Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.07.2008

64_Kontaktanzeigen

An und für sich bin ich mit meiner Ehe recht zufrieden. Trotzdem lese ich gerne und mit wohligem Grusel Kontaktanzeigen. Man muss sich doch darüber informieren, was so auf dem Markt ist. Wer weiß, vielleicht sucht ja irgendeine Frau genau nach mir. Das will man doch wenigstens wissen, oder?
Leider suchen die Frauen ständig jemanden, der mit ihnen verreist. Eine Stichprobe anhand der Kontaktanzeigenseite im Zeit-Magazin hat ergeben, dass annähernd siebzig Prozent aller Frauen für ihr Leben gerne reisen. Sie möchten jemanden kennen lernen, der mit ihnen wochenlang Sehenswürdigkeiten in Griechenland ansieht und klaglos Berge von Moussaka verzehrt. Dabei bringen solcherart Ferien die uncoolsten Seiten eines Mannes zum Vorschein: Schweißflecken, Käsesocken, Sonnenbrand auf der Nase und Sodbrennen. Warum sind Frauen darauf so scharf? Weil sie klug sind. Auf einer Reise lernt man nämlich einen Menschen richtig kennen. Bei einem Abendessen auf dem Balkon kann ein Mann ja wer weiß was erzählen, seine Beziehungstauglichkeit beweist er erst, wenn er bei 46 Grad Mofabenzin mit einem Gartenschlauch aus dem Kanister ansaugt und gleichzeitig zuhört, wie die Frau griechische Sagen aus dem Reiseführer vorliest. Außerdem erfährt man auf Reisen intime Details des Partners, zum Beispiel hygienische Gewohnheiten, für deren Erkundung man sonst Monate bräuchte. Daher diese Reisesucht der Frauen in den Kontaktanzeigen.
Manche lesen auch gerne Reiseberichte und viele suchen gleichzeitig nach jemandem, der außerdem gerne exotische Tänze tanzt. Ich tanze eher selten – vor allem Minnetanz – und komme schon deswegen für die meisten Damen meiner Altersklasse nicht in Frage. Überhaupt entspreche ich nie den Erwartungen. Ich bin weder Unternehmer noch Arzt noch vermögender Motorradrocker mit akad. Hintergr. und finde die Frauen ganz schön anspruchsvoll. Ich jedenfalls kenne kaum Männer, die gleichzeitig Taucher, Opernsänger, Spitzenköche und Großverdiener sind.
Ich warte auf eine Kontaktanzeige, in der eine Frau einen maulfaulen Stubenhocker sucht, der weder tanzt noch reist noch wandert, aber gerne die Sopranos guckt und dabei Pralinen futtert. Aber so eine Kontaktanzeige habe ich noch nie gesehen. Ich muss davon ausgehen, dass Typen wie ich offenbar nicht sehr gefragt sind. Außer bei mir zuhause.
Gesucht sind hingegen Herren mit Bildung und Charakter, aber es steht selten dort, wie viel Bildung und Charakter denn so genau gewünscht werden. Zuviel von beidem halte ich für unerträglich. Aber ich bin ja auch keine Frau. Mal lesen, was sonst noch gefordert wird. Eine „gut sit. Witwe“ sucht jemanden für „lebendigen, seelischen u. intell. Austausch (z.B. ü. Kunst, Politik u. Psych.).“ Da stellt sich die Frage: Was bedeutet „gut sit.“? Vielleicht gut sitzend. Eine gut sitzende Witwe würde ich schon gerne mal kennen lernen und vielleicht auch mit ihr über „Psych“ reden.
Immerhin weiß man bei ihr, wo man dran ist. Bei der Kandidatin darunter ist das gar nicht so einfach herauszufinden: „Stille eines Sommermorgens am See, Farben, Spiel der Libellen, Fische, Vögel, Sonne, Wind auf der Haut… Sehnsucht teilen zu dürfen Erleben, Leben… still, sinnlich, lebendig.“ Hm. Da bekommt man ja doch ein bisschen Angst. Genau wie bei der Akademikerin, die sich danach sehnt „ihre Weltanschauung“ mit einem zu teilen.
Vielleicht muss ich selber mal eine Kontaktanzeige schreiben. Obwohl ich gar keine Kontakte suche, denn das ist furchtbar anstrengend und es besteht ja auch kein Bedarf. Sara findet aber, ich solle das ruhig mal ausprobieren, dann würde ich ja sehen, was ich an ihr habe. Das mag stimmen. Die schönste Kontaktanzeige eines Mannes, die ich je las, war sehr kurz. Der Text lautete: „Trinke Ihren Wein. Komme ins Haus.“ Wer weiß, wer ihm darauf geschrieben hat? Im Grunde bin ich ganz froh, dass ich bereits verheiratet bin. Es erspart mir das erfinden von freundlichen Synonymen für „kurzsichtig“ („interessant“), „sporadisch zu dick“ („Genießer“) und „zunehmend vertrottelt“ („liebenswert“).
Wenn ich inserieren würde, lautete der Text wahrscheinlich: „Suche eine Frau, die genau so ist wie meine.“ Aber die habe ich ja schon.