Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.06.2008

60_Speisekammer-Archäologie

Die Lektüre von Zeitungen führt zwangsläufig zur Befüllung des Geistes mit neuen Begriffen, welche man aber häufig gar nicht braucht, weil es bloß ganz selten im Leben erforderlich ist, ein Wort wie „Pechnase“ zu verwenden. Also liegen derlei zauberhafte Wortschöpfungen nutzlos in der Dachkammer herum und entrümpeln sich irgendwann von selber, indem man sie wieder vergisst. Jahre später möchte man aus irgendeinem Grund wissen, wie die seltsamen halbrunden, unten offenen Mauervorsprünge über Burgtoren eigentlich heißen, muss es mühsam recherchieren und feststellen, dass man das Wort „Pechnase“ schon mal irgendwann gehört hat. Aber wo? Und wann?
Gerade lief mir wieder so ein entzückendes Wort über den Weg: „Speisearchäologie.“ Speisearchäologen sind Wissenschaftler, die sich darum bemühen, genau so zu kochen wie das vor 500 Jahren üblich war. Und sie ziehen sich auch so an, schrubben Töpfe mit Sand und verwenden Geschirr von damals. Sie kochen nach uralten Rezepten mit Zutaten, die zum Teil gar nicht mehr gebräuchlich sind, verderben sich manchmal den Magen und übergeben sich dann mit wissenschaftlicher Würde. Das Wort Speisearchäologe werde ich nicht mehr vergessen, denn ich habe es in meinen aktiven Wortschatz übernommen, wenn auch leicht abgewandelt. Ich bin nämlich seit Jahren hobbymäßig so etwas ähnliches, ich hatte nur bisher keinen Begriff dafür. Nun aber. Ich bin: Speisekammerarchäologe.
Die Speisekammerarchäologie ist eine postmoderne Form der Altertumsforschung und ich fröne ihr vorzugsweise im Keller meiner Schwiegereltern. Immer, wenn ich sie besuche, steige ich hinab. Das ist ein Abenteuer, nur noch vergleichbar mit der Erforschung einer ägyptischen Pyramide. Ich habe natürlich nicht Taschenlampe und Pinsel dabei, um irgendwo Staub abzufächeln, aber ich gehe nie ohne einen kleinen Weidenkorb, in welchen ich meine Entdeckungen lege, um sie oben im Wohnzimmer zu präsentieren.
Was ich beim letzten Mal fand: Saras Springseil, das sie zur Einschulung 1976 bekommen hat, eine (volle!) Flasche Altbier mit einem Etikett im prachtvollsten Siebziger-Design und die Reste eines Gartengrills, welcher 1982 während des WM-Endspiels angeblich explodiert ist, als Rossi das zweite Tor schoss. Wunderbare Dinge fördere ich zutage. Das meiste davon muss ich gleich anschließend wieder hinunter tragen, der Grill zum Beispiel ist so etwas wie ein Siegerpokal und darf nicht auf den Müll. Ich bin inzwischen in der ganzen Familie gefürchtet, denn ich gelte auch als geschickter, aber nervtötender Mindesthaltbarkeitsdatumssucher. Das geht meiner Schwiegermutter auf den Geist. Vor kurzem entdeckte ich in ihrem Keller eine von ihr fundamentalistisch ernsthaft beschützte Dose Erbsensuppe mit einem Preisschild, auf dem „DM 1,29“ stand. Das Mindesthaltbarkeitsdatum war nicht mehr zu erkennen, aber das Preisschild stammte von einem Geschäft, welches vor gut 23 Jahren für immer geschlossen hat. Ein anderer Fund, mit dem ich mich in Atem hielt: Eine Packung mit Gelatine-Blättern. Mindestens haltbar bis 1981, also „tippe di toppe,“ wie mein Schwiegervater behauptete. Er ist der einzige, der die Speisekammerarchäologie schätzt. Manchmal nimmt er sogar an Expeditionen in seinen Keller Teil, und reagiert mit ehrlichem Erstaunen, wenn ich zum Beispiel Werkzeug mit dem Logo seines früheren Arbeitgebers aus einer Kiste ziehe.
Ich habe auch zuhause schon so manche Kühlschrank-Zeitbombe entschärft und mir damit die Bewunderung meines Sohnes Nick verdient, aus dem einmal ein hervorragender Speisekammerarchäologe werden könnte, wenn er sich der Ernsthaftigkeit dieser Wissenschaft öffnete. Dies ist aber bisher leider nicht der Fall. Neulich fand ich an der Unterseite seines Bettes einen sagenhaften Kaugummi, ein rosa Monster, in welches ich griff, als ich das Bett verschieben musste, um dahinter nach dem Urzeitkrebsfutter zu suchen. Ich langte also in den mäßig klebrigen Kaugummi und zog ihn ab. Dabei blieb ein großer Splitter Buntlack vom Bettkasten daran kleben. Ich hob ihn hoch und sagte: „Wie lange klebt denn der schon unter dem Bett?“ Und Nick antwortete: „Weiß nicht. Ich habe ihn schon überall gesucht.“ Er nahm mir meinen Fund weg und schob in sich samt blauem Lack in den Mund. Keinen Sinn für die Wissenschaft hat der Bursche.