Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Sekundenkleber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.06.2008

62_Die EM-Bilanz 2008

Heute die fünf wesentlichen Erkenntnisse der abgelaufenen Fußball Europameisterschaft. Auf Platz fünf: Die griechischen Helden sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Trainiert vom Essener Malermeister Otto Rehhagel boten die griechischen Fußballer eine Vorstellung, die den unvoreingenommenen Beobachter schnell an den Gammelfleischskandal denken ließ, an uraltes Souvlaki und zähen Hammel. In der griechischen Gastronomie werden derartige Tierrückstände gerne unter Zuhilfenahme allerhand Gewürzes als „Resteplatte Agamemnon“ auf die Tageskarte geschrieben. Bleibt man im Bild, muss man sich Rehhagel nun als mäßig glücklichen Tavernenwirt vorstellen, dessen Resteplatte von den Gästen verschmäht und zurückgegeben wurde.
Platz vier: Czechs Mütze schützt nicht vor Niederlagen. Petr Czech ziert seit einiger Zeit eine bemerkenswerte schwarze Kopfbedeckung, eine Art Schutzpanzer für den Schädel, welchen er sich vor eineinhalb Jahren beim Spiel des Chelsea FC gegen den FC Reading gebrochen hat. Sicher sind die Knochen längst wieder zusammengewachsen und es steht nicht zu befürchten, dass Czech auseinander fällt, sobald ihm ein Ball auf den Kopf plumpst. Er trägt seine Mütze wahrscheinlich auch nicht, weil er sich vor angreifenden Gegnern fürchtet, sondern wegen seiner eigenen Teamkameraden. Mannschaftskollegen neigen nämlich dazu, dem Torwart pausenlos den Kopf zu tätscheln, entweder aus Trost oder aus Dank. Und das mag der Petr Czech nicht, weil mit jedem gut gemeinten Klaps gleich mehrere Schuljahre von der Festplatte gelöscht werden. Trotz aller Schutzmaßnahmen griff Czech gegen die Türken kapital daneben und schied aus. Die Mütze lag danach im Gras wie der Helm eines geschlagenen Ritters.
Auf Platz drei: Deutschland gewinnt gegen Portugal mit 20:0. Jedenfalls nach der Zählweise meines Sohnes Nick. Dieser sieht mit Begeisterung und ohne jeden Sachverstand die Spiele unserer Nationalelf an und jubelt wie ein afghanischer Widerstandskämpfer, sobald ein Tor fällt. Er springt auf, er schreit und pustet in ein sagenhaft nervtötendes Membranophon, welches ich blöd genug war, ihm zu schenken. Dann wird der Treffer in Zeitlupe wiederholt und er glaubt, es sei ein weiteres Tor gefallen. So geht das noch zwei Mal und ruckzuck steht es 4:0 für die Deutschen. Auch Gegentreffer schreibt er unserer Nationalmannschaft zu, welche am Ende in seinen Augen einen 20:0-Kantersieg errungen hat. So schön ist Fußball nur, wenn man Fünf ist.
Platz zwei: Der moderne Fußballspieler besitzt mindestens einen beschrifteten Arm. Der Trend in der Fußballertätowierung geht weg vom Babyfoto auf dem Herzen und eindeutig hin zur Textmitteilung. Der Unterarm als Haut gewordene SMS war bei vielen Spielern zu bewundern. Unsereins hatte früher auch dann und wann typographierte Unterarme, besonders in Biologie– und Matheklausuren. Es ist aber unwahrscheinlich, dass Thorsten Frings den Zitronensäurezyklus auf dem Arm hat. Bei ihm stehen wahrscheinlich schlichte Handreichungen zur erfolgreichen Lebensführung drauf, zum Beispiel: „Rechts stehen, links gehen,“ oder „Friseur nicht vergessen!!!“
Platz eins: Die Kaderschmiede des deutschen Fußballs heißt BSC Mückenloch. Den gibt es wirklich. Habe ich im Mc-Donald’s Stickerheftchen gelesen. Wer hat nämlich in Mückenloch seine Karriere begonnen? Hansi Flick. Mückenloch ist ein Stadtteil von Neckargmünd, welches bei Heidelberg liegt. Der Ort befindet sich in einer Gegend schöner Bachläufe und die werden massenhaft von Mücken bewohnt, welche den Kindern beim Fußballtraining seit Jahrzehnten in die Waden pieksen. Wer das klaglos übersteht, dem können vierte Schiedsrichter in der Coaching Zone nichts mehr anhaben. Mückenloch klingt als Ortsname so zauberhaft wie die Verniedlichung von Hans-Dieter zu Hansi. Der Hansi aus Mückenloch. Das ist am Ende von solch einer romantischen Sanftmut, als habe es sich ein Kinderbuchautor ausgedacht. Skandal: Auf der Homepage des BSC Mückenloch wird der größte Sohn des Vereins – der Hansi – mit keiner Silbe erwähnt. Aber als am 12.6.1970 das Sportgelände und das Clubhaus eingeweiht wurden, da kam sogar der Landrat Steinbrenner. Damals war Hansi Flick fünf Jahre alt. Genau wie mein Nick jetzt.