langer Nachmittag werden konnte, doch dann sah ich sie, die Superglotze, altargleich aufgestellt in einer extra für sie gestalteten Präsentationsfläche. Der Rahmen war mit Klavierlack überzogen, das Ding glänzte wie der Sarg von Antonios Vater, den wir vor sechs Jahren beerdigt haben, heilige Mutter Gottes. Ich zog Antonio am Ärmel zu diesem repräsentativen Teil und er kaufte es sofort, besinnungslos vor Begeisterung wegen des Klavierlacks. Es wird bald geliefert. Dann wird’s eng bei Antonio und Ursula zuhause, denn das neue TV-Heimgerät verfügt über eine Bildschirmdiagonale von adlerschwingenhaften 170 Zentimetern. Um fünf Meter davon entfernt sitzen zu können, wird er ein großes Loch in die Wohnzimmerwand brechen und die Couch in den Garten stellen müssen. Oder umräumen und das Esszimmer rausschmeißen. Wahrscheinlich wird der neue Fernseher aber letztlich genau dort stehen, wo der alte stand. Und Antonio wird die Squadra Azzura von ganz nah sehen. Es gibt für ihn nichts Schöneres.