Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.07.2008

66_Ćevapčići

Seit Tagen trage ich eine Schuld mit mir herum. Ich habe sie mir in unserer Küche aufgeladen, sie wiegt schwer, nun ja: Ich habe meinen Kindern olles Ćevapčići angedreht. Ich ahne, Sie sind empört. Jedenfalls war das so: Ich arbeitete in himmlicher Ruhe, denn ich war alleine zuhause. Und plötzlich standen Carla und Nick vor der Tür. Schule und Kindergarten waren aus, der Heimweg hatte sie in hungrige kleine Kindermonster verwandelt. Sie stürzten in die Küche. Wo ist unser Mittagessen? Tja. Ich hatte sie vergessen, die armen Monsterkinder. Und das Mittagessen auch. Panisch durchwühlte ich den Kühlschrank und dann fiel mir eine Packung Ćevapčići in die Hände. Sechs Stück. Von mir einige Zeit zuvor fürs Grillen besorgt, dann aber nicht einmal ausgepackt. „Och nööö,“ hatten die Gäste gesagt. Keiner wollte Ćevapčići. Also landete die Packung mit den gewürzten Hackfleischröllchen hinter dem Senf und einem nie probierten Quittengelee im Kühlschrank.
Ich sah nun auf das Etikett, da stand ein Datum und eine sehr ernste Formulierung: Vor dem Soundsovielten aufbrauchen. Und der Soundsovielte war schon zwei Tage her. Die Dinger waren abgelaufen. Ich öffnete die Folie. Die Ćevapčićis sahen ein wenig grau aus, ungefähr wie ich am Neujahrsmorgen, aber sie rochen viel besser. Jedenfalls nicht verdorben.
Also briet ich meinen Kindern die nicht übel riechenden Gammelčićis und sie aßen sie mit gutem Appetit. Sie lobten mich sogar, besonders weil ich verzichtete, denn es waren ja nur sechs. Eineinhalb Tage lang machte ich mir Sorgen, aber niemand ist gestorben. Woher nun mein Schuldgefühl? Ganz einfach. Die Frage ist: Hätte ich Nick und Carla sagen sollen, dass die Teile eigentlich schon drüber waren? Eigentlich hatten sie ein Recht auf diese Information, oder? Andererseits hätten sie das Zeug dann nicht angerührt und wir hätten ein riesengroßes Mittagessenstheater gehabt. Und letztlich waren die Balkan-Buletten ja auch nicht schlecht.
Englische Väter haben es besser. Auf ihren Ćevapčići-Packungen steht nämlich nicht: „Vor dem Soundsovielten verbrauchen“ oder „nicht nach dem Soundsovielten verbrauchen.“ Sie lesen vielmehr die geniale Formulierung: „Best before dem Soundsovielten.“ Das bedeutet noch lange nicht, dass man die Ćevapčićis danach nicht mehr essen kann, sie sind nur nicht mehr best, sondern eventuell nur noch zweitbest. Und zweitbest is immer noch better als abgelaufen. Nick wäre mit zweitbest auf jeden Fall einverstanden.
Gut wäre in diesem Zusammenhang übrigens die Einführung der Kennzeichnungspflicht für Fernsehschaffende, Sportler und Politiker. Man wüsste dann, wann man sie zu entsorgen hätte und müsste sie nicht noch jahrelang mit sich herumschleppen. Thomas Gottschalk zum Beispiel ist schon seit Jahren abgelaufen. Unter seinen Haaren steht: „Best before 1996.“ Der ist schon zwölf Jahre über dem Verfallsdatum! Oder Lothar Matthäus. Der spielte noch in der Nationalelf, als er längst zweitbest war. Am Ende war er sogar häufiger elftbest, was dem Trainer Erich Ribbeck aber nicht auffiel, weil jener selbst das Verfallsdatum überschritten hatte.
Bei Politikern ist das oft nicht ganz leicht festzustellen. Verfügt ein Ministerium über eine anständige Klimaanlage, so lässt sich eine Ministerin wie Heidemarie Wieczorek-Zeul mühelos ein Jahrzehnt oder länger darin aufbewahren, ohne verbraucht zu wirken. Das ist aber selten. Hat ein Edmund Stoiber sein Verfallsdatum überschritten, dann merken das zuerst die eigenen Parteifreunde. In diesem speziellen Fall wäre allerdings zu prüfen, ob seine Nachfolger Beckstein und Huber nicht schon vor ihrem Amtsantritt abgelaufen waren.
Ein ganz interessanter Fall ist Oskar Lafontaine. Er stellt ein seltenes Beispiel für einen Politiker dar, der sich selbst entsorgt hat. Er hat sein Mindesthaltbarkeitsdatum (03/1999) nicht überschritten, sondern rechtzeitig alle Ämter im Kabinett des damaligen Bundeskanzlers Schröder (übrigens best before 2004) niedergelegt. Interessanterweise tauchte Lafontaine mit einer neuen Gewürzmischung Jahre wieder auf. Sein Etikett wurde überklebt und so bleibt er uns noch mindestens vier, bei kühler Lagerung sogar sechs Jahre erhalten. Lafontaine ist eine Art immerfrischer Ćevapčići.