Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 31.07.2008

68_Endlich Ferien!

Endlich mal wieder Ferien. Wir Deutsche schwärmen samt Kindern und Vollkornbrot aus, um das restliche Europa mit unseren Kenntnissen über die spanische/italienische/griechische Kultur und der deutschen Straßenverkehrsordnung zu beglücken. Unsere Nachbarn freuen sich wie wild darüber, dass wir bei ihnen vorbei kommen und ihnen das eine oder andere Werk von Gaudi oder Leonardo da Vinci näher bringen. Die Bewohner aller europäischen Länder lieben es, die Vorfahrtsregeln und das Wesen der deutschen Rechtsschutzversicherung erläutert zu bekommen. Wenn wir Deutsche verreisen, dann sprechen wir oft sogar die Landessprache besser als unsere Gastgeber, zum Beispiel in Österreich. Oder in Holland. Oder in Italien.
Die Deutschen lieben Italien und das lassen sie die Einheimischen spüren, indem sie beispielsweise in Landessprache ihr Essen bestellen. Gnotschi mit einem Glas von dem Grittscho mögen die Deutschen gerne. Um sich vor ihren Umarmungen und um ihre Sprache vor unbefugtem Zugriff zu schützen überreichen Gastronomen in Südeuropa gerne übersetzte Speisekarten. Manchmal führt das zu komischen Szenen.
Ich kann mich noch gut an den Auftritt eines offenbar aus einem westlich gelegenen Vorort Münchens nach Italien gereisten Ehepaares erinnern. Die beiden betraten eine Pizzeria in Verbania am Lago Maggiore, er trug dabei schockierende Studiendirektor-Sandalen, also solche, deren Design an ausgestorbene Amphibien erinnern. Intelligente Schuhe sind das, die nachts wach werden, den Fernseher bedienen können und den schlafenden Studiendirektor in die Nase beißen. Jedenfalls sahen die Sandalen so aus. Der Mann hatte auch einen Rucksack dabei. Ich glaube, da war eingetuppertes Kartoffelpürree drin. Bisschen eklig, aber zu schade zum Wegschmeißen. Die beiden setzten sich an den Nachbartisch und bekamen vom Kellner, der die beiden zuvor kein Wort hatte sprechen hören, sofort die deutsche Karte. Das Paar blätterte lange schweigend darin. Dann las er in Fürstenfeldbruckisch vor: „Pizza mit Schinken und Rauke. Wo is’ jetz’ des?“
Seine Frau antwortete: „Rauke. Ja, äh, Rauke. Des is’ Rucola!“
Und er darauf total empört: Ah! Rucola. Ja, und warum schreims des net gleich nei?“
In anderen Ländern erhalten wir deutschsprachige Karten, weil es dort tatsächlich noch mit der Kommunikation hapert: Zu wenig portugiesische Kellner können deutsch! Also suchen sie sich jemanden, notfalls ein Internet-Wörterbuch, und überwinden auf diese Weise spielend jede sprachkulturelle Kluft. Manch zauberhaftes Gericht erheitert auf diese Weise das Gemüt.
Das Restaurant Solar dos Bicos in Lissabon zum Beispiel begrüßt seine deutschen Gäste mit einer Speisekarte, bei der dem hungrigen Sprachforscher das Wasser im Mund zusammenläuft.
Nach einer „Grunnsuppen“ für günstige 1,30 Euro fällt es schwer, sich zu entscheiden. Denkbar wäre „Gemushtes Kaltes Fleish,“ eine Delikatesse, die sich problemlos mit „Krabben kockt“ und „Krabbenbrai“ kombinieren lässt. Wobei der „Krabbenbrai“ vielleicht eher etwas für die kleineren Gäste sein dürfte. Danach wird es spannend. Was mag sich wohl hinter „Haushuhu Reis Cabidela“ verbergen? Kauz mit Reis? Oder ein Hausschuh-Risotto? Möglicherweise Hausschuh vom Oberstudienrat im Reisrand? Fahren Sie nach Lissabon und bestellen sie es, nehmen sie dazu unbedingt auch einen „gemuschen Salat.“ Das klingt sexistisch, schmeckt aber ausgezeichnet.
Für Besitzer von Photovoltaik-Anlagen und andere stilsichere Trendsetter empfiehlt der Küchenchef in der Rubrik „Fishe Hause Spacialitan“ eine Portion „Solar Stockfishe.“ Diese sind nicht ganz billig, aber immer noch zwei Euro günstiger als „Seesunggegrillt“
Ein ernst gemeinter Tipp zum Schluss: Deutsche Touristen sollten im Restaurant Solar dos Bicos aufpassen mit den Manieren. Wer sich hier nicht benimmt und etwa zu wenig Trinkgeld springen lässt, muss sich nicht wundern, wenn er schon am Donnerstag selber auf der Tageskarte steht, und zwar als „Hannschen Gegrillet.“