Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.07.2008

65_Ein Besuch im Mittelalter

Zu den großen Familienvergnügungen im bayerischen Sommer zählt der Besuch eines Ritterturniers. In anderen Gegenden Deutschlands geht man zu Winnetou-Aufführungen oder in Safari-Parks. Beides kenne ich noch aus meiner Kindheit. Das einzige, woran ich mich bei letzterem erinnere, ist eine unerhört riesige und violett gesprenkelte Zunge, die während der Fahrt durch das afrikanisierte Gelände in die offene Fahrerscheibe fuhr und die Schulter meines Vaters nach Erdnüssen abtastete, was diesen dazu veranlasste Vollgas zu geben. Dieser große abenteuerliche Moment wurde nicht einmal vom Auftritt Winnetous im sauerländischen Elspe übertroffen. Es schiffte mächtig, damals vor knapp dreißig Jahren, doch das hinderte Pierre Brice keineswegs daran, mit seinem Pferd die Freilichtbühne auf und ab zu galoppeln und Kalendersprüche aufzusagen. Im Gegensatz zum Winnetou im Film sprach er allerdings mit einem französischen Akzent, was mir sehr missfiel. Er hörte sich an wie Inspector Clouseau, man konnte ihn einfach nicht ernst nehmen. „Der soll mal ordentlich reden,“ dachte ich und wandte mich für immer von Karl May ab.
Inzwischen habe ich selber Kinder und diese möchten einmal pro Jahr zum Ritterturnier. Derartige Veranstaltungen sind Sammelbecken für in der Gesellschaft schwer vermittelbare Fantasyfans. Man konnte manche Besucher kaum von den Kleindarstellern des Turniers unterscheiden. Schon auf dem Parkplatz begegnete mir ein zottelbärtiger Familienvater in Landsknecht-Ausrüstung samt Schamkapsel, der den Kofferraum seines VW-Sharan öffnete, um Schwert und Kinderwagen zu entnehmen. Das eigentliche Festgelände wurde durch ein Holztor betreten, hinter dem manch fröhlich Gaukeley auf die Besucher wartete, sowie Pfannengyros und scheußliches Kunsthandwerk. Auf meine Frage, was denn das Gyros kostete, antwortete ein in braunes Leinen gehüllter Marketender: „Für dieses Mahl erbitte ich von Euch vier Taler, sowie einen Taler Pfand.“ Pfand? Im Mittelalter? Ich zahlte und ich zahlte noch oft an diesem wohl sonnigen Tage. Nick bekam zum Beispiel eine Ritterrüstung aus Pappe sowie einen Morgenstern, mit dem er seiner großen Schwester auf den Hintern drosch. Diese begehrte ein Burgfräulein-Kostüm aus rotem Samt (nur achtzig Taler!), welches ich ihr aber nicht kaufte. Ich mag ein Spielverderber und Geizhals sein, aber ich habe Geschmack. In zwanzig Jahren wird sie mir dankbar dafür sein, dass kein einziges Foto von ihr in diesem doofen Kleid existiert. Ich erwarb stattdessen einen eingefassten Rosenquarz mit einem Lederbändchen, dass sie sich umhängte und auf Wunder wartete. Und Getränke, die wir aus tönernen Humpen zu uns nahmen. Zumindest Nick war völlig aus dem Häuschen. Er brüllte: „Prost Männer!“ und hieb seinen Krug an den meinen, wobei er mir beinahe einen Schneidezahn ausschlug, denn ich trank bereits.
Nachdem wir das Gelände mehrfach durchschritten und sämtliche Ritter, Harlekine, Pestkranke und Jongleure, die dort im Auftrag einer Großbrauerei herum liefen, gebührend bestaunt hatten, schritten wir zum Turnierplatz. Fast zwei Stunden dauerte der von einer total unglaubwürdigen Handlung mühsam eingerahmte Ritterkampf. Es ging in etwa um Folgendes: Der schwarze Ritter raubt die Braut eines Prinzen, welcher dann anhand eines Turniers den edlen Ritter aussuchen muss, der gegen den Bösen reiten soll, welcher sich erst als Frau entpuppt, später als Mann wiederkehrt und schließlich im Finale in die Hölle geschickt wird. Oder so ähnlich. Ständig wird geritten und geprügelt, dann uns wann knallt und qualmt es. Eigentlich wie bei Winnetou, bloß mit Rittern – und ohne Pierre Brice. Am Ende der Darbietung hatte ich einen Sonnenstich.
Wir wankten zum Auto, ich schaltete die Klimaanlage auf 15 Grad und fuhr unkonzentriert, weil dehydriert vom Acker, an dessen Ende ich dem Landsknecht die Vorfahrt nahm. Es krachte, der Bärtige stieg aus und beschimpfte mich auf das Fürchterlichste. Beinahe hätte er mir mit dem Schwert den Schädel gespalten. Wir tauschten Versicherungsnummern und er stieg brummend in seinen Sharan, um gegen Augsburg zu entweichen. Schweigend fuhr ich nach Hause. Es war schon fast dunkel, ich trug Nick ins Bett. Auf meine Frage, was denn das tollste an dem Ritterturnier gewesen sei, zögerte er keine Sekunde: „Der Ritter auf dem Parkplatz. Der war so krass cool.“ Und dabei hatte der nicht einmal ein Pferd.