Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.05.2008

58_Meine Lieblingssendung

Vielleicht muss der Herr Zwegat zu uns kommen. Der ist Schuldnerberater bei RTL. Mein TV-Liebling. Falls Sie ihn und seine Doku-Show noch nicht kennen, seine Sendung geht so: Herzensgute, aber grotesk überschuldete dickliche Deutsche wenden sich in letzter Verzweiflung an RTL. Ausgewählte Schicksale werden von Peter Zwegat besucht, damit dieser sich ein Bild von der trüben finanziellen Lage machen und helfen kann. Herr Zwegat berlinert, wiegt den Kopf hin und her und rollt die Augen, wenn et janz dicke kommt.
Die meisten überschuldeten RTL-Deutschen besitzen mutig gestaltete Sofabezüge, Katzen und viele Fernbedienungen. Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang zu den Schulden. Sie rauchen und trinken literweise Kaffee. Das macht dann auch Herr Zwegat, dem beim ersten Besuch Aktenordner und Stapel ungeöffneter Rechnungen präsentiert werden. Augenrollen, Kaffee, Zigarette. Auf einem Flipchart stellt Herr Zwegat sodann das ganze wirtschaftliche Elend zusammen, malt einen Doppelstrich und spricht aus, was niemand bisher den Mut hatte auszusprechen: „Det macht denn summasummarum 82356 Europäische und 43 Cent.“ Der Vater nickt stumm, die Mutter weint. Kaffee, Zigarette.
Dann kündigt Zwegat drastische Sparmaßnahmen an: Zwei der fünf Handys müssen bitteschön sofort stillgelegt werden, das Premiere-Abo wird gekündigt und bitte erst einmal keine neuen Felgen auf Pump kaufen. Sogar die vier Katzen kriegen ab sofort „billjares Futta“. Außerdem besucht Herr Zwegat die Bank, das Finanzamt und die wichtigsten Gläubiger, spricht mit ihnen über Stundung, Erlass und Vergleich, rechnet wieder und siehe da, nach der Werbepause kommt er auf „immahin nur noch 62967 Euro.“ Dann sagt er, es sei ein guter Tag gewesen bei den Brömmels und das noch ein weiter Weg vor ihnen läge.
Zum Ende der Sendung tauchen seit Jahren an den Rand des Bewusstseins gerückte Verwandte auf und leihen Geld; der Vater nickt, die Mutter weint und schließlich liegen sich alle auf dem gemusterten Sofa in den Armen. Kaffee, Zigarette, Abspann. Meine Lieblingssendung.
Und nun warte ich zuhause auch auf Herrn Zwegat. Wir haben zwar keine Schulden, aber eine fast zehnjährige Tochter, die kurz davor steht, welche zu machen. Carla investiert ihr Taschengeld in „Bravo,“ „Nagellack mit Glitzereffekt,“ und „Pombär.“ Letzteres ist eine typische Schuldnermahlzeit und wie alles andere erhältlich in unserer dörflichen Taschengeldablieferungsstelle, einem gut sortierten Schreibwarenladen, welcher von meiner Tochter in liebevoller Verkennung von dessen Geschäftstüchtigkeit „Schreibi“ genannt wird. Bald wird ihr ganzes Geld beim Schreibi sein, sie wird Kredit bei mir aufnehmen. Wenn ich ihr keinen mehr gebe, wird sie Freunde anpumpen und schließlich in einen Strudel von Schuld, Scham und Schande gezogen. Dem soll Herr Zwegat vorbeugen.
Er könnte in Carlas Zimmer sein Flipchart aufbauen und Sätze sagen, wie: „12 Euro im Monat für Pombär? Mann, Mann, Mann, Mann!“ Er könnte mit den Augen rollen und einen Plan aufstellen. Ganz ohne Pombär wird es nicht gehen, aber die Bravo kann man im Freundeskreis zirkulieren lassen und Glitzereffekte braucht man erst mit dreizehn. Carla würde nicken und zukünftig vernünftiger mit Geld umgehen, alle lägen sich in den Armen. Ich fände es gut, wenn Herr Zwegat bei allen deutschen Kindern einmal pro Jahr vorbeischauen könnte, anstatt Nikolaus.
Schuld an der kindlichen Schuldenfalle ist dieser grauenhafte Materialismus, dieses dauernde Habenwollen. Auch unser Nick ist bereits davon infiziert. Gestern im Auto verlangte er die sofortige Anschaffung eines Nintendo DS zu seiner Zerstreuung. Andernfalls würde er umgehend in die Hose kacken. Ich lehnte ab. Erstens hat Carla einen und zweitens ist Nick erst fünf. Basta. Ich sagte ihm, er könne was anderes haben. „Was denn?“ fragte er. Ich antwortete: „Ein Küsschen.“ Und dann sagte er einen Satz, der voller Wahrheit ist und gleichzeitig in ganzer Härte den Werteverfall unserer Gesellschaft spiegelt. Er sagte: „Ein Küsschen ist nur ein Küsschen – und kein elektronisches Gerät.“ Was wohl Peter Zwegat dazu sagen würde? „Mann, Mann, Mann, Mann.“